Dies ist die ultimative Edition aller Tonaufnahmen eines Sängers, der als einer der größten lyrischen Tenöre des 20. Jahrhunderts gilt. Bevor er tragisch früh verstummte, hat Aksel Schjøtz neben zahlreichen skandinavischen Liedern auch Schuberts Müllerin und Schumanns Dichterliebe aufgenommen; die CDs bieten auch Einzelstücke in teils wilder Mischung, von Händel bis zu Cole Porter. Schjøtz war ein großer Sänger, seine helle, biegsame, immer sicher geführte und leicht ansprechende Stimme ist großer Nuancen fähig. Und dennoch gewinnt man irgendwann auch den Eindruck einer gewissen Neutralität, einer expressiven Unterkühltheit. Trotzdem ist Schjøtz’ Stimme ein Labsal an Stilbewusstsein, da könnten sich fast alle Stimmfachkollegen der Gegenwart ein Beispiel nehmen. WF
JEAN SIBELIUS, MAGNUS LINDBERG - Violinkonzerte
JEAN SIBELIUS,
MAGNUS LINDBERG
Violinkonzerte
Lisa Batiashvili, Finnisches
Radio-Symphonieorchester:
Sakari Oramo
SonyBMG 88697129362
Erdig, schwer, zuweilen derb klingt das
Orchester, und auch die junge Geigerin
Lisa Batiashvili versteht Sibelius’ Violinkonzert
eher schwerblütig. Obwohl
technisch ohne weiteres dazu imstande,
geht sie auch virtuose Rennstrecken wie
die Coda des ersten Satzes ohne sportiven
Ehrgeiz an, spielt eher langsam, in
sich gekehrt, elegisch. Eine interessante
Sichtweise, freilich keine, die diese
CD zwingend notwendig erscheinen
ließe – hätte nicht Magnus Lindberg
seinem Landsmann Sibelius und der
Widmungsträgerin Batiashvili mit einem
Werk Reverenz erwiesen, das in seiner
unverschämten Verknüpfung traditioneller
Momente und moderner Orchestereffekte
zum Erfolgsstück werden könnte.
Plötzlich darf es bei Orchester und Solistin
auch glitzern, gleißen, funkeln. WF
VALENTIN SILVESTROV - Symphonie Nr. 6
VALENTIN SILVESTROV Symphonie Nr. 6 Beethoven Orchester Bonn: Roman Kofman MDG 937 1478-6
Ukrainisches Doppel: Roman Kofman, der Altmeister aus Kiew, widmet sich der sechsten Symphonie seines Landsmanns Valentin Silvestrov. Schon bei der Uraufführung durch Kofman 2002 machte das Werk in seiner Klangmagie großen Eindruck. Silvestrov, Jahrgang 1937, gehört zu den großen Unangepassten der früheren Sowjetunion, der nicht im Schatten Schostakowitschs mitgeschwommen ist. 52 Minuten Dauer, fünf Sätze, die ineinander übergehen – diesen Rahmen füllt der Ukrainer mit einem Klangmeer, archaisch angereichert durch Glocken und Gong, dessen Wellen an- und abrollen oder sich zu schäumenden Wogen aufbauen. Bisweilen mahlert es etwas heftig – was der Suggestivkraft dieser Musik aber nur wenig Abbruch tut. MH
KL ANG DER WELT: SPANIEN
KL ANG DER WELT: SPANIEN Werke von Aracil, Martínez Palomo, Sánchez-Verdú u. a. Ofelia Sala, Kammerens. Modern der Dt. Oper Berlin: Rubio NCA 60177
Mittlerweile ist sie eine feste Institution, die Kammermusikreihe »Klang der Welt« an der Deutschen Oper Berlin. In jeder Spielzeit steht eine bestimmte Musikregion im Fokus. Mit viel Engagement, kühnem Entdeckergeist und großer Lust an Neuem verblüffen die umtriebigen Musiker des Kammerensembles immer wieder mit originellen Funden.Viel zu schade, diese nur einmal zu hören. Umso begrüßenswerter ist die Studioaufnahme des zeitgenössischen spanischen Repertoires, das vor zwei Spielzeiten aufgeführt wurde. Herausgekommen ist eine überaus gelungene, abwechslungsreiche Zusammenstellung: Folkloreeinflüsse, mediterrane Sinnlichkeit, emotionale Tiefe, konzentrierte Strukturen und aufregend neue Klangsphären – versammelt auf einer CD. Eine absolute Bereicherung! EW
IGOR STRAWINSKY - Le Sacre du Printemps
IGOR STRAWINSKY Le Sacre du Printemps, Symphonie in drei Sätzen Bamberger Symphoniker: Jonathan Nott Tudor 7145
Jonathan Nott und die Bamberger – das ist eine bemerkenswerte Erfolgsstory, ganz besonders, was die Musik des 20. Jahrhunderts angeht. Auch Strawinskys Sacre nähert sich der 45-jährige Engländer konsequent aus der Perspektive der zeitgenössischen Musik. Er setzt weniger auf die bruitistische Urgewalt dieser Partitur als auf extreme Transparenz, das genaue Ausleuchten harmonischer Spannungen, rhythmischer Strukturen und klanglicher Finessen. Und die exzellente Aufnahmetechnik unterstützt seinen Ansatz bestens. Das gilt ähnlich für die drei Jahrzehnte jüngere Symphonie in drei Sätzen, die Nott konsequent kammermusikalisch auffächert und die er rhythmisch mit motorischer Präzision vorantreibt. Ein brillant zeitgenössischer Strawinsky. OB
