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Klangfarbe
Zweihundert Jahre lang lag sie berühmt, aber stumm hinter Glas, bevor eine Elfjährige sie erneut zu musikalischem Leben erweckte: 1998 durfte Maria-Elisabeth Lott als Gewinnerin eines vom Salzburger Mozarteum ausgelobten Wettbewerbs auf der ersten Geige Wolfgang Amadeus Mozarts spielen. Die war 1746 von Leopold Mozart bei Andreas Ferdinand Mayr in Auftrag gegeben und wegen ihrer ungewöhnlich kleinen Größe „Kindergeige“ genannt worden. Eine solche hatte es bis dahin nicht gegeben – schlug also mit den ersten Auftritten musizierender Wunderkinder auch die Geburtsstunde der Kinderinstrumente? Unter Fachleuten ist das umstritten. Einig sind sich die Experten, dass die Geschichte der „kleinen Instrumente“ bis in Stradivaris Zeiten zurückreicht. Bereits im 17./18. Jahrhundert gab es so genannte „Piccolo-Instrumente“ – etwa die „violino piccolo“, den Miniaturbass „bassetto“ oder das „fagottino“ –, die kleiner waren und höher gestimmt. Sie dienten allerdings der klangfarblichen Bereicherung des Orchesters. Nicht geklärt ist, ob und wenn ja, ab wann die „Kleinen“ auch als Kinderinstrumente verwendet wurden. Denn im 17. und 18. Jahrhundert traten ganz junge Virtuosen hauptsächlich als Sänger(knaben) in Erscheinung, die erst nach dem Stimmbruch zum Instrumentalspiel – dann auf normal großen Instrumenten – wechselten.

Mit dem Aufblühen der bürgerlichen Musikkultur im 19. Jahrhundert, die zahlreiche insbesondere geigende „Wunderkinder“ hervorbrachte, beginnt auch die Zeit, in der Kinderinstrumente bewusst als solche gebaut wurden. Sie tragen Bezeichnungen, die ein ausgeklügeltes mathematisch-technisches System vermuten lassen: Viertel-Geige, halbe Bratsche, Dreiviertel - Cello – doch weit gefehlt. Woher gerade diese Bezeichnungen kommen, weiß niemand so genau.

Sicher ist jedenfalls, dass sie nicht das Größenverhältnis des kleinen zum (normal) großen Instrument wiedergeben. So misst eine Dreiviertel - Geige nicht etwa 75 Prozent einer „ganzen“ Geige, sondern, so der Memminger Geigenbauer Fridolin Rusch, ungefähr 91 Prozent, und im selben Verhältnis steht auch die halbe zur Dreiviertel-, die Achtel- zur Viertel- und die Sechzehntel- zur Achtelgeige. Nur der Sprung von der halben zur Viertelgeige ist doppelt so groß – warum das so ist, kann niemand erklären. Schon die „Alten“ machten es so. Zudem ist halbe Geige nicht gleich halbe Geige, weil auch die „ganzen“ Instrumente nicht wirklich genormt sind – wobei als Richtmaß der Korpuslänge jene 35,5 Zentimeter gelten, die angeblich Stradivari festgeschrieben hat.

Noch komplizierter als bei Geige und Cello ist die Lage bei der Bratsche, deren Normal-Umfang bereits zwischen 38 und 43 Zentimetern schwankt; in den USA gibt es sogar noch größere Instrumente – „the bigger, the better“. Bratschen für Kinder herzustellen ist vor allem deshalb schwierig, weil die Bratsche einen gewissen Klang- oder Resonanzraum braucht. Dennoch gibt es in Deutschland Kinderbratschen ab einer Korpuslänge von 27 Zentimetern. Noch kleinere Bratschen stellen die cleveren Schweizer her, indem sie halbe Geigen mit Bratschensaiten beziehen und diese dann „halbe Bratschen“ nennen.

