Ein Flügel ist ein merkwürdiger Gegenstand. Er ist eine Maschine, die
industriell in einer Fabrik hergestellt wird. Gleichzeitig muss er
künstlerischen Ansprüchen genügen. Ein Flügel ist so gut wie sein
schwächstes Element. Ein tragender, lang anhaltender Klang allein
genügt nicht. Er muss auch von den tiefsten Bässen bis zum Diskant
einen einheitlichen Charakter haben. Und wenn die Tasten nicht
gleichmäßig laufen oder die Hammerköpfe schlecht ausgerichtet
sind, wird kein Pianist an ihm Freude haben.
Im 19. Jahrhundert suchten alle wichtigen Klavierbauer
nach technischen Lösungen für die Tücken dieser komplexen und
unvollkommenen Maschine. Im deutschen Sprachraum wurden nicht nur die
innovativsten Werke für das Hammerklavier geschrieben – auch die
Entwicklung des Instruments, das dem Handwerker äußerste Genauigkeit
abverlangt, etablierte sich hier als Tradition. Selbst in New York war
das Klavierbauhandwerk fest in der Hand deutscher Einwanderer, und so
musste Heinrich Engelhard Steinweg, als er 1850 aus dem Harzstädtchen
Seesen an den Hudson kam, kein Englisch lernen. Die Firma „Steinway
& Sons“ eröffnete drei Jahre später eine eigene Fabrik, und
Heinrichs Söhne Henry Jr. und Theodor entpuppten sich als ingeniöse
Erfinder und Tüftler. Sie setzten die akustischen Erkenntnisse ihrer
Zeit im Klavierbau um, wobei eine Innovation
oft die nächste nach sich zog.
Das größte Problem lag darin: Eine Saite klingt am lautesten
und klarsten, wenn sie bis an die Grenze ihrer Elastizität
gespannt wird. Im Inneren des Flügels erzeugt dies enorme Zugkräfte,
denen die herkömmlichen Holz- und Eisenplatten
nicht standhielten. So entwickelten die Steinways ein heute noch
gängiges Verfahren zur Herstellung von Gusseisenplatten. In über
hundert Patenten nahm das Steinway-
System Gestalt an, das stärkere dynamische Kontraste ermöglicht als der
romantisch-weiche Klang anderer Hersteller.
Im Gegensatz etwa zum Bösendorfer schwingt beim Steinway nicht nur der
Resonanzboden – das ganze Gehäuse steht unter Spannung und wird zum
Klangkörper.
Ein Flügel wird von außen nach innen gebaut. Als erstes entsteht der
Rim – der Rand der Flügelform, der bei Steinway
in einem Stück gebogen wird. An seiner Herstellung hat sich seit
hundert Jahren nichts geändert. Bis zu zwanzig Schichten Holz werden
zusammengeleimt und von kräftigen
Männern auf den Rim-Bieger gewuchtet, eine archaisch wirkende
Maschine, die das Holz mit großen Eisenklammern in die asymmetrisch
gebogene Flügelform zwingt. Heute tut sie das mit Pressluft. Drei
Stunden bleibt der Rim in der Presse, danach ruht er ein halbes Jahr,
damit das Holz wieder
trocknen und sich erholen kann. Solche Ruhezeiten sind für die Qualität
und Langlebigkeit des Instruments entscheidend.
Bevor der Bau eines Flügels beginnt, wird das Holz zwei Jahre im
Fabrikhof und anschließend in der Trockenkammer
gelagert. Mehr als acht Prozent Feuchtigkeit darf es nicht enthalten,
sonst verzieht sich später der Flügel. Die Ruhezeiten zwischen den
Arbeitsgängen sind der Hauptgrund,
dass der Bau eines Steinway-Flügels ein ganzes Jahr dauert. Manche
Billigmarken brauchen für die Herstellung ihrer Massenware nur zwei
Wochen.
Auch nach dem Ablauf der Patente hütet Steinway das Geheimnis des
Resonanzbodens, der „Seele“ des Instruments,
denn er verstärkt den Klang der Saiten nicht nur, sondern verleiht ihm
auch seine charakteristische Farbe. Beim Rundgang durch die Hamburger
Fabrik darf man zwar einen Blick in den hellen Raum mit dem angenehmen
Holzgeruch werfen, in dem die ebenmäßigen Leisten zusammengeleimt
werden. Doch wie die Wölbung des Resonanzbodens
zustande kommt, die für die notwendige Spannung sorgt, oder wie lange
und bei welcher Temperatur der fertige Resonanzboden gelagert wird –
das wissen nur diejenigen, die ihn zusammenbauen.
Hand anlegen
Zu achtzig Prozent wird ein Steinway-Flügel auch heute noch in
Handarbeit gefertigt. Computertechnik kommt nur dort zum Einsatz, wo
die Maschine präziser arbeitet als der Mensch. Die Glaskästen der
automatischen Produktion wirken
in der altmodischen Fabrik wie Inseln einer anderen Zeit. Im
CNC-Rimbearbeitungszentrum fährt ein Rim auf Schienen hin und her. Über
ihm schwebt ein computergesteuerter
Bohrer, der sich wie ein Insekt ständig senkt und Löcher bohrt. Im
Flügelbau geht es um Zehntelmillimeter. Die Qualität des Instruments
entsteht im Zusammenspiel der einzelnen Teile.