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Die Pianistin Mitsuko Uchida
Wenn ich ihn nur habe

MITSUKO UCHIDA empfängt mich in ihrem kleinen Mews-Haus in Londons Notting Hill. Kurzfristig entscheiden wir, uns doch nicht in ihr Lieblingscafé um die Ecke zu setzen, sondern in ihrem behaglich eingerichteten Wohn- und Klavierzimmer einen Tee zu trinken. „Wollen Sie eine alte oder eine jüngere Tasse?“, fragt sie mich in wienerisch gefärbtem Deutsch. Dann gibt sie mir eine „mittelalte“ Tasse von 1770, und während wir auf das Kochen des Wassers warten, weiht sie mich erst einmal in die Geschichte des englischen Porzellans ein.

PARTITUREN Frau Uchida, ist Schubert einer Ihrer Hausgötter?

UCHIDA Es gibt vier Götter für mich: Johann Sebastian Bach, Wolfgang Mozart, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert. Das sind meine Hausgötter, und zwar so absolut, dass ich alle anderen beinah lassen könnte. Bach, Mozart und Beethoven werden sicherlich viele Menschen nennen, aber Schubert wohl eher nicht. Und zwar deshalb, weil Schubert technisch nicht so gut war, nicht solch ein Könner war wie die anderen. Das hat er selbst gespürt.
Wir wissen ja, dass er noch in seinem letzten Lebensjahr Kontrapunkt studieren wollte. Aber Schubert hatte eine phänomenale Begabung. Er wurde mit der Musik in sich geboren. Und die Größe eines wirklich genialen Komponisten zeigt sich nicht darin, was er kann, sondern darin, was er trotz allem schafft. Das gilt auch für Mozart: Er hätte sein Leben lang angenehme Musik schreiben können, aber er hat mehr geschafft. Bach, Mozart, Beethoven und Schubert haben Welten berührt, die kein anderer Mensch je angetastet hat – vielleicht noch in der Literatur Shakespeare oder Goethe. Beethoven ist so stark, er besitzt nicht nur Können, sondern eine explosive Kraft und Intensität. Und mit seiner Intensität und mit seinem Willen kann er die Natur bezwingen und sogar die Erdanziehungskraft beeinflussen – solch eine Intensität hat er. Mozart würde so etwas nie einfallen. Er liebt das menschliche Leben. In seiner Musik ist immer die Oper. Es geht immer um den Menschen. Und da ist nicht ein einziger Mensch, der dort ganz allein hockt und schweigend leidet. Sondern er leidet gemeinsam mit einer anderen Person – und ist meist noch sehr verliebt. Mozarts Welt ist derart, dass er die Dummheiten des Menschen auf eine geniale Weise sublimiert. Jeder Mensch begeht Dummheiten, aber bei Mozart – und bei Shakespeare – wird aus den Dummheiten etwas Schönes. Und Mozart ist unglaublich schnell in der Verwandlung.
Wenn man denkt, er lacht, dann weint er schon – und umgekehrt. Mozart verändert sich ständig, und kaum ist er da, ist er schon wieder weg. Im Gegensatz zu Mozart ist Schubert viel langsamer, seine Welt ist enorm natürlich. Selbst in seinen schnellen Stücken – wo Mozart alle zwei, drei Sekunden seine Meinung ändert –, da träumt Schubert. Und er lässt einen träumen. Er hat es vermocht, die Welt in der absoluten Tragik darzustellen, wo die Sehnsucht niemals verloren geht. Und am Ende hat er es geschafft, sich vor dem Tod nicht mehr zu fürchten. Das ist die Schubert’sche Welt: Er begleitet einen in den Tod. Schubert war vielleicht der Begabteste.
Sein Können war weniger konventionell, aber er war so enorm begabt. Am Ende bewältigt er ja die großen Formen – wie es Schumann beispielsweise kaum je geschafft hat. Schauen Sie sich Schuberts Klaviersonaten, die Klaviertrios, die Streichquartette an. Sogar die frühen sind interessant. Er hat einen Sinn für die Form gehabt. Und die Symphonien – wie einfallsreich, eigenartig und harmonisch gewagt manche von ihnen auch sind ... Man nennt Schubert meist den großen Melodiker.
Für mich ist Schubert vor allem ein „harmonischer“ Komponist.Wie Bach. Die beiden haben einen Sinn für die Harmonie gehabt wie kaum andere.

