Wie ein kalter Analytiker wirkt Maurizio Pollini in der persönlichen
Begegnung nicht. Als wir uns am Morgen nach seinem gefeierten
Salzburger Solo-Abend im Hotel treffen, wirkt er freundlich und
bescheiden. Zugleich bleibt der Kettenraucher aber doch
höflich-distanziert.
Partituren I Herr Pollini, Sie haben gerade
Chopins Nocturnes eingespielt. Ihr Sieg beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 1960 machte Sie schlagartig
berühmt. Ist Chopin der wichtigste Komponist Ihrer Karriere?
Pollini I Einen wichtigsten Komponisten gibt
es nicht für mich. Ich habe mich in meinem Leben um mehrere große
Komponisten bemüht. Aber ich fühle mich Chopin sehr verbunden und,
ehrlich
gesagt, heute näher als je zuvor.
Partituren I Sie spielen Werke von Bach bis Boulez, aber nur relativ wenige
Komponisten ...
Pollini I Sagen wir so: Die Beschäftigung
mit den Großen füllt mich aus. Es gibt viele große Komponisten, die ich
sehr mag, aber selten oder nie im Konzert gespielt habe – wie Ravel,
Mussorgsky oder den großartigen Scarlatti, der in jeder Sonate so
nonkonformistisch
und persönlich ist.
Partituren I Warum haben Sie diese Komponisten nie öffentlich gespielt?
Pollini I Aus persönlichen, geheimen Gründen, die ich Ihnen nicht verraten kann. (lacht)
Partituren I Wie wählen Sie Ihr Repertoire
aus? Als Pianist steht Ihnen ja eine riesige Auswahl zur Verfügung.
Pollini I Wir sind privilegiert. Als Pianist
brauchen Sie nur Werke zu spielen,
denen Sie sich so sehr verbunden fühlen, dass Sie sie in jedem Moment Ihres Lebens spielen möchten.
Partituren IUnter diesen Werken sind auch zahlreiche Kompositionen des 20. Jahrhunderts.
Pollini I Mein zeitgenössisches Repertoire
ist nicht sehr groß, aber es war mir wichtig, Werke zu spielen, die uns
zeitlich näher stehen. Man darf sie nicht vernachlässigen, denn sie
sind wichtig zur Formung junger Zuhörer.
Partituren I Früher dachte man, das Publikum
würde Schönberg einmal für selbstverständlich halten. Heute verstehen
ihn viele immer noch nicht.
Pollini I Adorno hat gesagt, die Leute verstehen Schönberg genau, aber sie wollen nicht akzeptieren, was er sagt.
Partituren I Glauben Sie das wirklich?
Pollini I Ich sage nicht, dass das meine Meinung ist, aber es ist eine interessante
These. Ich halte die Musik von Schönberg und Webern und sogar die Nachkriegsmusik von Boulez, Stockhausen
oder Nono heute bereits für klassisch. Man spürt, dass sie einer anderen Zeit angehört. Aber die Werke
bestehen weiter als Meisterwerke.
Partituren I Und doch hat ein Großteil des Publikums noch immer Sehnsucht nach der Tonalität.
Pollini I Wie Sie wissen, hat Schönberg
einmal gesagt, es gibt noch viele Werke in C-Dur zu komponieren. Ich
bin mir da nicht so sicher. Meiner Meinung nach kann man nicht mehr zur
Tonalität, wie sie von den großen Komponisten des 19. Jahrhunderts so
wunderbar genutzt wurde, zurückkehren.
Auch die Musiksprache muss sich weiterentwickeln. Es gibt keinen Weg
zurück. Wir müssen dankbar sein für die großen Werke in C-Dur, die uns
die Musikgeschichte geschenkt
hat. (lacht)
Partituren I Verfolgen Sie, was heute komponiert wird?
Pollini I Ja, sicher. Mit großem Interesse.
Viele Komponisten schicken mir ihre Werke zu.
Partituren I Und wie sehen Sie die
Entwicklung?
Pollini I Ich denke, es gibt viele Stücke,
die sehr interessant sind. Aber es ist unmöglich, über Musik, die heute
komponiert wird, ein endgültiges Urteil zu fällen. Man gewinnt einen
Eindruck, ob etwas interessant ist oder nicht.
Partituren I Wie erarbeiten Sie sich neue Werke?
Pollini I Das ist ein Prozess, der meist am
Klavier stattfindet. Er kann aber auch anderswo stattfinden, indem man
einfach über die Musik nachdenkt,
das kulturelle Umfeld studiert usw. Aber das kommt alles ganz
natürlich.
Ich habe keine Methode.
Partituren I Wie lange arbeiten Sie an einem neuen Werk?
Pollini I Das hängt von der Komposition
ab, das kann Wochen oder Jahre dauern.
Partituren I Wenn Sie ein Stück erarbeitet
haben, wie fest steht die Interpretation, und wie viel Freiheit erlauben Sie sich im Konzert?
Pollini I Das ist schwer in wenigen Worten zu
sagen. Es ist ein komplizierter
Prozess. Man hat eine bestimmte
Sicht auf ein Werk, die sich aus der persönlichen Beziehung zu ihm, aus
der Arbeit daran, aus der Erfahrung mit ihm entwickelt. Im Konzert gibt
es dann immer ein Moment
der Kreativität, der Freiheit. Für mich müssen in einer guten
Aufführung
beide Dinge zusammenkommen: eine klare Vision als Basis der
Interpretation
und ein improvisatorisches Moment. Das eine widerspricht dem anderen
nicht, denke ich.
