
Die Geigerin ISABELLE FAUST
Paris ist auf seine Art sehr klein
Solch eine kurze Anreise haben wir selten: Isabelle Faust wohnt keine fünf Minuten von der Redaktion entfernt. In einem ganz normalen Berliner Altbau, wo sie das Interview dann aber doch nicht machen will: In der Wohnung liege noch alles herum, weil sie gerade aus dem Urlaub zurück sei. So setzen wir uns also ins mediterrane Café um die Ecke.
PARTITUREN Frau Faust, Sie haben neun Jahre in Paris gelebt – wie kamen Sie dorthin?
FAUST Das war nicht musikalisch bedingt, sondern aus purer Neugierde. Ich hatte mein Studium in Detmold abgeschlossen und konnte frei wählen. Ins Ausland wollte ich gerne, weil ich bis dahin nur in Deutschland gelebt hatte. Und da ich Lust hatte, mein Französisch zu verbessern und Paris sehr zentral fürs Reisen liegt, habe ich meine Koffer gepackt und es ausprobiert. Dann habe ich meinen Mann kennen gelernt und bin dageblieben.
PARTITUREN Hatten Sie denn gleich Arbeit in Frankreich?
FAUST Nicht sofort. Ich bin fast gleichzeitig mit dem Erscheinen meiner ersten CD, die ich bei harmonia mundi france aufgenommen hatte, nach Paris gezogen. Und dieses Label hat ja einen großen Einfluss auf dem französischen Markt. Außerdem hat die CD einen Gramophone Award gewonnen, das hat auch geholfen. Trotzdem hat es zwei, drei Jahre gedauert, bis die Pariser gemerkt haben, dass auch Deutsche Geige spielen können. Der französische Musikmarkt ist schon speziell. Jedes Land hat seine nationalen Künstler, die woanders nicht so bekannt sind, aber in FrankPartiturenreich ist das ganz extrem. Das Publikum liebt die eigenen Musiker. In Deutschland wäre das vielleicht auch nicht schlecht – hier muss man erst ins Ausland gehen und sich einen Namen machen, ehe man wer ist.
PARTITUREN Stimmt es, dass in Paris jeder jeden kennt unter den Musikern?
FAUST Fast alle freiberuflichen Musiker in Frankreich leben in Paris, und auch die meisten guten Orchester sind da. Deswegen läuft man sich dauernd über den Weg. Die ganz großen Namen sind natürlich auch alle präsent, aber abgesehen davon sieht man immer wieder dieselben Leute. Paris ist auf seine Art sehr klein. Es gibt viele Festivals und Veranstaltungsreihen, die aber immer mit den gleichen Organisatoren arbeiten. Am Ende laufen die Fäden bei zwei, drei Personen zusammen, und so bleiben auch die Musiker in den Konzerten oft dieselben. Man kennt und mag sich, alles bleibt in den gleichen Zirkeln, in die man sehr schwer reinkommt. Aber ich sehe auch eine Gefahr in dieser Exklusivität. Manche Freunde und Kollegen, die in Frankreich sehr viel in bestimmten Reihen spielen, haben sich diesen Organisatoren fast schon verschrieben. Da bleibt fast kein Platz mehr für eine internationale Karriere.
PARTITUREN Ist das französische Publikum anders als das deutsche?
FAUST Frankreich ist sehr auf Paris konzentriert. Hier findet fast alles statt, vielleicht noch ein bisschen in Lyon und Toulouse. Und bei den Sommerfestivals, die überall im Land stattfinden, kommen die Pariser angereist. Umgekehrt fahren die Leute aus ganz Frankreich nach Paris in die Konzerte. Mit dem TGV braucht man von Marseille nach Paris ja nur drei Stunden. In Deutschland ist das völlig anders – hier ist die Musikkultur über das ganze Land verstreut. Ich bin immer wieder überrascht, was für musikkundige und -begeisterte Leute in den hintersten Ecken sitzen. Und was für bekannte Künstler in ganz unattraktive Städte kommen. Man muss überall darauf gefasst sein, ein kundiges Publikum zu finden.
PARTITUREN Sie haben einiges Französische in Ihrem Repertoire – ein Ergebnis Ihrer Frankreich-Zeit?
FAUST Das stammt schon aus dieser Zeit. Meine Liebe zu Fauré zum Beispiel, den ich ja aufgenommen habe, wird zwar immer noch größer – aber begonnen hat sie, als mich ein Veranstalter am Museé d’Orsay gebeten hat, die zweite Fauré-Sonate zu spielen. Die spielt eigentlich niemand, viele Geiger kennen sie nicht einmal. Mich hat sie sehr fasziniert, auch wenn ich eine Weile gebraucht habe, mich in ihre Welt einzuleben. Man muss dafür in so ein Laissez-faire-Gefühl hineinkommen. Form und Harmonie behandelt Fauré ja ganz eigen, er macht es einem auf Anhieb erst einmal schwer, Boden unter den Füßen zu gewinnen. Vor allem in den späteren Werken. Bei längerer Beschäftigung mit ihm packt einen dann ein richtiger Fauré-Rausch, dem ich mich bis heute nicht entzogen habe. Aber ich bin natürlich nicht generell fixiert aufs Französische.
