Der gute Hausfreund
Der Dirigent Adam Fischer über seine musikalische Muttersprache, das Kirchturmsyndrom und seine Lieblingssinfonie
Partituren Herr Fischer, Sie haben mit der
Österreichisch-Ungarischen Haydnphilharmonie alle 104 Haydn-Sinfonien
auf CD eingespielt – innerhalb
von 14 Jahren. Lohnt Haydn diesen Aufwand?
Fischer Ja! Es ist einfach eine wunderbare
Erfahrung, sich so intensiv mit dem Gesamtwerk eines Komponisten
zu beschäftigen. Seit ich mich mit Haydn beschäftige, habe ich auch für
die Werke anderer Komponisten ein ganz neues Gespür entwickelt. Selbst
Mahler dirigiere ich jetzt anders.
Das ist wie mit der Sprache: Je besser man seine Muttersprache
spricht, desto leichter lernt man Fremdsprachen.
Partituren Ist Haydn denn musikalisch
Ihre Muttersprache – und Mahler eine Fremdsprache?
Fischer Mahler und Haydn stehen in einer engen
Beziehung zueinander. Mahler ist Wiener Klassik gefiltert durch die
Romantik. Aber zwischen dem Anfang und dem Ende des 19. Jahrhunderts
ist bei den Musikern viel Wissen verloren gegangen. Haydn hat bei
Dirigenten und Musikern viel vorausgesetzt und dem Dirigenten ein
natürliches Tempogefühl zugetraut. Wenn ein Komponist dagegen „hier
Halbe, da Viertel dirigieren“ schreibt, zeigt das, dass er dem
Dirigenten nicht mehr traut. Dieser Bruch der Tradition
hat bis heute Konsequenzen. Or-chester reagieren zum Beispiel ganz
unterschiedlich auf die Orchesterstimmen,
die ich ihnen einrichte: Es gibt Orchester, sagen wir:
mitteleuropäischer
oder Wiener Tradition, die meine Anmerkungen nicht brauchen und sie
wegradieren. Traditionsunkundige oder positiv gesagt: flexible
Orchester brauchen diese Hinweise und können sie nicht von sich aus
ergänzen...