Aedificate jubilate - Die Dresdner Frauenkirche
als Konzertsaal
Da steht sie nun und dominiert die Silhouette Dresdens wie zu Zeiten
des Bernardo Bellotto. Um kaum ein Bauwerk
in Deutschland ranken sich so viele Superlative und schmückende
Epitheta wie um die Dresdner Frauenkirche. Mit der steinernen Kuppel
erhielt das Stadtbild seine Krone zurück – und Sachsens Hauptstadt
endlich einen vollwertigen
Konzertsaal. So lautete zumindest die Hoffnung. Sie hat sich nicht
erfüllt.
Dresden hatte sich nach einigem Zögern für den Neubau entschieden,
obwohl es auch eine beträchtliche
Zahl derer gab, die die Ruine als Mahnmal erhalten wollten. Was von
Ferne als Element heller Heiterkeit
erscheint, kann aus der Nähe betrachtet durchaus eine gewisse
Beklemmung hervorrufen.
Dieses Monument eines trutzigen Protestantismus
– fast möchte man von Protestantissimus sprechen
– verkörpert Macht, klerikale und bürgerliche zugleich, und
repräsentiert ein Verständnis von Kirche, das schon lange nicht mehr
der Realität entspricht.
Auch der Innenraum bietet
manchen Stoff zum Streiten. Mag das Urteil über Architektur und
Ausstattung – überwältigend oder überladen – vom persönlichen Geschmack
des Betrachters abhängen, so ist die Akustik des Riesenraums Gegenstand
objektiverer
Beurteilung. Alte Dresdner, die noch den Originalbau erlebt haben,
berichteten von akustisch herausragenden Eindrücken. Entsprechend hoch
waren die Erwartungen an die akustische Qualität des Neubaus. Erfüllt
haben die sich nur zum Teil.
Akustik in Schranken
Dabei wäre es falsch, von einem insgesamt schlechten Raumklang zu
sprechen. Der Eindruck hängt von mehreren
Faktoren ab, die sich in ungünstigen Fällen summieren können. In
einigen Bereichen, etwa auf den Emporen, führen
die Überlagerungen von Direktschall und Echos – der Nachhall beträgt
mehr als fünf Sekunden – zu einer undurchdringlichen
Klangmassierung, die jede Transparenz vermissen lässt. An anderen
Stellen im Raum ist dies viel weniger spürbar. Ein weiterer Faktor ist
die Aufstellung der Ausführenden.
Altarraum und Kirchenschiff sind
durch eine Chorschranke getrennt, die wie eine akustische Grenzlinie
wirkt, ohne dass dafür eine baugeometrische Ursache erkennbar
wäre. Befinden sich die Musiker vor der Schranke, ist die akustische
Situation schlechter, als wenn sie ausschließlich
im Altarbereich stehen. Allgemein gilt zudem, dass bei einer geringen
Zahl von Musikern die Akustik für bestimmte Raumbereiche besser ist.
Hinzu kommt, dass die Ausführenden nicht von allen Plätzen aus zu sehen
sind, und unglücklicherweise sind die optischen und akustischen
Qualitäten im Raum nicht deckungsgleich. Eine Faustregel für die
Qualitätseinstufung der Besucherplätze gibt es bisher
nicht.
Aus alten Tonaufzeichnungen, soweit sie überhaupt existieren, lassen
sich keine Schlüsse auf die Akustik der Vorkriegskirche
ziehen. Bei einigen Orgelwerken, die auf Schellackplatten
vorliegen, fehlen Angaben zur Aufnahmetechnik
(Standort des Mikrofons usw.). Interessant ist aber, dass selbst bei
Konzerten mit riesiger Besetzung, etwa bei Mahlers 8. Symphonie,
keine Mitwirkenden
vor der Chorschranke postiert waren – notfalls wurden die vorderen
Seitenemporen
mit genutzt.
Flüssiger Beton
Viel vorgenommen hat man sich bei der Gestaltung des umfangreichen
Konzertprogramms,
das durch personelle und thematische Vielgestaltigkeit beeindruckt: Die
Ehre, das allererste öffentliche
Konzert zu bestreiten, kam dem Dresdner Staatsopernchor
und der Sächsischen Staatskapelle unter Leitung des designierten
Chefdirigenten Fabio Luisi zu. Die Wahl von Beethovens Missa solemnis
erwies sich allerdings als Missgriff: Durch die extreme Dynamik mit
einem Übermaß an Fortissimo-Passagen fühlte man sich wie von flüssigem
Beton übergossen und musste sehr schnell den Wunsch aufgeben,
interpretatorische Details überhaupt wahrzunehmen. Erstaunlicherweise
war die akustische Situation bei einem anderen Konzert mit ähnlich
großer Besetzung und vergleichbarer
Dynamik deutlich besser. Schwer zu entscheiden,
ob es an der andersartigen kompositorischen Faktur von Verdis Messa di
Requiem lag, oder ob Rafael Frühbeck de Burgos als Leiter der Dresdner
Philharmonie – dem zweiten
großen Orchester der Stadt – und der Chöre des NDR und des WDR mit dem
komplizierten Raum schlichtweg besser zurecht kam.