Bartoli unter Stahlträgern
von STEFAN KEIMPhilharmonie ist was, wo man Musik macht
und so.“ Merve kennt sich aus. Die Grundschülerin
aus Essen-Katernberg, einer typischen
Bergarbeitersiedlung des Ruhrgebiets, war
schon mehrmals im Konzertsaal. Im Rahmen eines
Schulprojekts der Philharmonie. Klassik im Ruhrgebiet
– das bedeutet Musikvermittlung auch in
Gegenden, in denen man kaum Publikum vermuten
würde. In Katernberg leben viele Menschen
mit Migrationshintergrund und von Hartz IV.
Die soziale Frage stellt sich im Ruhrgebiet
dringender als anderswo. Die Arbeitslosenzahlen
sind hoch, manche Vororte wirken wie Ghettos. Gleichzeitig werden zwischen Duisburg und Dortmund
neue Konzerthäuser gebaut oder vorhandene
renoviert. Kultur ist die Zukunft der ehemaligen
Malocherregion. Es gibt kaum eine still gelegte
Zeche, in der nicht wenigstens ein Streichquartett
gespielt hätte. Die anarchische Entdeckungsphase
dieser ungewöhnlichen Spielorte ist längst vorbei.
Die 2002 gegründete RuhrTriennale, ein spartenübergreifendes
Sommer-Festival, dessen künstlerische
Leitung alle drei Jahre wechselt, hat einige
zentrale Industriedenkmale schick herrichten
lassen und dabei den Charme der Rostromantik
bewahrt. Heute singen Cecilia Bartoli oder Edita Gruberova in der Bochumer Jahrhunderthalle,
einem gewaltigen Bau, in dem die Stahlträger zu
herrschen scheinen, nicht die Menschen. Doch
wenn Musik die Halle erfüllt, definiert sie die Räume
neu. Das vergangene Industriezeitalter geht
eine seltsame Symbiose ein mit den von Menschen
produzierten Klängen.
Jeder Veranstalter von Hochkultur kämpft im
Ruhrgebiet an zwei Fronten. Er muss Spitzenqualität
bieten, denn immer noch schauen Vertreter
der etablierten Musikmetropolen Berlin, Hamburg,
München, manchmal sogar die Kölner sehr
kritisch auf das Ruhrgebiet. Das Arbeiterimage
klebt an der Region, auch wenn die wenigsten Bewohner
noch einen Kohleflöz von Nahem gesehen
haben. Auf der anderen Seite müssen Philharmonien,
Orchester und Theater Leute ansprechen,
die sich niemals einen Beethoven-Zyklus anhören
werden. Das Gefühl, da vergnügt sich eine
elitäre Oberschicht auf Kosten des Steuerzahlers,
darf nicht aufkommen. In fast allen Städten haben
Theater, Orchester und Konzerthäuser damit zu
kämpfen, dass Populisten aller Parteien die Frage
stellen, was denn wichtiger sei, ein Stadtteil-
Kindergarten oder eine voll besetzte Streichergruppe
im Orchester. Da kommt man schnell in Argumentationsnöte beim Hinweis, dass man in
kleiner Besetzung keine Mahler-Symphonie mehr
aufführen kann.
Lange Zeit gab es in der Region überhaupt
keinen Raum, der den akustischen Qualitätsansprüchen
internationaler Spitzenorchester standhalten
konnte. Heute gibt es zwei: Die Essener
Philharmonie hat gerade ihre vierte Spielzeit beendet,
sie ist der schönste, größte, repräsentativste
Konzertsaal des Ruhrgebiets. Etwas älter ist das
Konzerthaus Dortmund, im Zentrum der Stadt,
was Vor- und Nachteile birgt. Diese „Philharmonie
für Westfalen“ ist mitten drin im städtischen
Leben und setzt mit CD-Laden und Gastronomie
einen Kontrapunkt zur Imbiss-Fressmeile
drum herum. Aber der Bau wirkt auch ziemlich
gequetscht, es gibt wenig Toiletten, bei voll besetztem
Haus bilden sich Schlangen vor den Ausgängen.
Die Essener Philharmonie dagegen liegt
in einem kleinen Park in direkter Nachbarschaft
zum Aalto-Musiktheater. Hier konnte man großzügiger,
heller, offener bauen. Und das Programm
ist um Längen anspruchsvoller als in Dortmund.
Es gab ein Schönberg-Festival, in das viele Orchester
der Region eingebunden waren, und eine
Serie mit Beethovens Orchesterwerken auf historischen
Instrumenten. Allein die Residenzkünstler
der kommenden Spielzeit zeigen, dass Intendant
Michael Kaufmann auf Qualität setzt, nicht auf
Quotenbringer: Wolfgang Rihm, Jazztrompeter
Dave Douglas, Cellist Heinrich Schiff, der auch
eine Meisterklasse für Studierende der Folkwang-
Hochschule gibt. Dazu kommen das Ensemble
Wien-Berlin und die Cappella Coloniensis mit
Bruno Weil, die sich in drei Konzerten der ersten
Englandreise Joseph Haydns widmen werden.
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