Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ist noch immer eine Entdeckungsreise wert. Es ist eine Zeit, in der Italien den Ton vorgab, der auch im Frankreich Ludwigs XIV. galt. Du Mont und, eine Generation später, Charpentier brachten in der Nachfolge des römischen Oratoriums eine neue Note in die französische Musik. Vier Grand motets von Henry Du Mont präsentiert das vorzügliche Ensemble Pierre Robert – kompakt durchkomponierte Kirchenkantaten, in denen melodiöse Schwermut und barocke Eleganz eine höchst reizvolle Mischung von italienischem und französischem Stil eingehen. (1 I Alpha 069)
Marc Antoine Charpentiers Grand Office des Morts und sein martialisches Te Deum aus den 1680er Jahren klingen dagegen bereits deutlich moderner. Altmeister William Christie gibt mit Les Arts Florissants eine ausgefeilte Interpretation der gleichsam wie eine Theaterhandlung erzählten Totenmesse. (2 I Virgin Classics 5 45733 2)
Die brillante Cembalistin Céline Frisch hat eine Auswahl aus den 1689 im Druck erschienenen Pièces de Clavecin von Jean-Henry d’Anglebert vorgelegt – zeitgenössische Unterhaltungsmusik, wie sie in den Salons des Adels und am Hof in Versailles erklang. D’Anglebert ist ein Meister der agréments, der französischen Verzierungskunst. Andererseits zeigt er sich in seinen Transkriptionen von Opernhits des Hofkomponisten Lully auch neuesten Einflüssen offen. Die Gegenüberstellung dieser Bearbeitungen mit den vom Ensemble Café Zimmermann erfrischend direkt musizierten Originalen lädt zum aufschlussreichen Vergleich ein. (3 I Alpha 074)
Von herberem, aber nicht weniger festlichem Stoff ist die Missa Christi resurgentis des Salzburger Hofkomponisten Heinrich Ignaz Franz Biber. Auch Bibers den ganzen barocken Pomp heraufbeschwörende Ostermesse atmet italienischen Geist – allerdings den der dialogisierenden Mehrchörigkeit, die sich ideal in den Riesenraum des Salzburger Doms fügte. Andrew Manze und sein English Concert lassen dem Werk eine schwungvolle Darstellung widerfahren – ein Hörerlebnis, das sie durch festliche Fanfaren sowie fünf Kammersonaten Bibers noch zu steigern wissen. (4 I harmonia mundi HMU 807397)
Nach der Jahrhundertwende zeigt sich auch der junge Georg Friedrich Händel als gelehriger Schüler des römischen Hochbarock. Arien aus seinen beiden 1707/08 in Rom entstandenen Oratorien Il trionfo del tempo e del disinganno und La Resurrezione hat Cecilia Bartoli, ergänzt durch Arien aus gleichzeitigen Oratorien Alessandro Scarlattis und Antonio Caldaras, zu einem Recital komponiert – lustvoll theatralische Musik, die nicht verbirgt, dass die geistlichen Oratorien in den Palästen der römischen Kardinäle als Opernersatz herhalten mussten. Faszinierend, wie La Bartoli sich in diesen hinreißenden Virtuosenstücken von der büßenden Maddalena in die kriegerische Bellezza verwandelt – ein Muss für jeden, der über den Tellerrand des Bekannten hinaussehen möchte. (5 I „Opera proibita“. Decca CD 475 7029)
Uwe Schweikert