Gegen den Strom zu schwimmen war schon immer ein Privileg der Künstler. Schaut man sich die aktuellen Stars der Klassikszene an, wimmelt es da nur so von Exoten, Tabubrechern, Unangepassten. Paradiesische Zeiten also für musikalische Querdenker? Schön wär’s!Außenseiter sind preisverdächtig. Im
Jahr 2007 gewann beim Festival „Achtung
Berlin“ der Spielfilm Preußisch
Gangstar von Irma-Kinga Stelmach und
Bartosz Werner den Wettbewerb, weil er sich – so
die Jury – von anderen Filmen „vor allem in seiner
Volt-Zahl“ unterscheide. „Hier ist absoluter
Starkstrom zugange! Wir lernen eine Generation
kennen, die sich normalerweise unseren Blicken
entzieht. Für die Jury der modernste und schonungsloseste
Film, nicht nur auf diesem Festival!!!“ Die Schonungslosigkeit und Modernität,
die hier Begeisterung auslöste, macht der Film
fest am Alltag jugendlicher Rapper im märkischen
Buckow. Sie koksen, saufen, schlagen andern
die Schädel ein und singen – wenn man es
denn „singen“ nennen will – Texte wie diese: „Du
schwimmst gegen den Strom voller Neider und
Zweifler. Beiß dich da durch wie ein weißer Hai“.
Und schon in der ersten Zeile heißt es: „Du hast
es satt. Diese verkackten Regeln und Grenzen. Es
steigert deinen Hass.“
Genau. Außenseiter schwimmen gegen den
Strom, brechen Regeln, überschreiten Grenzen. Im
zivilen Leben würden wir sie hinter Gitter bringen,
in der Kunst versorgen wir sie mit Fördergeldern.
Nichts ist in der Kunst so angepasst wie der Außenseiter.
Das hat lange Tradition. Künstler – Außenseiter
der Gesellschaft hieß ein Buch von Rudolf
und Margot Wittkower, das 1963 zum ersten Mal erschien, und zwar unter seinem amerikanischen
Originaltitel Born under Saturn. Die beiden angesehenen
Kunsthistoriker trugen darin Beobachtungen
zusammen, dass Künstler von ihrer Mit- und
Nachwelt häufig mit der Aura das Besonderen
versehen wurden und man ihnen das Ausleben
von Neigungen gestattete, die bei jedem anderen
Bürger als gemeingefährlich gegolten hätten. Die
moralische Freizügigkeit sah man schon in der
Renaissance als notwendige Bedingung außergewöhnlicher
Kreativität an. Die öffentliche Meinung
hat Michelangelo weder aus seiner Männerliebe
einen Strick gedreht, noch legte sie Richard Wagner
oder Franz Liszt deren Frauenverschleiß zur
Last. Lediglich Liszts Ex-Schwiegersohn Hans von
Bülow, durch Wagner zum gehörnten Ehemann
geworden, lästerte über seinen einstigen Schwiegervater
im Priesterkostüm, der sei ihm äußerlich
zu sehr, innerlich zu wenig Abbé.
Der Titel Born under Saturn spielt allerdings auf
mehr an. Der Planet Saturn war den Astrologen
Auslöser der Melancholie. Und seit der Antike gehörte
es zur Mythologie der Kreativität, sich selbst
als Melancholiker und Außenseiter zu stilisieren.
Wer mit seiner Seele aus der Welt gerissen wurde,
sieht Dinge, auf die kein „Innenseiter“ stößt.
Außenseitertum gilt als Zeichen der Berufung.
Auch der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief,
er sei von seiner Mutter Leibe an ausgesondert
und berufen.
Man darf das nicht vorschnell als Bedeutungsblähsucht
jener, die sonst nichts zu sagen haben,
abtun. Soziologen und Psychologen kennen die
geistige Produktivität einer Abweichung von der
Mehrheitsgesellschaft. „Soziale Dissonanz“ ist
der Fachausdruck dafür. Körperliche Behinderung,
Zugehörigkeit zu wenig geschätzten Religionen
oder Volksgruppen, schwere Krankheiten,
als anstößig empfundene sexuelle Vorlieben – das
bewirkt ein Nachdenken über alles, was dem Rest
der Welt als selbstverständlich vorkommt. Diese
Dissonanzen sind begabungsfördernd, schaffen
einen Denkvorsprung, sorgen für frühzeitige
Reflexion von Wahrnehmungsmustern. Und sie
verleiten die Begabten dazu, den Grund ihrer
Begabung nicht in der Dissonanz, sondern allein
in der eigenen genetisch-kulturellen Ausstattung
zu sehen. Man durchschaut das leicht an Vladimir
Horowitz’ Bemerkung, er kenne nur drei Arten
von Pianisten: jüdische Pianisten, schwule Pianisten
und schlechte Pianisten.
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