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Schaffensrausch und Paralyse: Große Komponisten und ihr Leiden an der Syphilis
Welch ein höhnisches Spiel der Natur, dass sie das Bild höchster Vergeistigung erzeugen mag dort, wo der Geist entwichen ist! Tief lagen die Augen in den Höhlen, die Brauen waren buschiger geworden, und darunter hervor richtete das Phantom einen unsäglich ernsten, bis zur Drohung forschenden Blick auf mich, der mich erbeben ließ, aber schon nach einer Sekunde gleichsam in sich zusammenbrach, so, dass die Augäpfel sich nach oben kehrten, halb unter den Lidern verschwanden und haltlos hin und her irrten.“ Vor Jahren hat der Komponist Adrian Leverkühn, Titelfigur von Thomas Manns Doktor Faustus, seinen Verstand verloren und vegetiert nunmehr vor sich hin. Sein Freund und Chronist Serenus Zeitblom wendet sich mit Schaudern ab von Leverkühns Krankenlager. Dem endgültigen Verfall des Tonsetzers war ein verstörendes Bekenntnis vorangegangen. Leverkühn hatte sich wissentlich mit Syphilis infiziert, als er einer „Milchhexe“ nachstieg und „mit dem giftigen Falter koste“, dem „Engel des Gifts“. Zugleich hatte er damit einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, der dem Künstler nur kalte Liebe, wohl aber heißes Schaffen auf eine Spanne von 24 Jahren versprach. „Aufschwünge liefern wir und Erleuchtungen, Erfahrungen von Enthobenheit und Entfesselung, von Freiheit, Sicherheit, Leichtigkeit, Machtund Triumphgefühl, dass unser Mann seinen Sinnen nicht traut [...]. Und entsprechend tief, ehrenvoll tief, geht‘s zwischendurch denn auch hinab, – nicht nur in Leere und Öde und unvermögende Traurigkeit, sondern auch in Schmerzen und Übelkeiten, vertraute übrigens, die schon immer da waren, die zur Anlage gehören, nur höchst ehrenvoll verstärkt sind sie durch die Illumination.“ So spricht der Herr der Finsternis – und liefert damit zugleich das Psychogramm einer Krankheit, die ohne Aussicht auf Rettung in die Umnachtung führt.
Neben Friedrich Nietzsche fand Thomas Mann ein Vorbild für sein Künstlerporträt eines Syphilitikers im Leben Hugo Wolfs, das auf geradezu exemplarische Weise von der „Krankheit der Venus“ geprägt war. Geboren 1860, genau wie sein Studienkollege Gustav Mahler, mit dem er sich zeitweilig ein Bett teilt, eckt Wolf überall an. Bereits im Alter von 17 Jahren muss sich der nur 1,54 Meter große Mann aus der Provinz als freier Künstler in Wien durchschlagen. Kurz darauf holt er sich bei einer Prostituierten in der berüchtigten „Lehmgrube“ die Syphilis. Die Infektion, wegen ihrer Fähigkeit, sich in anderen Krankheitsbildern zu tarnen, auch „der große Imitator“ genannt, geht mit Wolfs labiler Psyche eine tödliche Bindung ein. Kurze Phasen fieberhaften Schaffens, in denen seine berühmten Liedersammlungen wie das Spanische und das Italienische Liederbuch entstehen, werden umschlossen von langen Abschnitten der Agonie, in denen er gar nichts zu komponieren vermag. Die längste währt über dreieinhalb Jahre.
Um mich herum nur mehr noch Ungethüme
Als Musikkritiker des Wiener Salonblatts greift der unbehauste und unerkannte Wolf auch Johannes Brahms, den Gott des bürgerlichen Musikbetriebs, scharf an: „Die Kunst, ohne Einfälle zu komponieren, hat entschieden in Brahms ihren würdigsten Vertreter gefunden. Ganz wie der liebe Gott versteht auch Herr Brahms sich auf das Kunststück, aus nichts etwas zu machen.“ Rache für eine frühe Belehrung durch den alten Herrn, der riet, Wolf solle „erstmal tüchtig was lernen“. Als Gustav Mahler die Leitung der Wiener Hofoper übernimmt, hofft Wolf auf eine Chance für seine einzige vollendete Oper Der Corregidor. Doch Mahler, zum Stardirigenten avanciert, will sich nicht festlegen lassen. Wolfs Überempfindlichkeit, die ihn zum zarten Ausdeuter von Lyrik macht, findet keinen Halt mehr im von der Syphilisgeschädigten Nervensystem. Sein Bewegungsapparat ist gestört, doch Wolf will unbedingt Fahrrad fahren lernen. Harte Stürze auf das Wiener Pflaster folgen. Er schreibt seine letzten, kargen Lieder nach Texten von Michelangelo. Dann bricht das dritte Stadium der Krankheit aus, die Paralyse. Unter der Wahnvorstellung, er sei Direktor der Wiener Hofoper, rennt Wolf durch die Stadt. Zwei Tage später, am 21. September 1897, wird er in eine Heilanstalt eingeliefert. Als er sie noch einmal verlassen kann, versucht er sich zu ertränken. Wolf landet in der Niederösterreichischen Landesirrenanstalt. Dort schreibt er noch: „Schon länger höre und sehe ich nichts von der schönen Welt. Um mich herum gibt es seit einiger Zeit nur mehr noch Ungethüme.“ Ab 1899 verliert er nach und nach das Vermögen zu sprechen und zu erkennen. Hugo Wolf stirbt am 22. Februar 1903 in Wien. Glaubt man seinem herausragenden Interpreten und Biografen Dietrich Fischer-Dieskau, so sind Werk und Krankheit des Komponisten beinahe untrennbar miteinander verwoben: „Zehn Jahre nach der syphilitischen Intoxikation und zehn Jahre vor Ausbruch der Gehirnparalyse löst die Krankheit eine manische Befreiung geistiger Schaffenskräfte aus. Wie durch Zauberspruch erreicht Wolf mit einem Mal den Gipfel seiner kompositorischen Originalität.“ ... Mehr im
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