Ravels Hemden, Rameaus Neffen
Literarische Kammermusik und große Gedankenoper:
Jean Echenoz erzählt von einem rätselhaften Musiker namens «Ravel»,
Wolfgang Schlüter inszeniert in «Anmut und Gnade»
Jean-Philippe Rameau im Zwiespalt der Zeiten
Von Holger Noltze
Am Ende sägen sie ihm wahrhaftig den Hirnkasten auf: Das Gehirn
präsentiert sich links etwas eingesunken, wirkt aber ziemlich normal,
ohne auffällige Erweichung, obwohl ein Ödem die ihrerseits nicht
geschrumpften Windungen auseinander drückt. Man kann keinen Tumor
entdecken und punktiert daher, um etwas Flüssigkeit abzunehmen, den
Seitenventrikel, wobei dieser nun hervortritt, wenn man den
untersuchten Bereich zusammendrückt.
Sie drücken hier und da, injizieren etwas Wasser, aber sie finden
«nichts». Nichts, was das merkwürdige Abhandenkommen des Komponisten
Maurice Ravel aus der Welt, die ihn zuletzt so ausgiebig gefeiert hat,
erklären könnte. Bei einem Taxi-Unfall in Paris, im Oktober 1932, hatte
Ravel ein paar Zähne verloren und allerhand Schrammen davongetragen.
Diese verheilten, doch mehrten sich danach die Zeichen, dass etwas mit
seiner Denkfähigkeit nicht mehr stimmte. Vergesslich war er immer
gewesen, hatte einmal sogar den König von Rumänien warten lassen und
andere hochgestellte Persönlichkeiten, die ihm gern die Ehre ihrer
Aufmerksamkeit erwiesen hätten. Jetzt aber wird alles schlimmer. Ravel
schwimmt bei einem Urlaub im baskischen Saint-Jean-de-Luz hinaus, bald
treibt er als «toter Mann» auf dem Wasser. Er wird gerettet und gibt
auf Nachfrage an, er habe vergessen, wie man schwimmt. Er steckt
Zigaretten mit dem glühenden Ende zwischen die Lippen. Er kann seinen
Namen nicht mehr schreiben. Keine Autogramme mehr geben. Nicht mehr
Klavierspielen. Er kann seine eigene Musik nicht mehr erkennen.
Im aufgesägten Schädel kann man den Hirnschwund sehen,
erkennt aber keinen Grund dafür (Alzheimer ist es wohl nicht, denn
furchtbarerweise bleibt Ravels Geist klar: Er kann seinem Ende
zusehen). Nach der Operation vor Weihnachten 1937 ist er noch kurz bei
Bewusstsein, dann sinkt er ins Koma, zehn Tage später ist Ravel tot,
man kleidet seinen Körper in einen schwarzen Anzug, weiße Weste, harten
Stehkragen mit umgebogenen Ecken, weiße Fliege, helle Handschuhe. Es
gibt von ihm kein Testament, kein bewegtes Bild, nicht eine einzige
Aufnahme seiner Stimme.
Ravel ist tot, und Jean Echenoz’ meisterhafter kleiner Roman
zu Ende, der auf wenig mehr als hundert Seiten die letzten zehn Jahre
des Komponisten erzählt – um genau zu sein: eines Komponisten, der den
Namen Ravel trägt und der mit dem Erfinder des «Bolero», der «Pavane
pour une infante défunte», von «Daphnis et Chloë» und «La Valse» vieles
gemeinsam hat: die Statur (ein kleiner Mann mit Jockey-Figur, keine
einssechzig groß, keine 54 Kilo schwer), das unentwegte
Gauloises-Rauchen, die Kühle und Distanziertheit (bis zu groben
Ungerechtigkeiten gegen die, die ihn lieben), die mäßigen Fähigkeiten
als Klavierspieler, die Vorliebe für korrekte Kleidung, Lackschuhe und
Spielzeuge aller Art. Echenoz’ Romanfigur sieht dem Ravel der
Musik-Lexika wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich, er spricht sogar
verbürgte Ravel-Sätze, aber er ist es nicht. Womit der Autor das
übliche Verfahren nicht nur von Musikerbiografien auf den Kopf stellt:
da wird, anhand der auffindbaren «Lebenszeugnisse», eine Figur
imaginiert, aber als «echt» ausgegeben.
