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Interview
Interview Ausgabe 15 Der Dirigent Paavo Järvi - Weniger ist mehr

Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen sind in Berlin, um ihre vierte Beethoven-CD aufzunehmen – wieder im legendären Großen Saal an der Nalepastraße. Die Stimmung ist konzentriert, doch unverkrampft – genau die Mischung, die man den Aufnahmen anhört. In der Mittagspause „entspannt“ sich Järvi beim Interview, dann geht‘s an die Einspielung des zweiten Satzes.

PARTITUREN Herr Järvi, Ihr Beethoven klingt mit der Kammerphilharmonie so einfach und natürlich. Was ist das Geheimnis?

JÄRVI Für mich ist Beethoven der echte Test für einen Dirigenten. Man muss sich wirklich darüber im Klaren sein, was man will. Und man braucht einsehr gutes Orchester. Wir machen die Symphonien jetzt seit zehn Jahren zusammen, wir haben viele Zyklen gespielt, aber jedes Mal, wenn wir auf Tour gehen, proben wir, als hätten wir die Stücke nie gesehen. Erst dann wird es zur zweiten Natur. Und das ist ja so eindrucksvoll mit diesem Orchester, sie unterbrechen die Proben oft und sagen: Gut, die Details sind klar, aber jetzt lasst uns mehr auf das Ganze achten, lasst uns mehr Spaß haben. Nehmen Sie dieses (singt) pam pa da damm pamm usw. – wenn das nicht technisch absolut ausgearbeitet ist, dann funktioniert es nicht. Aber wenn es absolut ausgearbeitet ist, dann hört man’s nicht mehr. Aber man fühlt es, es klingt richtig. Wir arbeiten viel an Sachen, die man später nicht
mehr wirklich hört. (lacht) Und genau das muss man tun.

PARTITUREN Waren Sie von Kindheit an ein Beethoven-Fan?

JÄRVI Meine Liebe zu Beethoven ist nicht sofort aufgeblüht. Mein Vater hatte eine der größten Plattensammlungen in der Sowjetunion, und er hat oft Platten aufgelegt und gefragt: Wer dirigiert, welches Orchester? Ich bin aufgewachsen mit der Geschichte des Dirigierens, mit der Kenntnis der Tradition. Beethoven klang mir oft sehr dramatisch, pompös, mir fehlte das innere Leben, etwas störte mich an der Art, wie man ihn seit Wagner gesehen hat. Erst als ich die Kammerphilharmonie Beethoven spielen gehört habe, hab ich gesagt: Das ist es! So muss man Beethoven spielen. Da ist mehr Transparenz, es gibt eine Schönheit in der Einfachheit, es muss nicht alles schön „gemacht“ werden. Manchmal ist es so: Je einfacher die Linien, je aufrichtiger die Geste, desto berührender ist es. Und das hat nur mit dem Orchester zu tun. Es hat etwas damit zu tun, dass man sich als Gruppe einig ist darin, wie man Musik und besonders diese Musik hört. Ich war sehr glücklich, als ich sie vor zehn Jahren als Gastdirigent entdeckt habe, und seitdem haben wir in jedem unserer Konzerte Beethoven gespielt – und wir haben eine Menge Konzerte gegeben. Da rückt man natürlich immer näher zusammen, das ist ein Geben und Nehmen. Bei einem großen Orchester muss man mehr geben, das liegt in der Natur der Organisation. Hier dagegen bin ich viel mehr Teil der Gruppe. Dann kommt die Aufführung, und da braucht das Orchester jemanden, der die Impulse gibt, sonst funktioniert es nicht. Dirigieren als Beruf ist ein sehr fragwürdiges Unternehmen. (lacht) Es ist nicht so ganz klar, was der Dirigent tut. Aber man merkt sofort, wenn er nicht genug tut.

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Warum dirigieren Sie Beethoven auch mit größeren Orchestern?

JÄRVI Dann wird es andere Musik, aber das ist nicht schlechter. Ich hab die Pastorale letztens in Cincinnati gemacht, das hatte wunderbare Farben, die amerikanischen Orchester haben eine völlig andere Vorstellung davon, was ein „guter“ Klang ist. Es gibt kein Richtig oder Falsch, es muss überzeugen. Natürlich ist die kleine Besetzung „authentisch“, so hat man es zu Beethovens Zeiten gespielt. Aber Authentizität interessiert mich überhaupt nicht. Auch Furtwänglers Beethoven ist sehr authentisch, es so zu machen war zu seiner Zeit richtig. Wir haben inzwischen vieles neu überdacht. Und es zeigt die Stärke und Kraft dieser Musik, dass sie so viel Nach- und Umdenken verträgt. Die Frage ist einzig und allein: Ist das, was wir tun, überzeugend, und kommen wir dem nahe genug, was wir in dem Stück sehen. Am Ende muss die Musik das Publikum berühren, ihm etwas sagen. Und wenn sie das tut, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

PARTITUREN Wie wichtig sind Ihnen die Intentionen des Komponisten?

JÄRVI Das ist die Grundlage. Aber jeder Text kann auf verschiedene Weise gelesen werden, der eine ist überzeugt, der Komponist wollte es so, der anderer ist überzeugt vom Gegenteil. Letzten Endes geht es darum, wirklich daran zu glauben, was man tut. Auch wenn man völlig daneben liegt, ist die Chance größer, dass das Ergebnis dann überzeugend wird. Je mehr Informationen man hat, desto besser. Zu wissen, dass ein bestimmtes Thema von einem Volkslied stammt, oder auch ein Bild Beethovens zu sehen, all das, auch scheinbar nutzloses, ergibt ein Wissen, ein Verständnis, das einem hilft, die Musik intuitiv zuverstehen. Wenn’s drauf ankommt, macht die Intuition 90 Prozent aus, das Wissen zehn Prozent. Aber diese zehn Prozent sind sehr wichtig.

PARTITUREN Sind Sie der Person Beethoven mit den Jahren nähergekommen?

JÄRVI Er interessiert mich nur, um die Musik besser zu verstehen. Ich bin froh, dass ich in meinem Leben nicht vielen Genies begegnet bin. Denn die sind als Menschen oft schlimm. ...mehr im Heft!
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