PARTITUREN Ist das Laissez-faire typisch für die französische Musik?
FAUST Es gibt diesen französischen Lebensstil, und davon ist auch die Musik gefärbt. Man sieht das gerade bei Fauré: Seine kleinen Salonstückchen sind dazu da, einen Abend nach einem wunderbaren sechsstündigen Diner ausklingen zu lassen. Oder umgekehrt: um den Abend zu eröffnen. Aber man darf die französische Musik nicht darauf beschränken. Hinter Faurés Sonaten und der größeren Kammermusik steckt meiner Ansicht nach wesentlich mehr. Oder denken Sie an Jolivets Violinkonzert, das ich vor kurzem aufgenommen habe – das ist ein erstaunliches Stück mit einem ganz eigenen eigenwilligen Stil, der gegen alle Strömungen der Zeit ging. Das wurd eine zeitlang völlig abgelehnt, weil es zu eigenwillig war für gewisse Kollegen seiner Zeit.
PARTITUREN Gibt es denn noch die nationalen Schulen wie die russische Klavierschule oder die französische Geigentradition?
FAUST Ich glaube, das ist ein bisschen abgeflacht. Mein ständiger Klavierbegleiter Alexander Melnikov, der noch in Moskau lebt, stammt ja aus dieser russischen Schule. Aber wie fantastisch er zum Beispiel mit historischen Instrumenten umgeht, ist ja nicht gerade typisch für die russische Klavierschule. Er hat früh Andreas Staier kennengelernt und mit ihm gearbeitet. Generell stehen uns heutesämtliche Informationsquellen offen, der Austausch zwischen Künstlern ist auch politisch und reisebedingt so viel einfacher. Es kommt eher darauf an, Einflüsse so zu kanalisieren, dass man sich selbst nicht ganz verliert.
PARTITUREN Wieso sind Sie aus Paris wieder weggezogen?
FAUST Das liegt komischerweise an meinem französischen Mann – das hatte berufliche Gründe. Und dann kam noch meine Professur in Berlin dazu. Wir waren auch in Frankreich ein bisschen unpraktisch gelandet, hatten ein kleines Bauernhaus 60 Kilometer außerhalb von Paris. Eigentlich genau das, was man sich als Traum vorstellt: Es ist sehr pittoresk, da zu wohnen. Aber man wird auch nie richtig fertig mit dem Bauen. Außerdem war es sehr mühsam, von dort zu reisen. Wenn man alle drei Tage zum Flughafen muss, durch den Verkehr in Paris, muss man immer mindestens zwei Stunden rechnen. Hier in Berlin sind es zehn Minuten zum Flughafen, und wir wohnen trotzdem absolut ruhig.
PARTITUREN Geht’s noch mal zurück?
FAUST Im Augenblick gefällt es uns hier zu gut. Die Stadt bietet eine großartige Lebensqualität, gerade im Vergleich zu Paris. Wenn man aus einer Kleinstadt kommt, kann man Berlin bestimmt stressig finden, aber verglichen mit Paris ist es eine Wonne. Und musikalisch ist so viel mehr los – alleinwas die Philharmonie bietet, das kann man gar nicht alles besuchen. Die Museen haben wir auch längst noch nicht durchforstet. Und in zehn Minuten ist man mit dem Fahrrad im Grünen. Das ist in Paris schwierig. Da gibt es nur kleine Ecken von sogenannten Grünanlagen. Was uns am ehesten fehlt, sind französische Restaurants. Richtig gutes französisches Essen gönnen wir uns immer als erstes, wenn wir in Paris sind.
PARTITUREN In Deutschland gibt es zur Zeit sehr viele weibliche Geigen-Stars. Merken Sie die Konkurrenz?
FAUST Ich habe nicht weniger zu tun als vorher. Ich sehe natürlich, dass meine Kolleginnen überall da sind, wo ich spiele, und sicher spielen sie auch, wo ich nicht bin. Aber ich habe viel zu tun, und meine musikalische Tätigkeit wird eher noch interessanter.
Das hängt weniger vom Marktgeschehen ab als davon, wofür man sich interessiert, welches neue Repertoire man sich sucht, mit welchen Partnern man spielt. Das hat man selbst in der Hand, wenn man einmal einigermaßen
etabliert ist. Da kann man sein Profil größtenteils selbst bestimmen, vorausgesetzt man weiß, was für die eigene Künstlerpersönlichkeit Priorität hat und was eher schädlich ist.