PARTITUREN Man hat von Schubert gemeinhin die Vorstellung, dass er unglaublich viele Ideen hatte, sie aber nicht wirklich verarbeiten konnte.

UCHIDA Na, wer das sagt, hat seine großen Werke gar nicht erlebt: die letzten drei Sonaten, dann die G-Dur-Sonate, die D-Dur-Sonate und die große a-moll-Sonate, das sind alles gigantische Stücke. Ebenso die zwei vollendeten Sätze der C-Dur-Sonate, die Große C-Dur-Symphonie oder die Unvollendete in h-moll. Und ich kann sehr gut verstehen, dass Schubert von der C-Dur-Sonate und der h-moll-Symphonie nur die ersten beiden Sätze komponiert hat.
Schubert war ein Mann, der für die ersten zwei Sätze gelebt hat: Die Sonatensatzform im ersten Satz und der langsame zweite Satz sind das Zentrum der meisten seiner Werke. Wenn Schubert die B-Dur-Sonate D 960 nach zwei Sätzen unvollendet gelassen hätte, würden die Leute trotzdem von einem Wunderwerk sprechen. Natürlich ist sie es auch mit den kompletten vier Sätzen. Aber es ist furchtbar schwer, nach diesem zweiten Satz weiterzugehen. Bei Schubert ist der Schritt zum Scherzo oder Menuett so schwierig, weil der zweite Satz schon solch ein Gewicht hat. Von einer solchen seelischen Tiefe wieder an die Oberfläche zu schwimmen, ist schwer.

PARTITUREN Die Unvollendetheit der h-moll-Sinfonie ist für Sie gar kein Rätsel?

UCHIDA Das ist kein Rätsel. Es ist für mich ein Rätsel, wie er die B-Dur Sonate hat weiterkomponieren können. Es ist wunderbar, dass er das getan hat, und es ergibt sich ein anderes Bild, als wenn er nach dem zweiten Satz aufgehört hätte. Aber die ersten beiden Sätze hätten vollauf genügt. Schuberts Welt ist für mich eine eigenartige. Natürlich hat er sich im Jahr 1823 schrecklich verändert durch seine Krankheit und das Wissen um den nahen Tod.
Im Frühjahr 1823 war er ja eine geraume Zeit im Krankenhaus, das war das erste Anzeichen der Syphilis. Keiner seiner Freunde hat darüber gesprochen, selbst Jahre nach seinem Tod haben alle über die Umstände seiner Krankheit geschwiegen, sein guter Freund Josef von Spaun ebenso wie Franz von Schober, sein schlimmer Freund. Das war wirklich ein Schuft, er hat Schubert auf die schiefe Bahn getrieben. Aber das sind seine Privatsachen.
Am Ende interessiert mich nur das, was in seiner Seele ist, nicht mit welchen Mädels und Buben er sich herumgetrieben haben könnte. Das ist mir wurscht. Ich weiß durch seine Musik, wie seine Seele war – es ist die transparenteste Seele, die ich kenne, rein und lauter.

PARTITUREN Heißt das, Sie können sich die Person Schubert genau vorstellen?

UCHIDA Ich spreche von seiner Seele, nicht von seiner Person. Was ich von der Person Schuberts zu verstehen glaube, ist seine Seele – bei Mozart ist es das Herz. Schubert interessiert mich da, wo sich seine Seele in der Musik spiegelt. Ich wäre gern mal einen Abend bei ihm gewesen – oder besser noch gemeinsam mit ihm bei jemandem, der einen schönen Flügel hatte – er selbst hat ja keinen anständigen Flügel gehabt, oder nur kurzzeitig
geliehen. Und ich hätte gern gehört, wie er den Vogl begleitet.

PARTITUREN Angeblich war Schubert kein guter Pianist.