Schauen, wo die Widersprüche wohnen
Der schmale Band «Ravel» des Goncourt-Preisträgers Echenoz, in
Frankreich ein Bestseller, will keine Biografie sein, und dass man sich
dabei ertappt, ihn doch so zu lesen, gehört zu den feinen Strategien
der Ironie, die der Autor hier anwendet (und die der Übersetzer Hinrich
Schmidt-Henkel ins Deutsche hinüberzuretten vermochte). Sehr
gelegentlich lässt Echenoz den Erzähler zwischen den Zeilen
herausschauen: Bei der Einweihung einer Ravel-Büste spricht er uns
angesichts der noblen Gästeliste an und meint, es befänden sich
darunter manche, «von denen Sie vielleicht gehört haben, Arthur
Honegger, Léon-Paul Fargue oder Jacques Ibert, kurz, die üblichen
Freunde». Oder wenn er, bei einer Vergesslichkeitsanekdote, anmerkt:
«Man muss diese Geschichte nicht unbedingt glauben.»
Am Ende ist es allerdings dann die für den historischen Ravel
verbürgte Hirnoperation, die auf blutige Weise einen Wunsch des
Hörers/Lesers inszeniert: diesem rätselhaften kleinen Mann einmal in
den Kopf zu schauen, dahinein, wo die Widersprüche wohnen. Wovon es
manche gibt. Er liebte Fälschungen aller Art, unter den lebenden Wesen
aber nur Kinder und Tiere. Liebte er je eine Frau, einen Mann? Er
genießt die Triumph-Tourneen seiner späteren Jahre und scheint doch an
seinen Bewunderern zu leiden. Er kann über seine eigene Musik staunen
und bekennt doch, er habe «nichts von dem gesagt, was ich sagen
wollte». Er komponiert den «Bolero», den Welthit erotischer Musik, aber
als ein Präzisionsmaschinchen der Instrumentation, eine Orchesterfabrik
ohne Thema, einen musikalischen Selbstmord mittels reiner
Klangvermehrung.
Die Welt des Luxus und der Moden
Den Ravel-Rätseln nähert sich Echenoz – und eben das ist das Schöne –
weder mit dem Skalpell, noch mit dem dicken Biografenpinsel und auch
nicht mit dem Besteck der Psychoanalyse. Ganz von außen schraffiert er
die Umrisse seiner Figur, und das ist schon darum keine kleine, erst
recht keine karge Kunst, weil er sich mit subtiler Beschreibungslust in
die Welt der Dinge wirft, mit denen sich Ravel (und «Ravel») umgab, der
kein reicher Mann war, aber auf seine Atlantik-Fahrt zur
Amerika-Tournee sechzig Hemden, zwanzig Paar Schuhe, fünfundsiebzig
Krawatten und fünfundzwanzig Pyjamas mitnimmt. Es ist die Welt der
«Hispano»-Automobile mit Weißbandreifen, der Luxuszüge mit eingebauten
Himmelbetten und Badewannen, wahlweise mit Süß- oder Meereswasser. Es
ist eine Welt, in der es einen Unterschied macht, ob man einen
Schlafanzug in Smaragd- oder Veroneser Grün wählt.
Und so verdanken wir Jean Echenoz’ Ravel-Imagination einen der seltenen
glücklichen Momente im meist unglücklichen Leben dieses Mannes, selbst
wenn er bloß ausgedacht ist: Ankunft in New York, großer Bahnhof für
den großen Mann. Verschiedene Abgesandte musikalischer Gesellschaften
sind da, Verbandspräsidenten, zwei Vertreter der Stadtverwaltung, eine
Wolke von Fotoreportern, die riesige Blitzgeräte zücken, Journalisten
mit Notizbüchern, die Visitenkarte unters Hutband gesteckt,
Karikaturisten und Kameraleute. Von der Gangway herab erkennt Ravel ein
paar Bekannte, er winkt heftig, kann sich dann nicht mehr beherrschen
und ruft ihnen zu, über die Reling gelehnt: «Wartet bloß, was ich für
tolle Krawatten dabeihabe!»
Symphonisch orchestriert: der barocke Neutöner
Ist es ein Zufall, dass sich unter den bemerkenswerten Romanen dieses
Frühjahrs mindestens zwei befinden, in denen französische Komponisten
im Zentrum stehen? Wo Jean Echenoz mit «Ravel» Kammermusik macht,
arbeitet Wolfgang Schlüter in «Anmut und Gnade» symphonisch. Und wo der
Franzose die schöpferischen Geheimnisse der Musik wahrt, im liebevollen
Blick von außen auf einen (nicht immer liebenswürdigen) Schöpfer, da
führt uns Schlüter, für den Musik schon in seinen früheren Romanen den
Impuls zur Literatur gab («John Field und die Himmels-Electricität»,
1998, und «Dufays Requiem», siehe Literaturen 11/2001) mitten hinein in
eine ästhetische Debatte des 18. Jahrhunderts. Dass solche
Entlegenheiten nicht gut für die Auflage sind, hat dieser virtuose
Erzähler schon erfahren müssen. Und Jean-Philippe Rameau, der die
französische Oper nach Lully erneuerte, Compositeur de la chambre du
roi Ludwigs XV., ist natürlich wieder kein Romanheld nach der
Konfektion des historischen Romans.