PARTITUREN Sie brauchen keinen Starrummel?
FAUST Ich glaube, man kann aus mir keinen Star machen: Ich würde sicher nach fünf Minuten streiken. Aber ich denke, dass bei den sogenannten „weiblichen Geigenwundern“ ganz ausgezeichnete Kolleginnen am Werk sind. Und einige, die ich persönlich kenne, bleiben sogar am Boden. Die bringen ein gutes Potenzial mit. Es sind ja jetzt auch viele, nicht wie früher, als Anne-Sophie Mutter das einzige „Wunder“ weit und breit war. Inzwischen ist es schon normal, dass das nächste Mädchen (und da sind ja auch noch ein paar Jungs!) kommt und sehr gut spielt. Ich hatte jedenfalls riesiges Glück. Als ich mit fünfzehn den internationalen Leopold-Mozart-Wettbewerb gewonnen habe, hat sich niemand groß darum geschert. Das blieb fast eine lokale Sensation. Dann habe ich mit Menuhin Dvorák gespielt, das war auch noch eine kleine Sensation. Ich hatte viel Zeit, mir langsam das ganze Standardrepertoire zu erspielen.
Alles hat sich ganz ruhig entwickelt, ich habe Abitur gemacht, weil meine Eltern schlau genug waren, mich nicht gleich aus der Schule rauszuholen. Heute wirst du, wenn du Pech hast, sofort zum Star erklärt, spielst dann die drei Violinkonzerte, die du beherrscht, 150 mal im Jahr und nächstes Jahr schaun wir mal, ob du noch kannst. Das ist sehr schwer durchzuhalten. Das Problem hatte ich nie. Meine Eltern mussten nie gegen Journalisten, Agenturen oder Plattenverträge ankämpfen – sie hatten gar keine Gelegenheit dazu.
PARTITUREN Sie haben letztes Jahr mit Andreas Staier Mozart gespielt. Geht es musikalisch gemeinsam mit ihm noch weiter in die Vergangenheit?
FAUST Bis jetzt noch nicht. Andreas ist natürlich eine absolute Koryphäe auf diesem Gebiet und ich kann nur versuchen, mir ein Stückchen davon abzuschneiden. Es ist eine große Inspiration und Ehre mit ihm zu arbeiten.
Mal sehen, wie weit er sich auf diesem Pfad noch mit mir wagt, von Mozart bis Beethoven haben wir es schon geschafft. Aber in diesem Bereich gibt es für mich noch viel zu lernen.
Ich bin in die Alte-Musik-Szene eher zufällig reingerutscht, weil wir „normalen“ Geiger inzwischen das Glück haben, dass Orchester wie die Freiburger oder Concerto Köln auch das große Repertoire spielen wollen. Plötzlich steht Beethovens Violinkonzert an, und da braucht man einen Geiger, der das möglichst in den Fingern
hat. So kommt es zustande, dass die jemanden wie mich fragen: Geht’s vielleicht auch mit Darmsaiten? Wenn man dann eine gehörige Portion Neugier und Flexibilität mitbringt, wird es richtig spannend, und man lernt auf Schritt und Tritt. Mir sind durch diese Erfahrungen ganze musikalische Welten eröffnet worden, die erstmal gar nichts mit der Frage „Darm oder nicht Darm“ zu tun haben.
PARTITUREN In Ihrer Biographie heißt es, sie hätten gemeinsam mit Ihrem Vater beim selben Lehrer angefangen, Geige zu lernen. Wäre Ihr Bruder nicht zuerst dran gewesen? Er ist doch zwei Jahre älter ...
FAUST Der hat trotzdem kurz nach mir begonnen. Ich glaube, ich durfte anfangen, weil ich immer am Klavier rumgeklimpert habe. Außerdem haben die Väter immer eine besondere Affinität zu den Töchtern.
PARTITUREN Wie lange hat es gedauert, bis Sie besser waren als Ihr Vater?
FAUST Das ging relativ schnell. Etwas länger hat es gedauert, ihn zu überzeugen, nicht mehr beim Üben dazusein und mir zu erklären, welche Note jetzt dran wäre ...
PARTITUREN Gibt es bei Ihnen selbst noch Hausmusik?
FAUST Im Augenblick leider ganz wenig. Mein Sohn ist noch nicht so weit auf dem Klavier. Und wenn ich zu Hause bin versuche ich, nicht unbedingt gleich wieder die Geige in die Hand zu nehmen. Obwohl wir immer wieder mit Freunden und Bekannten hier in Berlin sagen: Wir müssten mal wieder spielen.
Das Gespräch führte KLEMENS HIPPEL.