„Eine Angelegenheit auf Leben und Tod“ – das war die Symphonie für Johannes Brahms.
Übertrieben ist es nicht: Seit Beethoven wird in der Symphonie das Schicksal des
Menschen im großen Stil verhandelt. In der „Oper der Instrumente“, wie E. T. A. Hoffmann
sie nannte, fand Schopenhauer „alle menschlichen Leidenschaften und Affekte: die Freude,
die Trauer, die Liebe, den Hass, den Schrecken, die Hoffnung – in zahllosen Nuancen“.
Entwickelte Haydn die musikalische Form, so füllte sie Beethoven später mit „Gehalt“,
indem er seine Symphonien zu „Volksreden an die Menschheit“ (Adorno) nutzte.
Nur die größten Meister konnten dem Anspruch standhalten: Brahms zum Beispiel oder
Bruckner, Mahler in seinen symphonischen Weltentwürfen, aber auch Schostakowitsch
in seinen radikal subjektiven, wenn auch verschlüsselten Bekenntniswerken.
Noch für viele Komponisten des 20. Jahrhunderts war und blieb die Symphonie die
größte Herausforderung. Und sie ist es heute noch für Dirigenten und Orchestermusiker
– und für Tontechniker, die den symphonischen Klang auf Band zu bannen versuchen.
Von ihnen allen ist in diesem Heft die Rede.
Geschichte der Symphonie
von Rainer Cadenbach
In ihrer klassischen Form ist die Sinfonie eine Sonate für Orchester.
Sie gleicht formal der Violinsonate, dem Klaviertrio
oder dem Streichquartett, erfordert aber eine große Besetzung,
die seit den großen Sinfonien Mozarts und Haydns
standardisiert ist. Der Streichersatz besteht aus einem mit
mehreren Musikern je Stimme besetzten Streichquartett
plus Kontrabass. Hinzu kommen die Holzbläser Flöte, Oboe,
Klarinette, Fagott in jeweils doppelter Besetzung; außerdem
je zwei Hörner, Trompeten und Pauken. Im Verlauf des 19.
Jahrhunderts wird die Besetzung vor allem im Bereich der
Blechbläser und der Schlaginstrumente erweitert.
Seit Haydn und Mozart gilt die Folge von vier Sätzen
unterschiedlichen Charakters als klassisch und verbindlich:
der schnelle oder mittelschnelle Kopfsatz, der sich versenkende
oder vertiefende langsame Satz, das intermezzohafte
Menuett oder Scherzo und der heitere, gleichsam nach getaner
Arbeit erholsame Finalsatz, anfangs ein reiner „Kehraus“.
Dieser Finalsatz erhält immer mehr Gewicht, bis er
sich – z. B. in Beethovens Fünfter – zu einem überhöhenden
„Überbietungsfinale“ gewandelt hat. Damit hat sich das Gewicht
vom Kopfsatz auf den Schlusssatz verschoben.