Unsere Zeitreise durch drei Jahrhunderte beginnt um 1460 in Nordfrankreich, im damaligen Herzogtum Burgund, an dessen musikalischem Hof Antoine Busnois als Sänger und Kaplan tätig war. Seine Missa O Crux lignum, die das Orlando-Consort – zusammen mit Beispielen seiner Motetten- und Chansonkunst – aufgenommen hat, ist ein hochelaboriertes Werk und zugleich wundervolle Musik. Die vier Sänger des Orlando Consorts zeichnen die weitgespannte Melodik dieser in der Stimmführung wie in der Harmonik immer wieder überraschenden Messe mit großer Klarheit und klanglicher Subtilität nach. Ein Werk, das man sich nicht mit einmaligem Hören erobert.
Claudio Monteverdis 1610 erschienene Vespro della beata vergine – eigentlich eine Sammlung von Psalmkonzerten, solistischen Motetten und des Magnificat – gehört zu den bekanntesten Werken der Musik vor Bach. Rino Alessandrinis Neuaufnahme mit seinem Concerto Italiano hebt sich von fast allen bisherigen Einspielungen durch die konsequent solistische Besetzung aller Stimmen ab. Die Durchsichtigkeit des Klangs, die Eloquenz der sprachlichen Artikulation und die Stringenz des Ausdrucks sind atemberaubend. Einzige Enttäuschung: Furio Zanasi als Solist des Nigra sum.
Atemberaubend ist auch das Spiel des Geigers Andrew Manze, der – begleitet von Richard Egarr – die lange erwartete Aufnahme von Heinrich Ignaz Franz Bibers Rosenkranz-Sonaten vorgelegt hat. Manze, sonst ein eher exzentrischer Überflieger, nimmt sich Zeit und lässt sich ganz auf die innere Ekstase der zur Andacht bestimmten Meditationsmusik ein, ohne die Virtuosität, die der Salzburger Barock-Pagagini fordert, im mindesten zu vernachlässigen.
„Dolce mio ben“ heißt die CD, auf der Maite Beaumont – begleitet von der Lautten-Compagney unter Wolfgang Katschner – unbekannte italienische Kantaten und Opernarien um 1700 singt, die in der Musikbibliothek des Schlosses Sondershausen aufbewahrt werden. So berückend wie die Musik ist der Gesang der jungen katalanischen Mezzosopranistin. Mit ihrer schlanken, in allen Modulationen des Ausdrucks gleich eloquenten Stimme stellt sie unter Beweis, dass die neue Frauengeneration die lange in diesem Repertoire dominierenden Countertenöre nicht mehr zu fürchten, ja diese in allen Belangen – Timbre, Tongebung, Artikulation – überrundet hat.
Und schließlich zeigt Frie-der Bernius mit Motetten des Dresdner Kreuzkantors Gottfried August Homilius (1714-1785), dass die Kirchenmusik nach Bach nicht stehen blieb. Jedes dieser siebzehn sich der homophonen Schreibweise zuneigenden Stücke ist ein kleines Juwel. Und der Kammerchor Stuttgart demonstriert erneut seinen Ausnahmerang, was Klang und Transparenz anbetrifft.
Uwe Schweikert