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Chronique Scandaleuse
Spucken, Beißen, Stühle schmeißen
Eine kleine Skandal-Chronik des Pariser Musiklebens

Als ein verzweifelter Philosoph einmal Voltaire fragte, was er tun müsse, um als Religionsgründer in die Geschichte einzugehen, antwortete ihm dieser: „Am besten wäre es, wenn Sie sich kreuzigen ließen und dann von den Toten auferstünden.“ Für angehende Komponisten hielt er harmlosere Ratschläge parat. Zumindest endeten sie nicht tödlich. „Eilen Sie, nach Paris zu kommen“, empfahl er Grétry, „denn nur da fliegt man der Unsterblichkeit entgegen!“
Gesagt, getan. Grétry erfand die Opéra comique und in seinem Richard Löwenherz en passant gleich noch die Leitmotivtechnik, sechzig Jahre vor Wagner. Das Publikum feierte ihn, und Napoleon höchstselbst bewilligte schließlich eine Rente. Grétry muss ein ungeheuer geschickter Stratege gewesen sein. Denn Erfolge in Paris waren schon zu seiner Zeit kein Kinderspiel. Sie zählten viel mehr als Erfolge in London oder Wien und waren entsprechend heiß umkämpft. Komponisten nahmen die unglaublichsten Demütigungen auf sich, um in der Weltkulturhauptstadt zu reüssieren.
Allerdings: Auch eine Niederlage war etwas wert. Vom Pariser Parkettpöbel beleidigt und von der Presse durch den Dreck gezogen zu werden, bot durchaus glänzende Aussichten.
Richard Wagner etwa wurde erst durch den Tannhäuser- Skandal 1861 zum Nationalhelden – in Deutschland. In Frankreich dagegen sorgte sich Baudelaire um den Ruf seiner Nation: „Was wird Europa von uns denken, und was wird man in Deutschland von uns sagen? Eine Handvoll Rüpel bringt uns alle miteinander in Verruf!“ Diese Rüpel waren die Herren vom Jockey-Club. Sie protestierten während aller drei Tannhäuser-Aufführungen mit Trillerpfeifen gegen ein Bühnenwerk, das ihnen zum Zeitpunkt ihres Erscheinens im Opernhaus, also zu Beginn des zweiten Akts, die übliche Ballettmusik vorenthielt. Nicht einmal der demonstrative Applaus von Kaiser und Kaiserin konnte das Stück retten, und beim dritten Durchlauf herrschte im Zuschauersaal ein vollkommenes Chaos, es musste für eine Viertelstunde unterbrochen werden. Die Ursache dieses Skandals: eine politische Hofintrige, eingefädelt von der Gräfin Walewska. Man zielte auf Wagner, weil man die Fürstin Metternich, die den Tannhäuser bei Napoleon III. durchgesetzt hatte, nicht treffen konnte. Hintergrund waren uralte polnisch-österreichische Animositäten.

Schlau wie Alberich

Da Wagner als Schützling des Emporkömmlings Louis Napoleon erschien, hatte er naturgemäß alle Legitimisten gegen sich, also die Anhänger des Grafen Walewski, eines Sohns von Bonaparte. Und alle Republikaner sowieso. Auch freute es einheimische Tonsetzer ganz und gar nicht, dass ihre Werke an der Grand Opéra ignoriert wurden, während ein Deutscher immer neue Mittel vom Staatsministerium zugeschossen und 160 Proben bewilligt bekam. Zudem beging Wagner auf dem heißen Gesellschaftspflaster eine Reihe selbstmörderischer Fehler.

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