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Musikerleben
Chor 16 Chor der 15.000

Die Posaunenchöre gehören zu den größten Bewegungen von Laienmusikern in Deutschland. Ende Mai treffen sie sich in Leipzig zum Rekord-Gottesdienst.

Takt 67 in den Trompeten, das klingt mir noch etwas unorganisch. Da müssen wir noch mal ran.“ Barbara Barsch blättert in ihren Noten, hebt die Hand zum Einsatz – und wieder bahnt sich ein kräftiger Bläserschwall Raum.
Es ist Montag Abend, Barsch steht mitten im Gemeindesaal der Kirche Corpus Christi im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Vor ihr im Halbkreis versammelt: Der 24-köpfige Projekt-Posaunenchor der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Geprobt wird für das Ereignis im Jahre 2008, den Leipziger Posaunentag, zu dem am letzten Mai-Wochenende bis zu 20.000 Teilnehmer erwartet werden. Barschs Chor ist mit einem eigenen Konzert im Programm vertreten, von Aufregung ist hier allerdings noch wenig zu spüren. Die Stimmung ist entspannt, falsche Töne werden von der Leiterin mit einem Lächeln quittiert, die Musiker selbst nehmen’s gelassen. Der Umgang untereinander ist herzlich, die meisten kennen sich schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, schließlich reicht die Altersspanne im bunt gemischten Amateur-Ensemble von 16 bis 66 Jahren.
Allein 240 Posaunenchöre und deren Leiter betreut Barbara Barsch als Landesposaunenwartin in Berlin und Brandenburg – die Anzahl der Posaunenchöre im gesamten Bundesgebiet liegt bei rund 6.400. Damit bilden sie neben den Gesangschören die größte Laienmusikbewegung in Deutschland. Ihre Historie ist mit der Evangelischen Kirche eng verbunden und reicht bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück, als in der Herrnhuter Brüdergemeinde in der Oberlausitz erstmals Blasmusiker in der Liturgie eingesetzt wurden. Dabei wird keineswegs nur auf Posaunen musiziert, wie der Name vermuten lässt. Der geht viel mehr auf die Lutherbibel zurück, wo es in Psalm 150 heißt: „Lobet den Herrn mit Posaunen“ – und das bezog sich im Alten Testament auf sämtliche Blechblasinstrumente.
Damit ist auch sogleich die Funktion der Posaunenchöre beschrieben: Musizieren zum Lobe Gottes. So verbreitete sich die Idee der Posaunenchöre zunächst in Verbindung mit der Erweckungsbewegungin Deutschland ab den 1820er Jahren. Aufgrund ihrer Mobilität und Lautstärke waren die Posaunenchöre ideal, um etwa Freiluftgottesdiensten Aufmerksamkeit zu verschaffen und sie musikalisch zu begleiten.
In den Kirchen schlug ihnen aber auch Widerstand entgegen, da viele Kantoren die Qualität der Laienensembles als zu gering einschätzten. Dies änderte sich erst in den 1950er Jahren, als professionelle Kirchenmusiker die Betreuung der Posaunenchöre übernahmen. Damals hielten auch Frauen Einzug in die Ensembles.
In der Spielweise orientierte man sich zunehmend am Chorgesang, und es war der Pfarrer und Hornist Johannes Kuhlo (1856 – 1941), der anstelle der transponierenden Schreibweise für Blechblasinstrumente die Klavierschreibweise in Violin- und Bassschlüssel anregte.

Auch Papua-Neuguinea bläst mit
Dies ist ein wesentliches Merkmal, worin sich die Posaunenchöre von anderen Blasorchestern unterscheiden. Das zweite ist die Bindung an die Kirche – die bis heute besteht. Gespielt wird vor allem im Gottesdienst und auf Gemeindefesten, aber auch in Krankenhäusern und Altersheimen; auf dem Programm steht vor allem geistliche Literatur, hinzu kommen hier und da Arrangements aus Swing und Jazz. Geprobt wird meist einmal die Woche, eine festgelegte Besetzung gibt es nicht, auch in ihrer Größe können die Chöre stark variieren.
Zu den wichtigsten Ereignissen der Bewegung gehören die großen Posaunenchortreffen wie der alle zwei Jahre in Ulm stattfindende Württembergische Landesposaunentag, bei dem 2006 rund 8.000 Musiker zusammenkamen. Auch auf den Evangelischen Kirchentagen sind die Posaunenchöre immer in hoher Anzahl präsent. Der Posaunentag 2008 in Leipzig ist in seiner Größenordnung allerdings ein Novum, zumal nicht nur aus ganz Deutschland Musiker anreisen, sondern auch aus Litauen, Frankreich, Südafrika, Russland, Argentinien und sogar aus Papua-Neuguinea.
An zwei Tagen stehen drei Großveranstaltungen und eine Vielzahl von Konzerten auf dem Programm, für das meiste Aufsehen wird der Abschlussgottesdienst am 1. Juni im Zentralstadion sorgen. Mit 15.600 Bläsern wird die Aktion als größter Posaunenchor der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen werden.
Dirigieren wird ihn Christoph Schlegel. Der sächsische Landesposaunenwart sieht dem Ereignis gelassen entgegen: „Wir haben zwei Stunden vorher eine Probe, auf der wird sich zeigen, was funktioniert und was nicht. Aber ich denke, wir haben ganz gute Bedingungen.“ Auf einem Podest in der Mitte des Spielfelds wird er stehen  während die Posaunenchöre auf den Rängen Platz nehmen, sie können den Dirigenten zusätzlich auf einer Videoleinwand sehen. „Ein Problem ist, dass durch die räumliche Entfernung eine akustische Verzögerung zustande kommt. Man muss dann sehen, inwieweit sich die Bläser davon ablenken lassen. Aber wenn alle mehr ihrem Auge vertrauen und sich an mein Dirigat halten, wird es schon gut gehen.“ Auch was die Intonation angeht  macht er sich keine Sorgen: „Ab einer Größe von zirka 150 Bläsern verschwimmt die Intonationsungenauigkeit, der Hauptton setzt sich durch. Da macht es nichts, wenn mal einer daneben liegt.“
Wie in vielen Laienmusikbewegungen geht es eben auch bei den Posaunenchören nicht allein um Musikalität, der gesellschaftliche Aspekt spielt mindestens eine ebenso große Rolle.
„Wenn 15.000 Leute zusammen spielen, ist das schon ein unglaubliches Gemeinschafsgefühl“, sagt Chorleiterin Barsch. Sie sieht aber auch den musikalischen Ehrgeiz ihrer Musiker: „Es besteht schon der Reiz, in der großen Gruppe das hinzukriegen, was man sonst bei sich zu Hause mit zehn oder zwanzig Mann versucht.“

JAKOB BUHRE
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