UCHIDA Aber in der Schubert-Biographie von Elizabeth McKay gibt es eine wunderbare Szene aus dem März 1827. Hummel ist nach Wien gereist, um Beethoven noch einmal zu besuchen und ihm Adieu zu sagen. Und er hat einen jungen Studenten mitgebracht: Ferdinand Hiller, der damals 15 oder 16 war. Jahrzehnte später beschreibt Hiller, wie er damals Schubert und Vogl gehört hat, und er spricht vom musikalisch unvergesslichsten
Abend seines Lebens. Und Hiller hatte danach lange in Paris gelebt und beipielsweise Chopin oder Liszt spielen gehört. Schubert war kein brillanter Pianist, und ob er alle Noten wirklich genau gespielt hat, wissen wir nicht – wahrscheinlich hat er das nicht getan. Aber die Musik war halt 100-prozentig da, ja 150-prozentig. Hiller schreibt, dass er solch ein Musizieren, wo er die Seele direkt sprechen gehört hat, nie wieder erlebt hat, obwohl Vogls Stimme ihren Glanz schon längst verloren hatte.
Und das ist das Urteil eines selbst berühmten Musikers zig Jahre später. An diesem Abend wäre ich gern dabei gewesen. Ich hätte gerne den Vogl Schubertlieder singen und Schubert ihn begleiten hören. Und wenn ich Schubert treffen könnte, würde ich ihm keine Fragen stellen wie zum Beispiel, ob er das Es-Dur-Klaviertrio abkürzen wollte oder nicht. Beethoven hätte ich gern auf dem Klavier improvisieren hören, aber ich hätte ihm auch praktische Fragen gestellt wie: Haben Sie wirklich das Ais gewollt in der Hammerklaviersonate?
Schubert dagegen möchte ich nur spielen – und singen! – hören.

PARTITUREN Wäre es Ihnen wichtig, dass ihm Ihre Interpretationen seiner Werke gefallen?

UCHIDA Es würde mich schon interessieren, wie er bestimmte Sachen gemeint hat. Natürlich hofft man aus Eitelkeit, dass man nicht ganz daneben liegt. Aber ich spiele seine Werke, weil ich sie auf eine bestimmte
Weise verstanden habe. Ich spiele nicht, um jemandem zu gefallen, auch nicht dem Komponisten. Sondern ich versuche, so ehrlich wie möglich die Musik zum Klingen zu bringen. Ich möchte der Komposition gefallen.

PARTITUREN Was ist das Faszinierende daran, sich über Jahre hinweg vor allem mit dem Werk eines einzigen Komponisten zu beschäftigen?

UCHIDA Beethoven zum Beispiel gehört zu den Komponisten, die sich sehr ungern kombinieren lassen, dazu sind die Spielart und die Intensität zu anders. Weil ich zurzeit sehr an Beethoven arbeite, hat sich Chopin weit entfernt.
Als ich sehr viel Mozart gespielt habe, hat sich Beethoven entfernt. Schubert und Beethoven sind einander näher, weil Schubert Beethoven so verehrt hat. Es sind also ganz praktische Gründe, und weil ich nicht so begabt bin, dass ich mich so schnell verändern kann, bleibe ich lieber bei einer kleinen Gruppe von Komponisten, bei denen ich mehr in die Tiefe gehen kann. Ich spiele ja auch wenige Konzerte, nur 50 im Jahr, davon etwa zehn Liedbegleitungen und Kammermusik. Es hat etwas Wunderbares, auf der Bühne zu sein, aber ich kann das nicht so oft. Ich brauche nicht mehr Ruhm oder Geld – die Zeit ist mir viel kostbarer. Ich brauche die Zeit zum Studieren und zum Reflektieren.

PARTITUREN Sie sind ja mit zwölf Jahren mit Ihrem Vater, der Diplomat war, nach Wien gekommen. War das Schicksal: ausgerechnet Wien? Oder haben Sie Ihre „Götter“ erst dort entdeckt?

