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Eine europäische Karriere
von TIMO JOUKO HERRMANN
In Milos Formans „Amadeus“-Film ist er der
mittelmäßige und neidzerfressene Konkurrent,
der dem genialen Mozart mit Gift den Garaus
macht. Mit dem wahren Antonio Salieri hat die
Filmfigur wenig zu tun. Denn der war nicht nur
kein Mörder, sondern auch ein höchst erfolgreicher,
innovativer Komponist – dessen Werk
gerade wiederentdeckt wird.
Man schreibt den 16. Juni 1766, als Antonio
Salieri das erste Mal Wien betritt. Er begleitet
den Kammerkomponisten Florian
Leopold Gassmann, der in Venedig auf den talentierten
Knaben aufmerksam geworden war. Dort
hatte Salieri, der aus Legnano nordwestlich Mailands
stammte und nach dem frühen Tod seiner
Eltern beinahe mittellos war, bei einem Freund
der Familie Obdach gefunden. In Wien will Gassmann
für die weitere Ausbildung des 15-Jährigen
sorgen und nimmt ihn wie einen Sohn auf.
Überwältigt gelobt Salieri „ewige Dankbarkeit für
Alles“ und verspricht, sich als würdiger Schüler
zu erweisen. Schon bald wirkt er bei den kaiserlichen
Kammerkonzerten mit und komponiert fürs
Theater. Den ersten großen Erfolg hat er 1771 mit
seiner Armida, einem klaren Bekenntnis zu den
Opernreformen Glucks.
Als Gassmann 1774 stirbt, dreht sich das Ämterkarussell,
und Salieri erhält den Posten eines
„k. k. Kammer-Compositors“ und Kapellmeisters
der italienischen Oper. Noch im selben Jahr heiratet
er seine große Liebe Theresia Helferstorfer, mit
der er acht Kinder hat. Anfang 1778 wird die italienische
Oper geschlossen, und so entschließt sich
Salieri zu einer ausgedehnten Reise nach Italien.
Sie wird zum Triumphzug: Zur Eröffnung der neu
erbauten Mailänder Scala bejubelt man das musikalisch
wie szenisch äußerst innovative Drama
L’Europa riconosciuta – Gluck hatte den prestigeträchtigen
Auftrag aus Termingründen abgesagt
und den befreundeten Salieri vorgeschlagen. Und
auch Venedig, Rom, Florenz und Neapel erobert
Salieri im Sturm. Es folgen 1781 ein Singspiel für
Wien, eine Opera seria für den Münchner Hof und
ein weiterer Erfolg in Paris, wo Salieri sich mit der
Tragédie lyrique Les Danaïdes als „Ghostwriter“
für den gesundheitlich angeschlagenen Gluck
betätigt. Erst nach dem grandiosen Erfolg der Uraufführung
gibt Gluck bekannt, dass das Werk zur Gänze aus Salieris Feder stammt. Die an vielen
Stellen bereits frühromantische Musik ebnet in
Paris den Weg zur Grand opéra eines Meyerbeer
oder Berlioz.
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