Außen süß und innen bitter
Die Mozartkugel trotzt dem Wandel der Klassiker-RezeptionEin süßer Tod: Im Krimi Till, Till, Coke und Amok des Österreichers
Wolfgang Katzer tut ein Serienkiller mit Hang zum Kulinarischen sein
böses Werk. Ein Restaurantbesitzer wird mit einer Salzstange erstochen,
eine Heurigen-Wirtin in ihrem eigenen Wein ertränkt, und ein
Antiquitätenhändler aus Salzburg wird mit einer tiefgefrorenen
Mozartkugel erschossen.
Tot ist tot, ließe sich lapidar sagen. Aber von einem Projektil
aus Pistazienmarzipan, Nougat und Schokolade gekillt zu werden, das ist
vielleicht die österreichischste, die salzburgerischste Art zu sterben.
Doch eigentlich stirbt die Stadt an der Salzach nicht an ihrem
berühmtesten Sohn, im Gegenteil, sie lebt ausgesprochen gut von ihm,
von seiner Musik, von den Häusern, in denen er gewohnt und gearbeitet
hat, von Mozart-Kitsch und Mozart-Kult. Und von der Mozartkugel.
Dem Österreicher eignet – bei aller nach außen getragen Liebe
zu seinem Land – ein gewisser Hass auf Österreich. „Nationalgefühl hat
man, wenn man sich für seine Nation schämt“, meinte Helmut Qualtinger.
Kein Wunder also, dass viele Österreicher die Mozartkugel für eine
Metapher auf ihr Land halten. Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek
beschrieb die österreichische Seele als „kernfaule Mozartkugel“:
Sie sei „außen süß und lieb, innen aber ein ekliger Kern. Wenn man zu
dem vordringt, dann wird es sehr bitter. Und manchmal auch gefährlich.“
Bis vor wenigen Jahren glich auch die Mozart-Rezeption dem Praliné, das
seinen Namen trägt: süßlich, schmelzend und ein wenig kitschig. Damit
wurde kräftig aufgeräumt, und viele haben daran mitgewirkt: Nikolaus
Harnoncourt, der den Orchestern jede romantisierende Gefühlsduselei
austrieb. Wolfgang Hildesheimer, der sich in seiner Biografie dem
Genius mit den Mitteln der Psychoanalyse näherte.
Zahlreiche Dirigenten und Solisten, die sich ihren eigenen
Mozart erarbeiteten – der mittlerweile nicht mehr ganz so junge Franz
Welser-Möst etwa, der, wenn er das Requiem gibt, alles Schnelle noch
schneller nimmt und alles Langsame noch langsamer, was in der Summe
etwas so Widersprüchliches ergibt wie einen Parforceritt in Zeitlupe.
Und auch die moderne Musik entdeckt ihren Wolferl: Die
„Mozartband“ um den Wiener Wolfgang Staribacher verwandelt mit
Hammondorgel, Geige, Fagott und E-Bass Mozart-Arien mal in swingende
Gospel-Nummern, mal in harten, bretternden Blues. Der Mozartkugel aber
hat das bis heute nichts anhaben können – sie wird immer noch so
hergestellt, wie sie der Salzburger Konditor Paul Fürst 1890 kreiert
hat, „gestützt auf seine vieljährigen, praktischen Erfahrungen in den
renommiertesten Conditoreien von Wien, Pest, Nizza usw.“, wie er in
einer Annonce zur Geschäftseröffnung
schrieb.
Schlecker oder Beißer? Die meisten Österreicher schwören, eine
Mozartkugel müsse gelutscht werden. Zunächst kommt die zartbittere
Schokolade; langsam weicht sie dem sahnig weichen Nougat, das am Gaumen
schmilzt wie die Arie L‘amerò aus Il Rè Pastore; und schließlich das
nussige Marzipan, ein Genuss nicht nur geschmacklich, sondern auch
wegen des haptischen Gefühls im Mund, ein bisschen rau, ein bisschen
geschmeidig, die Härte der Nuss aufgelöst in weiche, ölige Masse.
Andere hingegen schwören auf die Durchdringung der Aromen: In den Mund
und kräftig draufgebissen, da mischt sich Schokolade mit Nougat mit
Marzipan. Einen Vorteil haben die Beißer zudem: Die Kugeln sind die
kleinsten nicht. Wer schleckt und lutscht, dem ist zumindest die ersten
Minuten ein merkwürdiger Ausdruck ins Gesicht geschrieben.
Es kann nur eine geben. Eifersüchtig wacht die Konditorei Fürst
am Alten Markt in Salzburg darüber, dass kein anderer seine Schokobälle
„Original Salzburger Mozartkugeln“
nennt – denn das Original gibt es nur hier. Leider hat Paul Fürst
vergessen, sich die Idee patentieren zu lassen.
Und deshalb gibt es heute „Echte Salzburger Mozartkugeln“
und „Austria Mozartkugeln“, ja sogar „Wiener Mozartkugeln“. Aber
„Original“ dürfen die Pralinen nur heißen, wenn sie in der Fürst‘schen
Konditorei von Hand gedreht wurden, 600.000 sind es pro Jahr.
Und das geht so: Zunächst wird aus Mandeln und Pistazienkernen
Marzipan hergestellt: Pistazienmarzipan. Das wird portionsweise zu
Kugeln gerollt; die Kugeln werden auf Holzstäbchen gesteckt. Um die
Marzipankugel kommt eine Schicht Nougat; und dann wird alles in
flüssige Kuvertüre getaucht, für den Schokoladenmantel außenherum. Die
Kugeln werden auf den Stäbchen zum Trocknen aufgestellt.
Ist das beendet, kommen die Stäbchen heraus, das verbleibende
Loch wird mit Schokolade geschlossen. Dies ist das Qualitätsmerkmal
originaler Mozartkugeln: dass sie perfekt rund sind. Die industriellen
Hersteller sparen sich die Stäbchen-Methode und legen die Kugeln
einfach so zum Trocknen aus, wodurch eine platte Stelle entsteht, die
zwar dem Geschmack nichts macht, aber eben die Kugel aus der Rundung
bringt. Welche Auswirkungen das auf ihre Tauglichkeit als Projektil
hat, ist nicht erforscht.
Ist also die Mozartkugel anachronistisch? Müsste nicht jemand
eine neue Süßigkeit erfinden, nun, da deutlicher gesprochen wird über
die Abgründe hinter den Notenzeilen, über das Gespenstische im Don
Giovanni, das Düstere am Requiem? Eine neue Praline, die außen süß ist
und innen bitter, aber von einer Bitterkeit, die glücklich macht, weil
sie
des Lebens Bitterkeit in sich trägt? Die Souvenir-Verkäufer in der
Salzburger Altstadt, die Hersteller von Mozart-Tassen und
Mozart-T-Shirts und Mozartkugeln werden dafür keine Notwendigkeit sehen
– ebenso wenig wie die japanischen Touristen, die sommers die
Getreidegasse von früh bis spät verstopfen: Ihnen ist Mozart der Bote
einer heilen Welt, ein heiterer Sunnyboy, der die Welt zuckert, damit
sie zu ertragen ist. Und die Mozartkugel ist dazu der perfekte
Gaumenkitzler, ein orales Vergnügen der schokoladigsten Art, ohne
Beigeschmack, ohne Bitterkeit, ohne Schärfe. Dass man mit der Kugel
auch jemanden töten kann, wenn man sie nur lange genug ins Eisfach legt
– wer mag daran schon denken?
Text: Stephan Handel
STEPHAN HANDEL, 42, studierte Musik und Musikwissenschaft und
ist nun Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“ in München.