Ich bin vielPierre Boulez ist seit über 50 Jahren eine der prägenden Figuren der Musikszene, als Komponist, Organisator, Ideengeber – und als Dirigent, dessen unkonventionelle Technik ohne Taktstock für viele jüngere Dirigenten vorbildlich wurde. Auch mit 82 Jahren ist sein Arbeitspensum enorm: Boulez hat gerade zwei Wochen lang die Festival Academy in Luzern geleitet; nun ist er für einen Tag in Essen, wo er eigene Werke dirigiert, am nächsten Tag fliegt er weiter nach Tokio. Und doch ist es kein Problem, einen Interviewtermin zu bekommen. Auch die übliche Frage: „Wie lange brauchen Sie?“, wird nicht gestellt.
PARTITUREN Herr Boulez, sind Sie ein dirigierender Komponist oder ein komponierender Dirigent?
BOULEZ Ich bin ein Komponist, der auch dirigiert. Ich habe angefangen zu dirigieren, weil es in meiner Generation nicht sehr viele Leute gibt, die das können. Meine Generation ist zuerst gespielt worden von Leuten wie Scherchen und Rosbaud, die waren um die 60, wir waren 20, 25, und dazwischen gab es niemanden. Da habe ich mir gedacht, wenn wir unsere Stücke aufführen wollen, müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Mit der Zeit bin ich dann wirklich ein Dirigent geworden.
PARTITUREN Als Dirigent sind Sie Autodidakt. Würden Sie dennoch jungen Musikern empfehlen, Dirigieren zu studieren?
BOULEZ Am Anfang war es schwieriger für mich, weil ich keine Ahnung hatte. Deshalb würde ich sagen: Für den Anfang ist es nötig, die Technik zu lernen. Aber als Dirigent ist man abhängig vom Orchester, es geht ja nicht nur um die Interpretation, um den Klang, sondern auch um die Psychologie des Orchesters. Dirigieren kann man nur wirklich lernen, wenn man dirigiert.
PARTITUREN Hat es lange gedauert, bis die Musiker ihre Gesten verstanden haben?
BOULEZ Das ging ziemlich schnell. Da gibt es zwingende Bedingungen, denen man nachkommen muss. 1959 war ich in Donaueschingen, um einen Kammermusiknachmittag zu leiten, aber dann wurde Hans Rosbaud krank und Heinrich Strobel vom Südwestfunk bat mich, das Orchesterkonzert zu übernehmen. Ich habe gesagt, gut, das ist eine Chance. Das letzte Stück war damals in Donaueschingen immer ein Klassiker (des 20. Jahrhunderts), an dem Abend Bartóks Suite Der wunderbare Mandarin, und ich erinnere mich, der Bühnenumbau erschien mir irrsinnig lang. Ich stand da und habe gewartet und kam mir vor, als müsste ich gleich in heißem Wasser schwimmen. Aber es ist gut gelaufen. Ich habe die Aufnahme allerdings nie gehört. (lacht) Das war, wie man im Französischen sagt: l’énergie de l’espoir. So hat meine Karriere als Dirigent angefangen, das war überhaupt nicht mein Ziel gewesen. Was mich genauso interessiert hat wie das Dirigieren war die Frage, wie man die Programmierung ändern könnte: mehr zeitgenössische Musik, andere Konzepte und Konzertformen usw.
PARTITUREN Sie waren nur zweimal in den 70er Jahren Chefdirigent eines Orchesters, in London und in New York. Warum später nie wieder?
BOULEZ Das hat mich nicht mehr interessiert. Als das IRCAM (Institut de Rechercheet Coordination Acoustique/ Musique, Paris) gegründet wurde, habe ich die Gelegenheit bekommen, mich mit dem Klang zu beschäftigen, die Quelle des Komponierens zu erforschen, da habe ich gesagt: Darauf muss ich mich konzentrieren. Und es gab in Paris keine gute Gruppe für zeitgenössische Musik. Ich bekam die Chance, meine eigene Gruppe aufzubauen, das hat mich natürlich interessiert, das stand in direkter Verbindung zu neuem Komponieren.
PARTITUREN War es eine bewusste Entscheidung, ohne Taktstock zu dirigieren?
BOULEZ Ich habe es nie versucht mit einem Stock. Ich habe das Dirigieren angefangen mit Kammermusik. Und jedes Mal, wenn ich zu einer größeren Gruppe kam, habe ich den Stock nicht als nötig empfunden. Ich hatte immer die Vorstellung, mit einem Taktstock wäre meine rechte Hand paralysiert. Ohne Stock können beide Hände espressivo oder auch ganz präzise sein. Wenn ich einen Akzent geben will, mache ich nur so – tack (macht eine Bewegung aus dem Handgelenk) – oder zeige den nur mit einem Finger, das geht. Ich fühle mich reicher mit zehn Fingern.
