„Als Dirigent bin ich noch ein Kind“
Ein Probenbesuch bei Andris Nelsons
Seine PR-Agentur hat es einfach: Um auf Andris Nelsonsneugierig zu machen, genügt ein kurzer Auszug aus seiner Biografie. In Riga geboren, Trompeter an der Lettischen Nationaloper, mit 23 Jahren vom Orchestermitglied zum Chefdirigenten aufgestiegen. Debüts beim Tonhalle-Orchester Zürich, in Helsinki, bei den großen Rundfunkorchesternin München, Berlin, London, Hannover – und jedes Maldie Wiedereinladung. Debüt an der Deutschen Oper Berlin – und sofort gilt der 28-Jährige als heißester Anwärter auf den bald freiwerdende Chefposten. Seine erste CD landet gleich in der „Bestenliste zum Preis der Deutschen Schallplattenkritik“. In der Saison 2007/08 dirigiert Nelsons nun in Stockholm, Riga, Basel, Oslo, Manchester, Berlin (RSB), Salzburg, Pittsburgh, Birmingham, Dresden (Philharmoniker), Frankfurt (hr), Wien (RSO) und Hamburg (Staatsoper). Und zwischendurch immer wieder in Detmold, Paderborn, Minden, Bad Salzuflen, Herford. Denn der gefeierte Jung- Star ist seit 2006 auch Generalmusikdirektor der Nordwestdeutschen Philharmonie.
An diesem Nachmittag probt Nelsons in Herford, dem Sitz dieses nordrhein-westfälischen Landesorchesters, Brahms‘ Vierte und Haydns Sinfonie Nr. 13. Kaum hat der stattliche und doch noch so jungenhaft wirkende Dirigent das Podium betreten, herrscht eine intensive, produktive Arbeitsatmosphäre. Nelsons lässt einzelne Abschnitte spielen, nimmt auch mal die Streicher und die Bläser für sich und unterbricht für kurze Kommentare, in denen am häufigsten das Wort „Bitte“ auftaucht. „Bitte spielen Sie das ein bisschen breiter“, sagt er der Klarinettistin, „Könnten Sie noch einen weicheren Schlegel versuchen, bitte?“, fragt er den Pauker. Sobald es ihm gefällt, steht Nelsons auf, setzt den Stuhl vom Podium hinunter und dirigiert mit dem ganzen Körper und weit ausladenden Gesten. Bei der nächsten Unterbrechung holt er den Stuhl wieder hoch und setzt sich. So geht es in einem fort. Wenn Nelsons dirigiert, scheint er in der Musik aufzugehen, als gäbe es nichts Schöneres, als mit diesem Orchester hier und jetzt Musik zu machen. Der Stock wandert mal von der Rechten in die Linke, mal aufs Pult, damit er mit beiden Händen die Musik „modellieren“ kann. Selten taktiert er längere Strecken durch, oft zeigt er nur den Puls an. (Später wird er mir sagen: „Sie sollen nicht auf mich wie auf den Polizisten gucken, sondern wie in der Kammermusik aufeinander hören. Man muss ein Orchester spielen lassen. Wenn man permanent schlägt, stört man den Fluss.“)
Wer hat den schönsten Ton?
Doch die Hingabe ist kontrolliert. Geht ihm etwas in die falsche Richtung, unterbricht er und formuliert, wie es anders klingen sollte. Klang das im ersten Durchgang ziemlich technisch, versucht er es danach mit Bildern. „Die ist Brahms’ Schwanengesang. Das war kein junger Mann, der das geschrieben hat, sondern ein Altmeister auf der Höhe seines Könnens.“ Dass Nelsons das nicht nur in seinem kuriosen, lettisch gefärbten Deutsch-Englisch formuliert, sondern auch gestisch zeigt, sorgt für viel Heiterkeit. Doch sofort klingt es anders. Ein andermal ruft er während des Spiels ins Orchester: „Dies ist die Weltmeisterschaft im Schönspielen. Wer hat den schönsten Ton?“ Und sofort legen die Cellisten noch mehr Pathos in ihr Spiel, und die Geigenversuchen sie danach erst recht zu übertrumpfen. Nach einer Stunde ist Nelsons völlig durchgeschwitzt, aber er wirkt glücklich und zufrieden. Für den Haydn bleibt am Ende des zweiten Probenteils nicht mehr viel Zeit. Die heiklen Stellen werden beim Durchlauf geklärt, dann schwört Nelsons seine Musiker darauf ein, genau aufeinander zu hören. „Den Rest improvisieren wir im Konzert.“
„Die Proben sind der schwierigste Teil dieses Berufs“, sagt er anschließend, als wir in seiner Stamm-Pizzeria sitzen. „Am interessantesten finde ich das Vorbereiten der Stücke. Man arbeitet mit dem Notentext, man liest über den Komponisten und die Entstehungszeit und erarbeitet sich allmählich die Atmosphäre des Werkes. Ich finde es unglaublich spannend, ein Werk zunächst technisch zu analysieren und dann immer mehr zu entdecken, was zwischen den Noten steht. Und wenn man diese Ideen entwickelt hat, muss man sehen, wie man sie gemeinsam mit dem Orchester umsetzen kann. Man muss sich gut vorbereiten auf die Probe, man muss sich überlegen, was man sagt, was die Musiker wie machen sollen. Natürlich geht es um Artikulation, dynamische
Balance usw., und wenn man die Musiker bittet, kürzer oder lauter zu spielen, tun sie das – das ist einfach. Aber wenn man Ideen zum Stück entwickelt, die Phantasie der Musiker anregt, dann klingen die Noten plötzlich anders. Und das ist eine Frage der Chemie, das funktioniert mit jedem Orchester anders, das ist schwierig“, sagt Andris Nelsons und lacht mit seinem volltönenden Bass.
