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Interview
David Garrett Der Geiger David Garrett
„Jetzt kommt der Sahnenachschlag“


Mit 13 wurde er jüngster Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon aller Zeiten. Mit 17 zog er sich aus dem Rampenlicht zurück. Nun, mit 24, ist David Garrett wieder gut im Geschäft. Und strebt nach neuen Zielen.

Er ist der Typ, der Mädchenherzen höher schlagen lässt. „Süß“ und „cool“ zugleich. Der 24-jährige Deutsch-Amerikaner wirkt auch in natura wie ein Pop-Star. Auf mein „Sie“ am Telefon antwortet er sofort mit „Du“, Ergebnis vielleicht auch von vier Jahren New York. Und dabei blieb es auch beim Interview im sommerlichen Berliner „Schleusenkrug“, in dem sich David Garrett als freundlicher und ernsthafter Gesprächs-partner entpuppte.

 
Partituren Auf deiner Internetseite stellst du dich selbst als ehemaliges „Wunderkind“ vor. Wie siehst du den Begriff?

Garrett Ich verstehe ihn schon als Auszeichnung. Aber es ist natürlich ein Schubladen-Begriff, der einem von außen angehängt wird. Für einen selbst ist es als Kind ja ganz normal, was man tut.

Partituren Wann hast du gemerkt, dass du außergewöhnlich begabt bist?

Garrett Ich weiß es nicht genau, aber irgendwann fällt einem auf, dass andere das gleiche mit weniger Leichtigkeit machen. Und vor allem merkt man es im Rückblick. Ich habe eine jüngere Schwester, und als die neun war, habe ich gedacht, Mensch, in dem Alter kannst du doch kein Mozart-Violinkonzert auf die Bühne gebracht haben. Und als sie 13 war, dachte ich, wie hast du damals den Beethoven spielen können?!

Partituren Du hast eine amerikanische Mutter und einen deutschen Vater. Wieso trägst du einen englischen Familiennamen?

Garrett In den ersten zwei, drei Konzerten habe ich mit dem Namen meines Vaters gespielt, ein komplizierter Name, und dann hat man sich entschieden, den Namen meiner Mutter zu nehmen. Mich hat man nicht gefragt, ich war so etwa acht. Rückblickend sage ich: Was soll’s? Im Pass habe ich einen Doppelnamen. Irgendwie hatte es auch etwas von einem Doppelleben. Der normale Mensch, der zur Schule geht, und der, der auf Tour geht und Konzerte spielt.

Partituren Bist du mit Musik aufgewachsen?

Garrett Meine Mutter war Balletttänzerin, mein Vater war Anwalt und hat dann ein Auktionshaus für Musikinstrumente aufgebaut. Klassik war bei uns zu Hause gang und gäbe. Zuerst hat mein älterer Bruder Geige gelernt, aber er hat es nicht wirklich geliebt. Er ist dann ans Klavier gewechselt, und ich habe ihn an der Geige beerbt. Er macht jetzt übrigens seinen Abschluss an der Harvard Law School.

Partituren Gab es jemals Druck von deinen Eltern?

Garrett Meine Eltern haben mich motiviert, wenn ich mal überhaupt nichts gemacht habe, und haben schon auf eine Konstanz geachtet, dass ich so etwa eine Stunde pro Tag übe. Aber es war schon zum sehr, sehr großen Teil Eigeninitiative.

Partituren Wer hat dann dein Talent entdeckt?

Garrett Meine Lehrer haben meinen Eltern zu verstehen gegeben, dass da gute Anlagen sind. Und dann ging es einfach so los. Mit sieben, acht Jahren habe ich etwa einmal die Woche vor Publikum gespielt. Mit neun habe ich ein Mozart-Konzert mit Orchester in Bad Kissingen gespielt.

Partituren Und mit zehn kam das offizielle Debüt mit den Hamburger Philharmonikern unter Gerd Albrecht. Wie kommt so etwas zu Stande?

Garrett Das Geschäft ist dann doch nicht so groß, und es spricht sich herum, wenn jemand gut ist. Und dann hatte ich mit neun plötzlich eine Agentur, die dafür gesorgt hat, dass ich des Öfteren in Deutschland gespielt habe.

Partituren Wann kam denn der Punkt, dass du Musik zum Beruf machen wolltest?
Garrett Ich muss ehrlich sagen, ich habe nie etwas anderes machen wollen. Es war immer irgendwie klar.

Partituren Du hattest Unterricht bei der berühmten Ida Haendel, einen Vertrag mit der Deutschen Grammophon als deren jüngster Exklusivkünstler aller Zeiten ...

Garrett Das ist alles irgendwie passiert. Man steht in dem Moment staunend daneben. Wenn ich zurückblicke, muss ich sagen, es hat sich wie ein wunderbarer Dominoeffekt aneinandergereiht.

Partituren Und die Eltern waren glücklich?

Garrett Wie Eltern halt so sind. Sie sind natürlich überbesorgt, sie wissen auch nicht recht, was passiert. Geld wollten sie nicht damit machen, das kann ich versichern. Aber sie haben das Klischee Wunderkind durchaus bedient. Sie sehen einen schon als neuen Mozart, und das haben sie die anderen auch wissen lassen. Aber das ist irgendwie normal – da kann man niemandem einen Strick draus drehen.

Partituren Und dann verliert man allmählich die Unbeschwertheit?

Garrett Mit 15, 16 merkt man immer stärker, dass man eine Verantwortung hat. Da stellt sich die Frage, ob man genug Kraft hat, sich der Verantwortung zu stellen. Plötzlich verlassen sich viele Leute auf einen, das ist schon eine Drucksituation.

Partituren Wird einem das auch deutlich gemacht von der Plattenindustrie?

Garrett Ja, schon. Es wird einem nicht gesagt, aber irgendwann ist der Verstand so weit entwickelt, dass man sich auch mit dem Business in der Klassischen Musik befasst, dann wird es schwieriger.

Partituren Du hattest damals den Ehrgeiz, die Paganini-Capricen technisch perfekt zu spielen, und hast dir dabei die Hand ruiniert.

Garrett Mit 15, ja, da kommt allmählich das Konkurrenzdenken auf, und man will sich schon ganz oben etablieren. Man hat ja nicht immer diese Gelassenheit. Und vielleicht ist es auch ganz natürlich, dass man sehen will, wie weit man gehen kann.

Partituren Hat denn keiner die Notbremse gezogen?

Garrett Leider nicht.

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