PARTITUREN Dirigenten haben die höchste Lebenserwartung.
BOULEZ Um mit einem Orchester zu proben und zu arbeiten, muss man wach sein, man muss gut vorbereitet sein, sonst hat man keine Autorität, sonst funktioniert es nicht. Da kann man sich nicht so viele Exzesse erlauben im Leben. Vielleicht leben wir deshalb länger. (lacht)
PARTITUREN Haben Sie denn selbst das Gefühl, dass Sie mit den Jahren immer besser werden?
BOULEZ Man gewinnt immer mehr Erfahrung. Aber man muss sich sein Repertoire so einteilen, dass man nicht übersättigt wird, wenn man ein Stück zum dreihundertsten Mal dirigiert. Man muss viele Werke im Repertoire haben und immer wieder neue Stücke lernen. Wenn ich zum Beispiel wieder Die Jakobsleiter von Schönberg mache, muss ich mich grundlegend vorbereiten, weil ich das ungefähr 15 Jahre nicht mehr dirigiert habe.
PARTITUREN Erarbeiten Sie das Stück dann von Grund auf neu?
BOULEZ Das kann man nicht. Wenn man eine Partitur einmal sehr ernsthaft studiert hat, dann kommt das sehr, sehr schnell zurück. Wenn ich ein Stück kenne, schaue ich mir meine Noten an, sehe, wie ich dirigiert habe, und bereite mich vor allem auf die Proben vor. Weil ich dann weiß, wo die schwierigen Stellen sind, woran man besonders arbeiten muss und wo es schnell geht. Es ist die Ökonomie der Probe, auf die man sich vorbereitet.
PARTITUREN Haben Sie ein fotografisches Gedächtnis?
BOULEZ Nein, aber ich bewundere das. Man erzählt von Mitropoulos, als eine Partitur einmal nicht gekommen
ist, hat er in der Nacht die einzelnen Stimmen auswendig gelernt und danach dirigiert. Ich habe selbst gesehen, wie er das Geigenkonzert von Schönberg auswendig begleitet hat.
PARTITUREN Was ist, in wenigen Worten gesagt, die Aufgabe des Dirigenten?
BOULEZ Emphatisch formuliert: Eine allgemeine Seele zu sein, eine Seele für all die 100 Musiker, die ja jeder
für sich eine Seele haben. Dass ein Orchester wirklich wie eine Person spielt, ist das Ziel. Dass alle im Orchester wie eine Person fühlen und ganz präzise spielen, aber nicht trocken. Präzision und Seele sind für mich keine Gegensätze, das schließt einander nicht aus.
PARTITUREN Ist der Dirigent der Stellvertreter des Komponisten?
BOULEZ Wenn der Komponist tot ist, sicher. (lacht) Aber wenn er noch am Leben ist, habe ich es gern, wenn er dabei ist und etwa sagt: Das möchte ich schneller haben. Dann spiele ich es schneller, auch wenn es anfangs nicht meine Intention war.
PARTITUREN Wie steht es mit der Intention des Komponisten, wenn der schon tot ist?
BOULEZ Die Intention des Komponisten ist sehr schwer zu beurteilen. Man hat einen Text. Und dann denkt man, was kann ich mit dieser Partitur machen? Der Komponist ist nicht mehr da. Diese Sachen sind so fragwürdig. Strawinsky hat zum Beispiel in den 20ern, in seiner neoklassizistischen Periode, auch seine frühen Werke neoklassizistisch gesehen. Und das stimmt nicht. Wenn er spricht, sieht er seine früheren Partituren von einem Standpunkt, der nicht der Standpunkt dieser Partituren ist, sondern der von anderen Partituren. Darauf sollte man sich nicht einlassen. Wenn man Aufnahmen von Bartók hört, merkt man, er war ein guter Pianist, aber er hat sich nicht genug Zeit genommen, seine Stücke zu üben. Ein heutiger Pianist, der diese Stücke sorgfältig
studiert, spielt sie besser als Bartók. Der Interpret kann nicht in die Haut des Komponisten schlüpfen. Und wenn ein Stück interessant ist, erlaubt es verschiedene Standpunkte. Authentizität ist ein Wort, das ich nicht in meinem Vokabular habe. Es gibt keine Authentizität.
PARTITUREN Sind Sie noch neugierig auf neue Musik?