Aber «Anmut und Gnade» ist weit mehr, und eigentlich auch keine
Symphonie, sondern nicht weniger als eine literarische Gedankenoper.
Ihr Thema ist die Oper selbst, die unmögliche Kunst aus Spektakel und
Wahrheit. Souverän spielt sie auf ganz verschiedenen Handlungs- und
Zeitebenen. Wir erwischen noch den Rockzipfel des alten Lully, bevor er
sich mit einem eisernen Taktstab zu Tode bringt. Sechzig Jahre später
gerät Rameau zwischen die Fronten; er hat das klassizistische Modell
der Tragédie lyrique in jeder Hinsicht verfeinert und verschärft, weg
von der edlen simplicité des Gattungsmodells. Für die Lullisten ist er
ein Neutöner, für die Köpfe der neuen Zeit, die Enzyklopädisten, für
Diderot, Voltaire, besonders Rousseau, ein Reaktionär. «Da sehe ich nun
die Aporie, Monsieur», bringt Voltaire die Sache auf den Punkt, «daß
eine Oper, die sich auf die Seite des Naturrechts schlägt, in ihrem
Aufwand zugleich die sinnfälligste Manifestation jenes Luxus ist, der
die Unterdrückung dieses Rechts zu seiner Voraussetzung hat.»
Auftritt Nikolaus Harnoncourt als Erlkönig
Womit ein Einwand gegen die Oper selbst formuliert ist. Einer Kritik
dieser Art hilft auch der gute Inhalt nicht ab: «Der einzigartig humane
Ton gerade Ihres ¼uvres exculpiert und beschwichtigt das schlechte
Gewissen der Gesellschaft und verlängert und verhärtet damit die
Verhältnisse, die er unausgesprochen beklagt.» Der französische
Absolutismus hat für seine Repräsentation im Opernspektakel ungleich
tiefer in den Staatssäckel gegriffen als heute etwa der Berliner Senat.
Die Fragen aber sind geblieben: Es geht schlicht darum, was man sich
«leisten» will, es geht um Luxus und Armut, um Kitas und Komische Oper
– und Wolfgang Schlüter macht klar: Es geht ein bisschen sogar ums
Ganze.
So schickt er im Jahr 2003, in der jüngsten Zeitschicht des Romans, ein
österreichisch-internationales
Experten-Ensemble für historisch informierte Aufführungspraxis nach Paris,
wo Rameaus exotische Opéra
ballet «Les Indes Galantes» aufgenommen und aufgeführt werden soll. Sie nennen
sich «Les Encyclopédistes» und wollen kein «Barock»-Ensemble sein, haben aber eine
durchaus barocke Figur als Chef, Christoph Erlmayr, den alle Erlkönig nennen. Der ist
einem wirklichen Kollegen fein abgemalt: «Wenn der Rameau etwa gai schreibt, bestimmt
er ja nicht die Ausführung. Sondern. Er benennt den Charakter des Stücks. Das heißt.
Wir haben zunächst ein Schreiten, ja, aber ein geschwindes, eleviertes Schreiten, bei
dem die Perücke stäuben muß! Und danach,
quasi allabreve, das lent weiter im vite, als beschwingte, aber auf keinen Fall
überhetzt abgespulte Bewegung. Lola rennt – ihr trabts höchstens! Ich will dieses
Tempo ganz rational dividiert haben. Zu Beginn also nicht steifen Pomp, sondern
angespannte Energie! Louis Quinze, nicht Quatorze! Nochamal, bittschön. Pscht! – Drei – vier!»
Ein großes, tragisches Feuerwerk
Solche Proben-Mitschriften verdanken wir dem Ich-Erzähler des Romans, dem Pressereferenten Walter
Mardtner, und dass dieser auch auf Nahberichte aus den Pariser Salons von vor 250 Jahren
zurückgreifen kann, verdankt er einem jüdischen Privatgelehrten und Bouquinisten namens Grünspan:
Derart haarsträubend durchsichtig konstruiert und gleichzeitig bis in die Details kunstvoll
miteinander verschränkt hat Wolfgang Schlüter die Fäden seiner Geschichte. Was den
Ausstattungsaufwand angeht, kann es «Anmut und Gnade» mit Tom Tykwers «Parfüm» aufnehmen:
Man meint die Chocolade zu schnuppern und den Perückenpuder, schaut hinauf zu den Turmfrisuren
der Damen und hinab in die Untermaschinerie der Oper, wo sich eine Verschwörung zur
Ermordung des Königs zusammenbraut (die während der nächsten Rameau-Premiere stattfinden
soll). Denn die herrschenden Verhältnisse sind nicht mehr stabil, nicht damals, nicht heute.
