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Das Auge hört mit - Wie man Sänger-Stars macht
Es gibt sie wieder, die großen Sänger-Stars. Rolando Villazón, Anna Netrebko, Jonas Kaufmann ... – die Namen kennt auch der fernsehguckende Klassiklaie. Aber sind dies wirklich die herausragenden Sänger unserer Zeit? Beim Weg auf den Sänger-Olymp kommts nicht nur auf die Stimme an.
Viele meinen, die Welt der Klassik sei rückwärtsgewandt, wenig innovativ und unzeitgemäß. Wie unfair, erweist sich doch gerade die Klassikbranche als der wahre Trendsetter. Während sich in der Popszene Deutschland damit begnügt, den Superstar zu suchen, kombiniert man das in der Klassik gleich mit Germany‘s Next Topmodel. Im Zweifelsfall lieber ein bisschen mehr von letzterem. Die Leute können bekanntlich besser gucken als hören. Oder, wie es in der Kulturbeilage des Spiegels hieß: „Bei den Unentschlossenen und Ahnungslosen verführt das Auge zum Kauf – darum sind fotogene Sänger mit Durchschnittsstimme wie dieser für die Mischkalkulation großer Labels einfach unentbehrlich.“ Die Rede ist von Jonas Kaufmann, derzeit heißestes Objekt der allgemeinen Begierde, fleischgewordener Frauen- und Schwulentraum. Und damit von mindestens drei Vierteln des Opernpublikums. Weshalb es für ihn – und seine Plattenfirma – leicht zu verschmerzen ist, dass sein Timbre so gar nicht zur verführerischen äußeren Ausstrahlung passen will. Aber CDs wie diese sind auch nicht allein zum Hören da. Zumindest nicht zum überkritischen. Denn die neue Vermarktungsstrategie zielt auf die Popcharts, wo bekanntlich nur eines zählt: hip, cool und sexy rüberzukommen. Also mitknöpfen wir lieber die Bluse oder das Hemd ein bisschen weiter auf und setzen den lasziven Schlafzimmerblick auf. Wer hat bei Carla Bruni schon auf die Stimme geachtet, als sie sich des Modelns müde nach alternativen Einnahmequellen im Musikbusiness umgesehen hat? Dass man auf diese Weise dann auch noch First Lady werden kann, macht die Geschichte schließlich zum romantischen Rührstück. Obwohl das eigentlich auf die Opernbühne gehört. Nun ist es leicht zu behaupten, Sexsymbol zu sein sei „Nebensache“, wie es Jonas Kaufmann jüngst in einem Interview tat. (Merkwürdigerweise sagen immer nur schöne Menschen, es komme nicht aufs Aussehen an.) Doch was wäre, wenn wirklich nur die Stimme zählen würde? Immerhin hat sich selbst das Fachblatt Opernwelt, das sonst nie einen Künstler porträtiert, wenn gerade eine neue CD ansteht (um nicht in den Marketingzirkus eingespannt zu werden), daz verleiten lassen, dieses Gespräch mit ihm im Umfeld der CD-Veröffentlichung zu drucken. Wo der Tenorschnuckel übrigens mit höchst aufschlussreichen Aussagen zu seiner Vermarktung zu vernehmen ist: „Wenn man einmal seinen Fuß da reinsetzt, muss man das machen ... Aber ich habe mich eben auch als Package verkauft, das weiß ich.“
MICHAEL BLÜMKE
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