Aus dem Graben geklettert„Man muss sozusagen die Seele sein in diesem Moment. Man muss Energie geben, die Musiker motivieren. Den
einen muss man anleiten, den anderen ermuntern, sich im Solo mehr zu trauen, freier zu werden; der dritte ist so gut, dass man ihn nur begleiten muss. Die Menschen sind von Natur aus bequem. Man muss sie fordern, aber ihnen gleichzeitig mit Respekt begegnen. Das ist psychologisch sehr komplex“, sagt Nelsons und lacht wieder.
Wie wichtig ist die Probe, wie wichtig das Konzert? „Die Probe ist wichtig, um das Stück technisch zu erarbeiten und eine Idee vom Charakter zu bekommen. Es ist wie Kammermusik, jeder weiß, auf wen er hören muss und was im Stück passiert. Und dadurch wird man flexibel fürs Konzert, für die Inspiration des Moments. Im Konzert wird es immer anders – nicht weil man es will, sondern das passiert automatisch. Die Probe kann auch Spaß machen, aber sie ist harte Arbeit. Das Konzert ist wie ein Fest.“
Kann ein Publikum einen Dirigenten wirklich beurteilen? „Wenn ich im Konzert sitze, ist mir wichtig, dass die Atmosphäre, die Spannung da ist, dass ich berührt werde von der Musik. Man weiß vielleicht nicht, warum, abe man fühlt, ob es funktioniert oder nicht. Ob ein Orchester nur professionell spielt, oder ob es dem Dirigenten hundertzehnprozentig vertraut. Nur darauf kommt es an. Der eine Dirigent macht es so, der andere so, und bei beiden funktioniert es – und bei anderen nicht, egal, was sie machen. Das ist das Mysterium.“
Begonnen hat sein Traum vom Dirigieren mit fünf, als er zum ersten Mal eine Oper besuchte, den Tannhäuser. „Ich sah den Dirigenten da stehen, drei Stunden lang, die ganze Zeit beschäftigt mit der Musik. Da dachte ich: Das ist es!“ Mit 15 begann er parallel Trompete und Dirigieren zu studieren, dann wurde er Mitglied im Opernorchester. „Man sollte als Dirigent mehr Erfahrung haben als nur zu dirigieren. Aus dem Orchester heraus die Produktionen, die Dirigenten zu sehen, war eine großartige Erfahrung, das war wie ein Teil meiner Ausbildung. Man kann nicht einfach sagen: Ich studiere Dirigieren, und dann bin ich Dirigent, dann kann ich’s. Es gibt da vieles, was man nicht erklären kann.
Es ist eine Kombination aus der Schlagtechnik, der musikalischen Persönlichkeit, der Erfahrung und der Psychologie.“ Wie wichtig ist die Schlagtechnik? „Sie sagt nichts darüber aus, ob man ein guter Dirigent ist oder nicht, aber eine gute Technik macht es einfacher, man erreicht viel schneller sein Ziel. Das Ideal ist, dass die Hände genauso sprechen können über die Musik, wie die Zunge, die Augen. Das Prinzip kann man lernen, und dann muss man diese Sprache für sich weiterentwickeln.“ – Auch vor dem Spiegel? – „Als Dirigent bin ich ja noch ein Kind. Aber ich glaube, die meisten Dirigenten üben vor dem Spiegel oder beobachten sich per Video. Es ist wichtig, dass man sich selbst immer wieder kontrolliert und kritisiert, um sich zu entwickeln. Manchmal merkt man, dass eine Geste ganz anders wirkt, als man selbst gedacht hat.“
Der schönste Ort der WeltAn sein erstes Dirigat – mit 16 Jahren beim Hochschulorchester – kann sich Nelsons noch gut erinnern. „Das war faszinierend. Der Dirigent kam nicht, und ich dachte, warum sollen wir nach Hause gehen, lasst es uns so probieren. Ich bin eigentlich ein schüchterner Mensch, und ich war völlig überrascht, wie wohl ich mich vor all den Musikern gefühlt habe, ich war überhaupt nicht unsicher. Auf dem Dirigentenpodium fühle ich mich am wohlsten auf der Welt. Du bist absolut nackt gegenüber der Musik, und wenn du dich der Musik hingibst, steht nichts zwischen dir und ihr. Du vergisst alles andere. Das ist großartig. Ich fühle, da ist der beste Platz für mich als Musiker.“
Nelsons wurde Trompeter im Orchester der Nationaloper in Riga, bekam die Chance, zwei Stücke in einem Konzert zu dirigieren und wurde Assistent einer Produktion. In der nächsten Saison durfte er schon die Traviata und Un ballo in maschera dirigieren. Alternierend mit einem Kollegen, und wenn der dirigierte, saß Nelsons im Orchester und spielte Trompete, erzählt er lachend. „Dann wurde ich Chefdirigent und hörte auf zu spielen.“
