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Um 10 Uhr morgens wirkt Tom Tykwer noch etwas übernächtigt – Nachwirkung wohl der Filmpremiere am Vorabend. Dabei bin ich nicht einmal der erste, der zum Interview in sein improvisiert wirkendes Chefzimmer in einer herrschaftlichen Villa in Berlin-Tiergarten gebeten wird. Bei Tee und Croissants hebt Tykwer zu wohlformulierten und ausgreifenden, hier zum Teil stark gekürzten Antworten an.
PARTITUREN Herr Tykwer, spielen Sie ein Musikinstrument?
TYKWER Ich spiele Klavier, ich hatte Unterricht, seit ich sieben Jahre alt war. Und ich erinnere mich gut daran, dass eines Tages die Entscheidung anstand, ob ich das Klavierspiel ernsthaft weiterführen sollte. Aber ich wusste schon mit 15, 16, ich wollte unbedingt etwas mit Film machen. Das war die noch größere Leidenschaft. Natürlich bedauert man es hinterher, wenn man ein Potenzial, das in einem steckt, nicht ausgeschöpft hat. Aber glücklicherweise habe ich den Kon-flikt ja inzwischen gelöst. Das gute am Film ist: Man braucht immer Musik.
PARTITUREN Sie haben sich sehr früh für den Film begeistert. Galt das auch für die Filmmusik?
TYKWER Auf jeden Fall. Das liegt allerdings auch daran, dass einige Filme, die mich geprägt haben, unglaublich stark von der Musik profitieren. Einer meiner absoluten Lieblingsfilme als Teenager war Halloween von John Carpenter, der auch ein großes Idol und eine Leitfigur für mich war. Er ist einer der ganz wenigen prominenten Regisseure, die für sehr viele ihrer Filme die Musik komponiert haben. Halloween hat ein simples und eingängiges Thema, das für den Film aber strukturell und gestalterisch maßgeblich relevant ist. Es gibt diese berühmte Geschichte vom Testscreening, als die Musik noch nicht fertig war, da sind die Zuschauer gelangweilt aus dem Film gegangen. Mit der Musik wurde Halloween dann berühmt als der spannendste und gruseligste Film aller Zeiten. Die Musik ist absolut dominant. Sie gibt dem Film eine atmo-sphärische Dimension, die so substanziell ist, dass er ohne die Musik nicht zu denken ist. Das und meine früh erwachte Liebe zu Hitchcock haben mich extrem beeinflusst. Hitchcock ist für mich das größte aller Vorbilder geblieben, er ist meinem Ideal, aus komplexen Stoffen unterhaltsame Filme zu machen, mit Abstand am nächsten gekommen. Hitchcock arbeitete in den 50er und frühen 60er Jahren mit Bernard Herrmann zusammen, für mich der bedeutendste Filmkomponist überhaupt. So habe ich sehr früh gespürt, was Musik für Filme bedeutet. In Filmen, in denen die Musik ein organisches Verhältnis mit dem Bild eingeht, lauert ein Geheimnis, das mich fasziniert. Es schenkt dem Film eine andere Form von Komplexität und Komplettheit, die ich heute auch anstrebe. Der Gedanke „Am Anfang war das Bild“ wurde durch die enge Kooperation von Hitchcock und Herrmann durchbrochen, und ich habe gelernt, dass am Anfang auch ein Ton, ein Klang oder eine Klangfolge stehen kann. Das ist ein Konzept, dem ich mich als Filmemacher ganz und gar verschrieben habe.
PARTITUREN Wann kommt in Ihrer Arbeit am Film die Musik ins Spiel?
TYKWER Sehr früh. Erst wenn ich eine Vorstellung von der Musik für ein Projekt habe, weiß ich, ob ich es wirklich machen kann. Wenn eine Idee wächst, dann ist es oft so, dass diese Idee erst durch Musik motiviert wurde. Bei einer Romanverfilmung ist es natürlich etwas anderes. Bernd Eichinger hat mich angerufen und gefragt, ob ich das Parfum verfilmen wolle. Aber richtig verstanden, dass ich das kann, habe ich erst durch das Hören von Musik, da wurden bestimmte Fantasien freigesetzt. Ich habe damals oft Le Sacre du Printemps gehört, weil es so eine Vielschichtigkeit und Vielfarbigkeit und manchmal auch eine Wildheit und eine leidenschaftliche, gierige Energie hat. Und ich dachte mir, diese Gier, die in der Musik steckt, würde ich gern im Film wiederfinden. Allerdings hielte ich es für absolut undenkbar, Strawinsky als Filmmusik zu benutzen, obwohl er selbst auch als Filmkomponist gearbeitet hat. Das Sacre ist ein Gesamtkunstwerk, die Bilderwelt steckt schon in der Musik, die assoziative Dimension ist so groß, dass es ein Verbrechen wäre, dazu Bilder zu bringen. Musik gehört manchmal einfach sich selbst, genau so wie manche Literatur sich selbst gehört. Nicht jedes Buch muss verfilmt werden. Das Parfum dagegen habe ich immer für ein tolles Filmkonzept gehalten.
PARTITUREN Muss Filmmusik für sich stehen können?
TYKWER Ich glaube, alle Soundtracks, die wirklich interessant sind, können das. Leider gibt es eine Art Konvention im Filmkompositorischen, dass erst der Film da ist und dann die Musik draufgelegt wird, wie eine Scheibe Salami, die man auf einen Hamburger knallt, weil er so lasch schmeckt. Das ist mir sehr unsympathisch. Insofern war es natürlich auch ein Wunsch, dass der Parfum-Soundtrack auf CD hörbar wird. Diese Produktion war ein ganz besonderer Fall.
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