SERGEJ TANEJEW - Streichquartette Nr. 1 u. 3
SERGEJ TANEJEW Streichquartette Nr. 1 u. 3 Carpe Diem Streichquartett Naxos 8.570437
Das Tanejew-Quartett hatte bei den Werken seines Namensgebers bislang die alleinige Lufthoheit. Jetzt macht sich ein zweiter Stern breit am Himmel der russischen Quartettkunst: Die Musiker von Carpe Diem bieten hervorragend austarierte, klanglich erlesene, eindringliche Interpretationen des noch immer als Geheimtipp geltenden Tschaikowsky-Schülers. Es herrscht der Geist von Beethovens letzten Quartetten: Formenspiele jenseits der Konvention, innere Monologe ohne Botschaft, reinste Kunst. Gehüllt in eine Aura von Einsamkeit. Das Largo des ersten Quartetts gehört zum Edelsten, was russische Kammermusik hervorgebracht hat, der Kopfsatz des dritten entfaltet Motive und Stimmen in denkbar kunstvollster Weise. Welch elitäres Produkt! VT
TRIO MEDIAEVAL - Folk Songs
TRIO MEDIAEVAL Folk Songs ECM New Series 2003 476 6179
Sie sind das weibliche Pendant zum Hilliard Ensemble: die drei Damen des Trio Mediaeval. Zum zehnten Geburtstag schenken sie sich und der Musikwelt – nach drei sehr erfolgreichen CDs mit „auskomponierter“ Musik – nun eine Aufnahme mit ihrem erklärten Lieblingsprogramm: alten norwegischen Volksliedern. Es sind Melodien von eigenartig archaischem Reiz, Lieder und Balladen, deren Stimmung sich auch ohne Kenntnis der Sprache vermittelt (englische Übersetzungen finden sich im Booklet). Der betörende Gesang der drei Skandinavierinnen wird in einigen Stücken geerdet durch den Perkussionisten Birger Mistereggen – der nebenbei beweist, dass auch dieMaultrommel ein faszinierendes Rhythmusinstrument sein kann. AC
PETER TSCHAIKOWSKY - Pique Dame
PETER TSCHAIKOWSKY Pique Dame V. Galouzine, H. Papian u. a., Orchestre et Choeurs de l’Opéra national de Paris: Gennadi Roshdestwenski, Regie: Lev Dodin. TDK DVWW-OPPIQUE
Hermann landet in dieser Inszenierung im Irrenhaus, so wie es Puschkin beschrieben hat. Seine Vergangenheit begleitet ihn, die von ihm ermordete Gräfin wirkt als Geist ebenso formidabel wie im Leben, und so kreist Hermanns Dasein weiter um das Geheimnis der drei Karten, die den Sieg im Spiel sichern. V. Galouzin singt und spielt ihn mit ganzem Einsatz. H. Papian liebt und leidet als Lisa, deren Liebe nicht gegen Hermanns Spielsucht ankommt. Faszinierend wird I. Bogatcheva als Gräfin ins Bild gesetzt, eine Figur aus einer anderen Zeit. Ausnehmend klangschön spielt das Orchester, die Choristen bevölkern überzeugend die Anstalt gestörter Seelen. Selten sieht man eine Opernaufzeichnung, die so auf das Medium Film zugeschnitten ist wie diese. NL
RALPH VAUGHAN WILLIAMS - On Wenlock Edge
RALPH VAUGHAN WILLIAMS On Wenlock Edge Peter Warlock: The Curlew Arthur Bliss: Elegiac Sonnet Ivor Gurney: Ludlow & Teme Solisten, The Fitzwilliam String Quartet. Linn CKD 296
Gleich die ersten Takte von On Wenlock Edge packen einen, und das Gebanntsein hält siebzig Minuten lang an, auch in den anderen Werken dieser außergewöhnlichen SACD. Das Programm hält zwar nicht überall das Niveau des ersten Stücks, ist aber durchwegs sehr anspruchsvoll. Und dann sind da der Gesang und die Interpretation von James Gilchrist, der die Welten der vier Komponisten und ihrer Dichter mit größtem Engagement, größtmöglicher Inspiration und emotionaler Beteiligung erkundet. Seine vielen Ausdrucksmittel, darunter ein sicheres Piano-Singen, setzt er eindrucksvoll ein, immer sehr persönlich, immer tiefschürfend und unmittelbar ansprechend. Dabei wird er von den Instrumentalisten derart kongenial begleitet, dass man von einem optimalen Zusammenwirken sprechen kann. RF
ROLF WALLIN - Act, Das war schön, Tides
ROLF WALLIN Act, Das war schön, Tides Martin Grubinger (Schlagwerk), Kroumata Ensemble, Osloer Philharmoniker: J. van Zweden, J. Axelrod, Jukka-Pekka Saraste Ondine ODE 1118-2
Hier dient das Schlagwerk endlich einmal nicht zur Kaschierung kompositorischer Einfallslosigkeit. Das war schön! (2006) und Tides (1998) sind ebenso intelligente wie sinnlich wirksame Verzahnungen von Perkussionsinstrumenten mit dem herkömmlichen Orchester. Noch überzeugender gelang Act (2003), eine filigrane, aber auch mächtig aufbrandende Klangfantasie von leider nur zehn Minuten Dauer. Ein neuer, norwegischer Impressionismus? Vielleicht. Auf jeden Fall aber: Rolf Wallin, der hier Werke vorstellt, die hinter seinem Boyle und dem Klarinettenkonzert nicht zurückstehen. Große Klasse. VT