Partituren I Verändert sich Ihre Vision eines Werkes über die Jahre?
Pollini I Sie entwickelt sich permanent
weiter. Natürlich denkt man auch über ein Stück nach, wenn man es nicht
spielt. Und manchmal passiert es, dass man plötzlich eine andere Sicht
gewinnt. Aber in den allermeisten
Fällen entwickelt sich eine Sichtweise, mit der man Erfahrungen
gesammelt hat, weiter.
Partituren I Rubinstein sagte als Jury-Vorsitzender des Warschauer Chopin-Wettbewerbs 1960, Sie seien technisch
besser als jeder in der Jury.
Pollini I Er war sehr generös. (lacht)
Partituren I Wie schafft man es da als 18-Jähriger, nicht abzuheben?
Pollini I Es war ein schönes Kompliment,
über das ich sehr glücklich war. Aber ich habe Rubinsteins Technik damals sehr bewundert. Die war wirklich
unglaublich, nicht wahr?
Partituren I Wie fühlt man sich, wenn man technisch keine Grenzen kennt?
Pollini I Es ist nicht gesagt, dass die Dinge
automatisch besser gehen, wenn man mehr und mehr übt. Manchmal muss man
üben, aber die musikalische Seite ist viel wichtiger als mechanische
Perfektion.
Partituren I Man braucht aber Technik.
Pollini I Aber kein mechanisches Studium.
Man arbeitet an großer Musik, das Gefühl für die Musik muss immer da sein.
Partituren I Warum geben Sie so wenige
Konzerte?
Pollini I Ich möchte, dass jedes Konzert,
wenn möglich, etwas Besonderes ist. Ich möchte absolut glücklich sein beim Spielen.
Partituren I Stören Sie Huster im Konzert?
Pollini I Das Husten ist sicher kein
positives Element. Aber es kommt der Moment, wo man sich ganz mit der
Musik verbunden fühlt, wo man sich nicht mehr so sehr darum kümmert,
was das Publikum macht.
Partituren I Macht es denn einen Unterschied,
ob Sie allein oder vor Publikum
spielen?
Pollini I Die Identifikation mit der Musik
ist dieselbe, aber wenn Publikum
da ist, fühlt man, dass man für jemanden spielt. Das Spielen, diese
Anstrengung – denn es ist eine Anstrengung
– findet dann sozusagen ihr natürliches Ziel. In diesem Moment erfüllt
sich mein Beruf. Wenn man allein ist, kann man sich Musik auch
vorstellen und dabei absolut glücklich
sein. Dazu muss man sie nicht auf dem Klavier spielen. Der Klang
schafft den Kontakt zum Publikum.
Partituren I Haben oder hatten Sie Vorbilder?
Pollini I Ich habe die alte
Pianisten-Generation
sehr bewundert. Das waren große Persönlichkeiten. Sie hatten einen
wunderbaren Klang, was ich Technik auf höherer Ebene nennen würde. Ich
habe sie alle bewundert, es war die große Zeit des Klavierspiels.
Partituren I Im Gegensatz zu heute?
Pollini I Das möchte ich nicht gesagt haben. (lacht)
Partituren I Verstehen Sie Ihr Talent als Glück, Verpflichtung oder gar als Last?
Pollini I Es ist ein Glück. Sie beschäftigen
sich mit wunderbaren Kunstwerken,
Ihr Beruf bringt Sie in Kontakt mit etwas außergewöhnlich Schönem. Das ist ein enormes Privileg, das Musiker
genießen und zu schätzen wissen
sollten. Natürlich hat das Leben eines Musikers auch harte Seiten.
Partituren I Was fasziniert Sie am Klavier?
Pollini I Es ist ein universelles Instrument,
auf dem man alles darstellen kann, sogar ein ganzes Orchester. Und dann
bietet es klanglich enorm viele Möglichkeiten. Klavier wirklich gut zu
spielen, bedeutet für mich auch die Fähigkeit, den Klang aus dem
Instrument zu holen, den man haben möchte. Dass man zum Beispiel auf
einem Klavier singen kann, ist eigentlich
ein Wunder, denn es ist im Grunde
ein Perkussionsinstrument. Ein Streichinstrument dagegen hat seinen
eigenen Charakter, und es ist für den Spieler sehr schwer, diesen
Charakter zu beeinflussen oder zu verändern. Das Klavier ist da sehr
viel flexibler.
Partituren I Sie haben politisch oft Stellung
bezogen. Sie haben Konzerte in Fabriken gegeben, von der Bühne herunter
gegen den Vietnamkrieg protestiert und beziehen jetzt öffentlich
Stellung gegen Berlusconi. Sollten
Künstler politisch aktiv werden?
Pollini I Ich denke, Menschen sollten sich
generell bewusster sein, was in der Welt vor sich geht. Sie sollten
aktiv an die Herausforderungen des Lebens herangehen und nicht stumm
bleiben. Das wichtigste Statement für einen Künstler ist natürlich, was
er in seiner Kunst tut. Kunst genießt eine wunderbare Unabhängigkeit,
aber sie ist genauso verknüpft mit dem Rest der Welt wie alle anderen
Dinge.
Das Gespräch führte Arnt Cobbers.