BOULEZ Natürlich, ich dirigiere ja noch viel Neues. Das interessiert mich nicht nur als Frischzellenkur, sondern ich bin neugierig, was die neue Generation denkt. Manchmal ist man natürlich enttäuscht. Es gibt Leute, die Idee haben, sie aber nicht verwirklichen können. Aber wenn man ein neues Talent entdeckt, ist das sehr erfüllend. Ich bin auch gern bei Probespielen dabei, nicht wegen der Entscheidung hinterher, die ist oft schwierig. Aber wenn man eine Persönlichkeit entdeckt, und zehn Jahre später merkt man, er oder sie hat sich tatsächlich so entwickelt, wie man es erwartet hat, das ist sehr erfüllend.
PARTITUREN Sie dirigieren ausschließlich Musik der letzten hundert Jahre und aus dem 19. Jahrhundert Mahler, Bruckner, Wagner. Setzen Sie sich manchmal zu Hause ans Klavier und spielen Bach?
BOULEZ Ah, das war mein Anfang. Wie alle Leute habe ich mit Bach und Mozart und Haydn angefangen, ja, ja. Dass ich die nicht dirigiere, heißt nicht, dass ich die nicht mag. Überhaupt nicht.
PARTITUREN Bach müsste Ihnen doch liegen als Dirigent?
BOULEZ Ja, aber wenn ich die Gelegenheit habe zu dirigieren, denke ich, bin ich nützlicher, wenn ich Stücke mache, die seltener gespielt werden als eine Passion von Bach. Es gibt genug andere Leute, die das gut machen– die aber ein Sacre du printemps überhaupt nicht können. Da spiele ich lieber den Strawinsky als eine Bach- Kantate, die ich auch gern machen würde.
PARTITUREN Ist es wahr, dass Sie keine Opern mehr dirigieren wollen?
BOULEZ Das frisst zuviel Zeit, bedenken Sie mein Alter. Ich dirigiere beides sehr gern, Oper und Konzert. An der Oper interessiert mich, mit einem Regisseur zusammenzuarbeiten – und zwar von Anfang an. Ich habe im Frühjahr Aus einem Totenhaus in Wien gemacht und drei Wochen lang jeden Tag mit Patrice Chereau zusammengearbeitet. Ich habe alle Klavierproben selbst dirigiert. Wir haben uns wunderbar verstanden,
was Tempi, Ausdruck usw. betrifft. Wenn etwas nicht gut war, haben wir das Problem sofort gelöst. Deshalb muss es für mich auch so sein, dass die Aufführungen hintereinander weg stattfinden und dass immer dieselben Musiker spielen. Dann erreicht man ein besseres Niveau. Oft kommt man in ein Opernhaus, macht ein paar Proben, die Regie ist schon fünf Jahre alt, dann hat man in der zweiten Aufführung fünf Tage später andere Musiker im Orchester, und zehn Tage später bei der dritten Aufführung wieder eine andere Besetzung. Das kann kein gutes Resultat geben.
PARTITUREN Ihre Platteneinspielungen der 70er Jahre wirken in ihrer Klarheitund rhythmischen Prägnanz wie ein Gegenentwurf zur Klangopulenz, die damals zum Beispiel Karajan kultiviert hat. War das für Sie auch ein Anreiz: zu zeigen, man kann es anders/ besser machen?
BOULEZ Nein, ich wollte das so hören. Und ich habe es so gemacht, wie ich es hören wollte. Das ist alles. Ich bin viel einfacher, als man denkt. (lacht)
PARTITUREN Gibt es etwas, auf das Sie besonders stolz sind?
BOULEZ Stolz nicht. Ich habe das gemacht, von dem ich dachte, ich müsste es machen. Aber ich bin froh, dass es eine Institution wie das IRCAM und dass es das Ensemble Intercontemporaingibt. Und dass es einige Schallplattenaufnahmen gibt, mit denen ich ziemlich zufrieden bin. Plattenaufnahmen sind wie Fotografien von mir Und da gibt es einige Fotos, auf denen ich nicht ganz so schlecht aussehe.
PARTITUREN Es gibt das Schlagwort vom „Zeitalter der Dirigenten“. Wenn man in hundert Jahren auf die Musik vonheute zurückschauen wird, wird man zunächst an die Dirigenten oder die Komponisten denken?
BOULEZ An die Komponisten. Man denkt an Kussewitzky nicht, weil er 25 Jahre lang in Boston dirigiert hat, sondern weil er Aufträge vergeben hat an Bartók, Strawinsky usw. Man erinnert sich an Paul Sacher, weil er so viele Aufträge vergeben hat. Damit hat er seine Zeit geprägt, nicht als Dirigent. Ein Interpret ist ein Interpret. Er ist nur nachschöpferisch. Ein Komponist ist immer wichtiger als ein Interpret.
Das Gespräch führ te ARNT COBBERS.