Der besondere Duft der französischen Musik
An diesem Morgen wirkt der wohl bestgekleidete Starpianist der Welt wie ein Popstar, der sich in die Lobby eines Provinzhotels verirrt hat: mit lässigem T-Shirt unterm Jackett, Schmuck an Hals und Händen und Designer-Sonnenbrille – die er zur Begrüßung sofort abnimmt. Jean-Yves Thibaudet genießt den Auftritt – nicht nur auf der Bühne. Doch das einstige Wunderkind, das mit neun Jahren Ravels G-Dur-Konzert aufführte, ist kein Blender. Hohe Anschlagskultur, Farbenreichtum und perlende Virtuosität kennzeichnen sein Spiel ebenso wie die Eleganz und Poesie seiner Deutungen. Der Kettenraucher ist ein angenehmer Gesprächspartner, der schnell, konzentriert und mit spürbarer Begeisterung von seinem Beruf und der Musik spricht.
PARTITUREN Herr Thibaudet, wie ist Ihre Beziehung zu Paris?
THIBAUDET Ich bin in Lyon geboren und kam mit zwölf nach Paris, um dort zu studieren. Paris war für mich das Zentrum der Welt, da leben zu können war phantastisch. Ich bin dann in die USA gezogen, weil ich dort viel gearbeitet habe, erst nach New York, wohne jetzt in Los Angeles, aber ich habe bis heute eine Wohnung in Paris und bin oft da. Und wenn ich zurückkomme, genieße ich es, dass ich mich wie ein Tourist fühlen kann – ich gehe durch die Stadt und staune. Paris ist ja sicher eine der allerschönsten Städte der Welt, und das sage ich nicht, weil ich Franzose bin. Aber die Lebensqualität hat sich verschlechtert – der Verkehr zum Beispiel ist eine Katastrophe.
Als Student hatte ich das Glück, dass ich ein Studio gestellt bekommen habe in der Cité des Arts an der Seine, für das ich kaum Miete zahlen musste. Wenn man Miete zahlen muss in Paris, sieht das alles anders aus. Was das Musikleben angeht, ist Paris natürlich längst nicht mehr das Zentrum der kulturellen Welt, das es vor hundert Jahren war. Wenn ich in Paris bin, gehe ich oft in die Oper und in Konzerte, aber wenn ich mir meinen Tourplan anschaue: Auf meinen Europatourneen spiele ich selten in Paris.
PARTITUREN Gilt noch immer das Klischee: Neben Paris ist nur Provinz?
THIBAUDET Man redet seit vielen, vielen Jahren über Dezentralisation, aber Paris ist das Licht, das alles überstrahlt, der Magnet, der alle anzieht – immer noch.
PARTITUREN Haben Sie anfangs dagegen ankämpfen müssen, als französischer Pianist auf das französische Repertoire festgelegt zu werden?
THIBAUDET Ich habe ganz früh klar gemacht, dass ich ein breites Repertoire habe. Ich liebe die Impressionisten, und ich habe eine spezielle Beziehung zu Ravel über meine Lehrerin, die eine Schülerin und Freundin von ihm war. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen, das prägt natürlich. Aber die deutsche Romantik ist mir auch sehr nah – nicht nur weil meine Mutter Deutsche ist.
PARTITUREN Gibt es etwas typisch Französisches in der französischen Musik?
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