UCHIDA Schwer zu sagen. Ich wusste gar nicht, wie wichtig Musik für mich sein würde, weil ich in Japan als normales Kind gelebt habe, ich habe nur nebenbei Klavier gespielt. Und was ich an Musik in Japan erlebt habe, war so wenig und minderwertig, dass ich mich darüber gar nicht äußern könnte. Außer an den Klassenabenden einmal im Jahr hatte ich vielleicht drei Musikabende in meinem Leben gehört. Wir hatten ein paar Schallplatten, auf einer war auch Am Brunnen vor dem Tore, von einem Männerchor gesungen, abgekürzt und ziemlich falsch. Schubert habe ich als Kind schon geliebt. Aber es gab niemanden, mit dem ich über Musik hätte sprechen können.
Ich hatte zwar extrem gute Noten in der Musikschule, aber das lief wirklich nebenbei. Als ich dann nach Wien kam, habe ich Richard Hauser vorgespielt und wurde Studentin an der Musik-akademie – aus dem klavierspielenden Kind wurde über Nacht ein Profi. Da hat sich meine Welt auf den Kopf gestellt. Ich musste sogar darauf bestehen, weiterhin auf eine normale Schule zu gehen. Ich wollte nicht nur Klavier spielen.

PARTITUREN Hat Wien Ihr Spiel geprägt?

UCHIDA Mein Schubert ist sehr wienerisch. Die meisten Schuberts, die ich höre, sind überhaupt nicht wienerisch. Aber das muss ja auch nicht sein. Mozart dagegen war gar nicht wienerisch. Ich würde beinahe sagen, seine Muttersprache hätte Italienisch sein können. Seine innere Welt war sehr italienisch. Beethoven war ein Rheinländer. Ich kann nicht sagen, wie ich Schubert spielen würde, wenn ich nicht in Wien gelebt hätte, aber dieser Ländlerrhythmus und diese harmonischen Wendungen, zu denen Schubert von der lokalen Musik inspiriert worden ist, diese Klangfarben und emotionalen Farben – die sind sehr wienerisch.

PARTITUREN Kritiker rühmen in Ihrem Spiel die Balance von Kopf und Bauch, von Intellekt und Natürlichkeit.
Ist das das „Japanische“ in Ihrem Spiel?

UCHIDA Es gibt bestimmt etwas Japanisches in meinem Spiel. Aber die Logik ist es nicht. In Japan sind Logik und Wahrheit viel weniger wichtig als die Höflichkeit, und ich bin unhöflich. Man sollte nicht absichtlich unhöflich sein, aber der Wahrheit aus Höflichkeit zu entgehen, das ist nicht meine Welt. Mein Vater war einer von zwei Japanern, die ich kenne, die sehr logisch waren. Für mich ist Logik sehr wichtig, auch in der Musik. Aber „japanisch“ könnte eine andere Art der Sensibilität sein. Physisch bin ich natürlich eine Japanerin, wenn man sich meine Hände anschaut.

PARTITUREN Auf Ihrer Internetseite sagen Sie, es gebe kein schöneres Leben als das eines Musikers. Warum? Die meisten großen Komponisten waren doch eher unglücklich.

UCHIDA Schuberts Leben war sicherlich eine Tragödie, aber er hatte fabelhaft glückliche Momente. Heute zu leben und ein Musiker zu sein, ist für mich als Mensch einfach wunderbar. Man kann durch die Musik Türen
und Fenster aufmachen und die Herzen der Menschen öffnen. Klassische Musik braucht eine lange Zeit der Einsamkeit zwischen dem Hörer und der Musik. Aber in der heutigen Welt läuft die Uhr zu schnell, und es gibt zu viele Umstände und Widerstände.
Ich würde beinah sagen, Einsamkeit ist eine Voraussetzung für die klassische Musik, und deshalb haben heute so wenige Menschen die Musik für sich entdeckt. Was die Musik zu sagen hat, ist das, woran ich jeden Tag Freude finde und jeden Tag leidend arbeite. Denn man strebt nach etwas, das man nie erreicht. Und das ist wunderbar. Und ich genieße es, die Freiheit der Wahl zu haben, was ich tun will und was nicht. Für die meisten Konzerte, die ich spiele, würde ich sogar Geld zahlen. Aber ich werde dafür bezahlt. Wenn das nicht Glück ist, weiß ich nicht, was Glück heißt.

Das Gespräch führte ARNT COBBERS.
Ausgabe 11
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Schwerpunkt: Franz Schubert
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