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Die Sängerin DIANA DAMRAU
Damrau Mit den Waffen einer Frau


PARTITUREN Frau Damrau, was ist so faszinierend an der Königin der Nacht, die doch das personifizierte Böse in Mozarts Zauberflöte zu sein scheint?

DAMRAU Bei ihr geschieht alles aus dem Gefühl heraus. Sie hat eigentlich gute Kräfte in sich, aber sie fühlt sich um ihre Macht betrogen und will die mit allen Mitteln zurückgewinnen. Dabei setzt sie nicht nur die „Waffen einer Frau“ ein, also  Manipulation, Verführung, Wortgewandtheit, sondern ihr stehen auch magische Kräfte zur Verfügung. Aber sie scheitert, und ihre Verzweiflung, ihre Unfähigkeit zu lernen macht sie zu einem tragischen Charakter. Den darzustellen, dazu gibt das Element der Nacht natürlich die schönsten Möglichkeiten. In der Inszenierung der Met verwandele ich mich aus einer Insektenlarve in eine gefährliche Libelle: ein todbringendes Insekt von berückender Schönheit.

PARTITUREN Sie haben angekündigt, die Königin der Nacht nach der New Yorker Aufführungsserie nicht mehr auf der Bühne zu singen. Warum?

DAMRAU Diese Partie ist Hochleistungssport. Die singt man nur für eine gewisse Zeit, und ich möchte die Rolle abgeben, bevor ich auch nur den leisesten Zweifel habe, dass ich es noch kann. Ich möchte die Partie in guter Erinnerung behalten. New York ist meine 16. Produktion als Königin der Nacht – und meine erste als Pamina. Das ist kein Fachwechsel, aber doch ein Farbwechsel in meiner Stimme. In der nächsten Zeit kommen einige große Rollendebüts auf mich zu, und ich möchte meinen Körper nicht überlasten. Es zeichnet sich ab, dass meine Stimme in der Mittellage und der Tiefe gewinnt. Ich möchte natürlich die Höhe behalten, aber ich will meine Stimme nicht mit dieser dramatischen Partie belasten. Wenn man da nicht ganz fit ist, ein bisschen müde oder leicht erkältet, kann man der Stimme sehr leicht wehtun. Das möchte ich nicht.

PARTITUREN Die Nacht ist das Refugium für furchteinflößende Figuren und Begebenheiten. Schaurig geht es zu im Dunkeln, in der Oper stirbt es sich auch nachts sehr dramatisch ...

DAMRAU Es gibt auch Szenen, in denen sich die Personen in der Nacht geborgen fühlen. Denken Sie an Gildas große Arie in Verdis Rigoletto. Sie fühlt sich sicher, weil niemand in ihr Herz sehen kann. In der Frankfurter Inszenierung stand Gilda auf einem Balkon, völlig exponiert, und doch fühlte sie sich frei und geborgen. Obwohl der Vater jeden Moment zurückkommen konnte, hat sie ihr Glück der Nacht anvertraut. Das ist die schöne Seite der Nacht. Der Zauberwald im Falstaff ist auch ein magischer Ort, an dem die Dorfbewohner ihre Freude haben. Für Falstaff gibt es zwar ein böses Erwachen aus dieser Nacht, aber das junge Liebespaar findet hier sein Glück.

PARTITUREN Die selige Liebesnacht, in der sich ungeahnte Freiräume bieten.

DAMRAU Man denkt an Romeo und Julia oder den Sommernachtstraum, in dem alle erotischen Varianten durchprobiert werden können. Andererseits geschehen in der Nacht auch die spektakulären Morde, wie in Verdis Macbeth. Die Abgründe der menschlichen Psyche tun sich auf. Schatten und Schemen auf der Bühne werden nicht fassbar. Elektra von Richard Strauss spielt ja ebenfalls in einer stockfinsteren Nacht. Aegisth findet den Weg kaum, bis Elektra ihm leuchtet. Am Ende des Gangs wartet dann Orest mit dem Beil.

PARTITUREN Musikalisch scheinen Nachtszenen die großen Komponisten zu größerer Freiheit inspiriert zu haben. Öffnen sich hier auch Freiräume für die Sänger?

DAMRAU Die Klänge flimmern und schweben oft, etwa im Falstaff oder in Gounods Roméo et Juliette, sie sind nicht greifbar, zweideutig, Verdi benutzt da gern Geigen- und Flötentremoli. Andererseits begegnet Rigoletto dem Mörder Sparafucile in einer Seitengasse bei äußerst dunkler Musik.Hier geben die Kontrabässe den Ton an. Zwei Raubtiere im Käfig kreisen umeinander, Sparafucile pflanzt Rigoletto den Mordgedanken ein bei langen Legatophrasen, die eine große Spannung erzeugen in der Stille dieser gefährlichen Nacht. In der Mordszene durchzucken Blitze die Nacht, da darf das gesamte Orchester richtig zulangen. Man hört auch selten reine Durklänge in den Nachtszenen. Überwältigender harmonischer Reichtum durchzieht die Nächte auf der Opernbühne.

PARTITUREN Je reicher die Harmonien, umso schwieriger ist es für den Sänger, den richtigen Ton zu treffen.

DAMRAU Das ist unser Berufsrisiko. Umso genauer muss ich mich vorbereiten. Man muss diesen Reichtum auch mit der Stimme zeigen, sich an das äußerste Pianissimo heranwagen. Aber in der Gewitterszene im Rigoletto geht es richtig zur Sache. Da ist Gilda kein leichter Koloratursopran mehr, sondern muss sich gegen ein großes Orchester mit Donner und Blitz behaupten, zudem singen noch drei weitere Kollegen um ihr Leben. In einer Arie hingegen muss ich ins schwebende Pianissimo, muss das junge, zarte Glück stimmlich gestalten. Da wird es richtig schwierig, denn die zarten, hohen Töne im Pianissimo erfordern Mut.

PARTITUREN In der Zauberflöte gibt es einen recht simplen Gegensatz der Tag- und Nachtsymbolik. Die Königin der Nacht steht für die Emotionen, für das Unaufgeklärte, Sarastro für die taghelle Vernunft der Aufklärung. Ist diese direkte  Gegenüberstellung von Gefühl und Verstand noch zeitgemäß?

DAMRAU Die Balance ist sehr wichtig. Der Ausgleich zwischen den Gefühlen und dem Verstand. Operngesang besteht schließlich immer aus beidem: aus der Kontrolle, die ich keinen Augenblick vergesse, und dem Gefühl, das den Gesang erst interessant macht für die Zuhörer. Das „Kunst- Machen“ erfordert eine intellektuelle Kontrolle, aber gleichzeitig höre und fühle ich in mich hinein. Mein Gehör kontrolliert und fühlt, was ich singen möchte. Es ist im Grunde ein Hörwille
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