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Spurensuche
Spurensuche Ausgabe 13 Der Mythos Carlos Kleiber
Auf der Suche nach dem Ideal

Potsdam im Februar 1955: Hypernervös macht sich Karl Keller auf den Weg in den Orchestergraben des Hans-Otto-Theaters, um zum ersten Mal ein Bühnenstück zu dirigieren: Millöckers Operette Gasparone. Hinter ihm liegen schwierige Proben, das Orchester hat sich anfangs gesträubt, dem unerfahrenen Dirigenten zu folgen. Dem Ensemble hat man den bescheidenen, freundlichen, großen und gutaussehenden 24-Jährigen mit dem leichten Akzent als Talent aus Amerika vorgestellt. Nur die Intendantin Ilse Weintraud weiß, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt: der Sohn Erich Kleibers, den viele für den bedeutendsten Dirigenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts halten. Das Publikum bejubelt die beschwingte Premiere, und auch der Vater zeigt sich, als er incognito die zweite Vorstellung besucht, zufrieden mit der Leistung des Sohnes.Doch noch ahnt niemand, dass Carlos Kleiber einmal zum gefeiertsten Dirigenten des späten 20. Jahrhunderts aufsteigen wird.

Karl Keller aus Amerika


Erich Kleiber, einst Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper Unter den Linden, hatte im Frühjahr 1935 mit seiner Familie Nazi-Deutschland den Rücken gekehrt und fortan in der Emigration, vor allem am Teatro Colón in Buenos Aires und in Montevideo, sensationelle Erfolge gefeiert. Schon bald nach Kriegsende gab es Bemühungen, den berühmten Mann an sein altes Haus in Berlin, das in Schutt und Asche lag, zurückzuholen. Und Kleiber war in der Tat geneigt, die wiederentstehende Staatsoper 1955 als Generalmusikdirektor einzuweihen. Seinen Sohn Carlos hatte er nach Ost-Berlin mitgenommen, ebenso seine aus Kalifornien stammende Frau Ruth, die er 1926 in Buenos Aires kennengelernt und umgehend geheiratet hatte.
Carlos’ Engagement in Potsdam hatte das Kulturministerium der DDR in die Wege geleitet, um den nie wirklich berechenbaren Erich Kleiber fester an Ost-Berlin zu binden. Doch dann verließen die Kleibers völlig überraschend die DDR. Erich Kleiber, der gehofft hatte, eine kulturelle Brücke zwischen Ost und West schlagen zu können, erkannte ernüchtert, dass er sich tief in die Politik verstrickt hatte. Für Carlos Kleiber schwand vorerst die Hoffnung, als Kapellmeister regelmäßig an einem Haus dirigieren zu können. Dabei drängte die Zeit, denn die Jahre des Umherziehens in der Emigration hatten seine musikalische Entwicklung verzögert. Zwar war die Liebe zur Musik beim am 3. Juli 1930 in Berlin geborenen Karl Ludwig Bonifacius Kleiber früh erwacht, auch hatte man sein Talent bald entdeckt, doch eine behütete Kindheit waren ihm und seiner zwei Jahre älteren Schwester Veronika nur für wenige Jahre
vergönnt. Es folgten Zeiten der unsteten Wanderschaft. Die Familie zog an den österreichischen Mondsee, dann nach Lugano, Monte-Carlo, Genf und schließlich 1940 nach Südamerika.

Bei Kleibers gibt‘s kein Mittelmaß!

Jahre gingen vorüber, in denen Carlos, wie Karl nun im Freundes- und Familienkreis hieß, in streng geführten Nobelinternaten in Chile, Kuba und New York schmerzlich ein Familienleben vermisste. Als Kind komponierte er bereits, mit 15 (erst) begann er auf Wunsch des Vaters Klavier- und Paukenunterricht zu nehmen. Als er 1946 und 1947 in den Ferien euphorisch die Wagner-Aufführungen seines Vater am Teatro Colón verfolgte, reifte sei  Wunsch, selbst Dirigent zu werden. Der Vater beobachtete diese Regungen indessen mit Sorge. Sein Sohn sollte sich nicht in den schweren Nachkriegsjahren einer brotlosen Kunst verschreiben. Zudem war ihm wohl bewusst, welche Bürde er selbst für seinen Sohn darstellte. Und Mittelmäßigkeit, das schärfte er Carlos ein, durfte es bei einem Kleiber nicht geben. Carlos nahm sich seinen Vater zum Vorbild, den genialen Perfektionisten, der unerbittlich seine musikalischen Forderungen durchsetzte und die Musik nach intensivsten Partiturstudien und ausgefeilten Proben auf faszinierende Weise zum Blühen und feurigen Pulsieren brachte.

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