Aus den Pariser Banlieues der erzählten Gegenwart schwappt der Aufstand der Jugend ins
Zentrum – angeblich findet sich sogar ein Aufruf zur Erstürmung der Oper –, und auf dem
Weg dann zur Aufführung der «Galanten Indien» wird das Taxi des Pressereferenten mit
Baseballschlägern traktiert. Schließlich schiebt Schlüter auch noch den so genannten
Karikaturenstreit auf seine breite und nicht eben leere Bühne. Immerhin ein Anlass für
Mardtner zu ein paar deutlichen Worten über den fundamentalen Gegensatz «zwischen Setzung
des Absoluten und Dialektik des Relativen. Er fordert von uns, ein historisch hinlänglich
legitimiertes, souverän unaufgeregtes Selbstbewusstsein in einem reflexiven Akt der
Selbstverspottung aufzuheben. Mit einem Wort, zu lachen – denn wer lacht, stellt sich
selbst nicht minder bloß als den ridikülen Eiferer, der mit der Setzung seiner Absoluta dem Denken selber wehrt».
Am Ende stehen Hakenkreuze auf den Resten von Grünspans abgebranntem Bücherkarren, den
die «Söhne maghrebinischer Einwanderer» abgefackelt haben. Überhaupt endet hier alles
mit einem großen, tragischen feu d’article, Schlüter geht entschieden an die Grenzen und
noch etwas weiter, gar bis an die Himmelspforte. Einwände mangelnder Dezenz laufen hier
ähnlich ins Leere wie bei Rameau die Kritik an einem Mangel von simplicité und vraisemblance.
Denn dieser so lustvoll verschachtelte Roman bleibt jederzeit transparent nicht nur im Einsatz
seiner Kunst-Mittel, sondern auch auf sein Thema hin: Es geht um die Tiefenschichten, hinab zu
den tektonischen Gründen, wo soziale und ästhetische Erdbeben auf komplizierte Weise miteinander verbunden sind.
Rousseau ist der Nietzsche Rameaus
Ein zwischen den Zeiten verwirrter Wiedergänger Jean-Jacques Rousseaus läuft mit
Botanisiertrommel und Schmetterlingsnetz durch dieses kranke Paris von heute, wo
man die Metro mit Mozart beschallt: um die Drogenszene abzuschrecken; ein Citoyen aus Genf, dessen
Parole «Zurück zur Natur» seinerzeit die Kunstwelt des Ancien régime erschütterte.
Rousseau ist der Nietzsche
Rameaus: Der Wunsch nach Anerkennung durch den Meister Rameau schlägt um in erbitterte
Feindschaft. Der in Paris lebende deutsche Baron Grimm sagt es: Rousseau «tut gut
daran, den Finger auf die socialen Determinanten von Intellectualité im Absolutisme
zu legen – nur: Wenn der Prozeß der Intellektualisierung als wesentliche Ursache socialer
Ungleichheit gelten soll, wird eine Aufklärung, die égalité an die Stelle von grâce setzt,
sich aufkündigen müssen und eine Radikalität, die sich überschärft, stumpf und schartig werden».
Dialektik der Aufklärung: wo Anmut und Gnade verschwinden, erstickt dann auch die
luzide, raffinierte Kunst eines Rameau. «Seine Musik ist unbestritten die
ästhetisch differenzierteste unserer Epoche, aber wenn
ihre Fortschrittlichkeit von Jean-Jacques als reaktionär begriffen wird, als
tönendes Symbol einer ungerechten Gesellschaftsordnung, dann gelangen wir zu
dem Paradoxon, daß man ihre Modernität als Chiffre des Ancien régime und ihre
génerosité nicht als Geschenk an die Menschheit, sondern als Luxusspielzeug der
ängstlich ihren Besitzstand wahrenden classe vénérable ansehen wird – was, wenn man
dieser die Totenglocke läutet, einem ästhetischen Todesurteil gleichkommt.»
Es ist die zutiefst melancholische Pointe von Schlüters großem Roman, dass er
das Bild des Feuerwerks als ein Leitmotiv wählt: Im Verglühen wird da noch
einmal eine Welt in allen Farben beleuchtet. Vielleicht ist hier einmal eine Prise
Pathos erlaubt: Es ist das Alte Europa.
Holger Noltze ist Professor für Musik und Medien
an der Universität Dortmund. Zuletzt erschien von ihm
der Band «Goethe für die Westentasche»