Vier Jahre, bis zum Sommer 2007, leitete er das Orchester in Riga, und doch nimmt er, der bei Alexander Titov in St. Petersburg studiert und Meisterkurse bei Neeme Järvi und Jorma Panula absolviert hat, bis heute ab und zu Privatunterricht bei Mariss Jansons. „Es ist großartig, mit einem solchen Mann zusammenzusitzen, über Musik zu sprechen, ihm zu assistieren und ihn bei der Arbeit zu beobachten.“
Überhaupt versteht Andris Nelsons den Dirigentenberuf als ewiges Lernen – wie er auch im Gespräch, von seiner Körpersprache her, eher wie ein wissbegieriger Student als wie ein erfahrener Chefdirigent wirkt. Man merkt, dass er sich die Antworten genau überlegt, sie sind noch nicht vorgefertigt abrufbar. Zumindest im Englischen muss er immer wieder nach Worten suchen, um zu verdeutlichen, was er sagen will. „Es gibt keinen Punkt, an dem man fertig ist. Allenfalls kennt man die Technik. Aber musikalisch muss man sich immer weiterentwickeln, sein Leben lang. Die größte Gefahr besteht darin, dass man mit 40 oder 50 sagt: So, jetzt weiß ich alles. Ich bin dankbar, dass ich so früh anfangen konnte. Würde ich mit 40 erst anfangen, hätte ich vielleicht mehr musikalische Einsichten in ein Stück, aber mir würde die Erfahrung fehlen, die ich schon gesammelt
habe. Ich könnte meine Ideen nicht so gut vermitteln. Insofern ist es gut, früh anzufangen – wenn das Orchester dich akzeptiert. Aber man darf nicht arrogant werden, das ist das schlimmste bei einem Künstler.“
Nervös in HerfordGenießt er denn seine derzeitige Karrierephase, mit immer neuen Debüts bei immer berühmteren Orchestern? „Ich fühle mich großartig, das ist sehr aufregend. In vielen Orchestern bin ich jetzt zum zweiten oder dritten Mal. Ich passe auf, dass ich mir nicht zu viel aufbürde. Ich muss eben sehr gut vorbereitet sein. Und es macht für mich keinen Unterschied, ob ich in Tampere oder im Concertgebouw spiele. Selbst wenn ich hier nach Herford komme, bin ich nervös. Einen gewissen Stress fühle ich immer. Aber keine Panik.“
Steht man bei einem neuen Orchester erst mal auf dem Prüfstand? – „Sehr viel entscheidet sich auf der ersten Probe. Da gucken die Musiker sehr genau und sehr nüchtern, was man macht. Nach der ersten Pause, wenn sie miteinander gesprochen haben, wird es einfacher. Bislang bin ich von allen Orchestern wieder eingeladen worden, und wenn man ein zweites oder drittes Mal kommt, wird es natürlich noch einfacher und angenehmer. Ich liebe es, zu gastieren, neue Leute zu treffen, den Horizont zu erweitern. Aber es ist mir auch wichtig, mein eigenes Orchester zu haben, mit dem ich eine Beziehung aufbauen und zu dem Punkt kommen kann, wo das Orchester mich versteht, ohne dass ich alles zeigen muss. Man wird freier im Konzert, wenn man sich kennt, wenn man weiß, wie man funktioniert – vorausgesetzt, die Chemie stimmt.“
In Herford scheint das der Fall zu sein. Nach der Probe hatte ihn ein Musiker gefragt, was er denn am morgigen Sonntag mache. Nelsons Antwort – bezeichnenderweise: „Studieren.“ Sein Repertoire ist breit angelegt, von Haydn, mit dem er sich gerade intensiv beschäftigt, bis zu Schostakowitsch, dazu ab und an ein Zeitgenosse und eine Rarität wie in dieser Spielzeit Carl Reineckes Flötenkonzert, Antonin Dvorˇáks Biblische Lieder op. 99 oder die dritte Symphonie von Franz Schmidt. Und immer wieder Oper, auch die Wiener Staatsoper hat ihn für zwei Produktionen 2008/09 verpflichtet.
Zum Schluss frage ich den vielleicht kommenden Stern am Dirigentenhimmel, was für ihn das Schönste am Dirigieren ist? „Dass man immer ein Kind bleibt“, sagt Andris Nelsons und lacht wieder mit seiner volltönenden Stimme. „In dem Sinne, das man offen bleibt und sich immer weiterentwickelt. Man nimmt ein Stück, und jedes Mal, wenn man es betrachtet, bei jedem Orchester, mit dem man es spielt, ist es anders. Das ist fantastisch.“
ARNT COBBERS