
DAS AKKORDEON
Mit flinken Zungen
Joey Newcomer hatte ein Problem. Um acht Uhr begann der Wettbewerb im Polonia Ballroom – aber die Instrumente waren weg. Es half nichts: Er brauchte zwei Ersatz- Akkordeons, am besten vom Pfandleiher. Bei American Investment & Pawn gab es eine ganze Regalwand voll davon: „Melodeons, diatonische Cajuns mit offenen Luftklappen, große, viereckige Chemnitzer, englische Konzertinas und Anglo-Konzertinas, ein kleines einchöriges Bandoneon, elektrische Piano-Akkordeons, jugoslawische melodijas, Plastik-Akkordeons, ein chinesisches mudan, ein bayan aus Russland, zwei pakistanische Harmoniums und reihenweise Bastaris, Castigliones, Sopranis, Hohner Schwarzer Punkt – mein Gott, sieh dir das an, jeder Ein- wanderer in Amerika muss irgendwann sein Akkordeon hier versetzt haben –, italienische Namen kringelten sich in Chrom über ge- sprungenem Lack, Holz und Zelluloid, Colombos, eine Italoton, die Sonda, die Penelli, eines aus Duraluminium, wie eine Harfe geformt, wer das nur spielen sollte, große chromatische mit ihrer fünfreihigen Tastatur, ein Alptraum, das lernen zu müssen, da drüben ein einsames Basetti, wie dieser Jazzer Leon Sash eines spielte, und Bach, Bach spielte der auch, konnte man machen mit einem Akkordeon.“ Die Aufzählung aus E. Annie Proulx’ Roman Das grüne Akkordeon macht deutlich: Das Instrument hat sich in allen Folklore-Traditionen tief und vielförmig eingenistet. Von seinem Erfi nder, dem Wiener Klavier- und Orgelbauer Cyrill Demian, wurde es den Volksmusikern geradezu auf den Leib geschneidert. Transportabel sollte das Instrument sein und bei möglichst kleinem Aufwand möglichst viel ermöglichen. Der Name verrät es: Schon das originale „Accordion“ hatte fünf magische Tasten, deren jede gleich einen ganzen Akkord erklingen ließ, und gehorchte damit den schlichten funktionsharmonischen Bedürfnissen populärer Tänze und Lieder. Diese Erfindung kam gerade recht für die mobile Massenkultur, für Wander- arbeiter, Emigranten, Missionare oder Seefahrer („Schifferklavier“). Wer es spielen konnte, wurde zur multifunktionalen Ein-Mann-Kapelle.
Möglich wurde diese revolutionäre Neuerung durch ein Prinzip, das im fernen Osten seit 5.000 Jahren bekannt ist, aber im so kunststolzen Europa erst um 1620 beschrieben und um 1770 näher zur Kenntnis genommen wurde: die Durchschlagzunge.
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