Maßgemauschel

Und wie steht es mit der Klangqualität der Junior-Instrumente? Kinderinstrumente sind Lebensabschnittsgefährten. Wächst der junge Künstler, die kleine Virtuosin, wird das Instrument ausgetauscht. Da ist es nur verständlich, dass Eltern auf eine individuell gefertigte Geige verzichten und auf ein billigeres, weil massenproduziertes Instrument etwa aus China zurückgreifen, das wenigstens den Mindestansprüchen – gute Stimmbarkeit, angepasste Saitenabstände und richtige Stegrundungen – gerecht wird. Von solchen Kompromissen will Fridolin Rusch nichts wissen. Er baut jede kleine Geige, jedes Mini-Cello mit derselben Sorgfalt und Liebe, die er auch in den Bau der „Großen“ steckt. Seine These: Nur ein gutes Instrument wird das junge Talent zum Weitermachen motivieren. Jedes seiner Instrumente, ob klein oder groß, ist ein Unikat. Auch klanglich nimmt Rusch keine Abstriche in Kauf: Den kürzeren Körper der kleinen Geige etwa, der einen geringeren Resonanzraum bedingt, gleicht er aus, indem er das Instrument einfach ein bisschen breiter baut. Für den Instrumentenerwerb hat sich ein Miet-Kauf - System bewährt: Die erste Geige wird zunächst für eine – meist einjährige – Erprobungsphase gemietet; bleibt das Kind dabei, wird das Instrument gekauft und die Miete vollständig angerechnet. Rusch hält den Kauf des Kinderinstruments für ein wichtiges Signal, gibt er doch dem Kind das Gefühl, dass es mit seiner Liebe zur Musik ernst genommen wird. Ist der kleine Künstler dann dem Instrument entwachsen, wird die alte für die nächstgrößere Geige in Zahlung genommen. Der Erfolg gibt Rusch Recht: Auf 20 vermietete kommen bei ihm 100 verkaufte Kindergeigen.

Weil die Musizieranfänger immer jünger werden, steigt auch die Nachfrage nach Kinderinstrumenten. Die Kleinen sind meist fünf bis acht Jahre alt, wenn sie sich für ihre erste Geige interessieren, selten kommen auch drei- oder vierjährige „Kunden“. Die meisten Kinder beginnen mit der Achtel-Geige und durchlaufen alle Größen-Stufen bis zur „ganzen“ Geige. Das kleinste Instrument, das Fridolin Rusch verkauft hat? „Eine 1/32-Geige, für einen besonders kleinen Junggeiger.“

Das Kinderauge hört mit

Bei den Blasinstrumenten ist der Bedarf nach kleinen Größen deutlich geringer. Das Einstiegsalter ist hier generell höher, weil die Beherrschung der Blastechnik anatomische Anforderungen stellt, die meist erst im späteren Kindesalter erfüllt werden können: feste (Schneide-)Zähne für den „Biss“ aufs Klarinettenblatt, kontrollierte Beweglichkeit der Lippenmuskulatur für saubere Flötentöne und ein ausreichendes Luft- und Druckvolumen der Atmungsorgane, um Oboe und Fagott klare Phrasen entlocken zu können. Sind diese Voraussetzungen gegeben, haben die meisten Kinder bereits eine Größe erreicht, die das Spielen auf einem normal großen Instrument erlaubt. Dennoch ist der Trend, in immer jüngeren Jahren mit dem Instrumentalspiel zu beginnen, auch an den Holzbläsern nicht vorbeigegangen.

Und so gibt es seit etwa 20 Jahren Klarinetten und Oboen mit kleinerem Corpus und vereinfachter Mechanik, kurze Querflöten mit gebogenem Mundstück und kleine Fagotte, die an die Tradition der bereits genannten Fagottini anknüpfen. Und manche Instrumentenbauer locken zusätzlich mit ausgefallenem Design wie etwa dem schwarz-gelb-gestreiften „Tiger-Look“ – das (Kinder-)Auge hört mit.

Auch Akkordeon und Gitarre gibt es in Kindergrößen. Das „Kinderklavier“, das seit dem Ende des 19. bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, konnte sich als (Wunder-)Kinderinstrument dagegen nicht durchsetzen. Zwar war aus dem ursprünglichen Spielzeug ein salonfähiges Instrument geworden, dem Komponisten vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – etwa John Cage – sogar eigene Werke widmeten, doch zählt dies, genauso wie der Einsatz des Kinderklaviers in Konzerten, wohl eher zu den Kuriosa der Musikgeschichte. Für den Einstieg junger Nachwuchspianisten erwies sich das Kinderklavier wegen des geringen Tonumfangs – ein bis drei, manchmal vier Oktaven – und der schlechten Klangqualität jedenfalls als ungeeignet. Da lohnt(e) es sich also zu warten, bis die Kinderhände die Tastatur eines „normalen“ Instruments bändigen können.

Text: Daniela Breitbart

DANIELA BREITBART, geboren 1971 in Mainz, lebt als Kulturmanagerin, Rechtsanwältin und Journalistin in Berlin.

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