Liebe Leserin, lieber Leser!
Nehmen wir für einen Moment einmal an, der Freischütz sei ein neues
unbekanntes Werk und der Komponist stellte es dem Operndirektor vor.
Der Direktor würde sagen: „Mein Herr, Sie verfügen zweifellos über
Talent, doch Ihre Arbeit ist für die Oper unbrauchbar. Dem Werk fehlt
es an Klarheit und Spannung. Was zum Teufel soll das Publikum mit
dieser Geschichte vom schwarzen Jäger, dem Gießen von Freikugeln, mit
diesem ganzen Schnickschnack!
Sie täten besser daran, schöne Melodien zu schreiben als um Mitternacht
im Walde herumzusuchen.“
Der dies schrieb, ist kein Musikkritiker von heute, sondern war
Camille Saint-Saëns – 1876 zur Wiederaufführung des Freischütz in der
Pariser Opéra.
Aus heutiger Sicht befand man sich mitten in der (Musik-)Epoche
der Romantik, und doch schien Webers ur-romantische Oper schon einer
vergangenen Zeit anzugehören. Vor wenigen Jahren feierte der Freischütz
in Robert Wilsons,
Tom Waits’ und William S. Burroughs Fassung als Black Rider Triumphe in
deutschen Theatern. Aber dass wir in einer romantischen Zeit leben,
würde wohl kaum jemand behaupten.
Romantik ist ein großes Wort, gern gebraucht, doch was dahinter steckt,
ist schwer zu fassen. In der vierten PARTITUREN-Ausgabe versuchen wir,
einem
Phänomen auf die Spur zu kommen und uns einer längst vergangenen Zeit
zu nähern, deren Musik – und deren Gefühle? – uns noch heute nah und
vertraut sind.
Wir fragen führende Romantik-Interpreten nach ihrem
Romantik-Verständ-
nis: die Pianistin Hélène Grimaud, den Sänger Christian Gerhaher und
die
so gegensätzlichen Dirigenten Christian Thielemann und Roger
Norrington. Und wir sprechen mit Arvo Pärt über romantische Züge seines
Komponierens. Wir entdecken die Technikbegeisterung des
Nationalromantikers Antonín Dvor.ák und flanieren durch die ewige
Hauptstadt der Romantik: Paris.
Auf der PARTITUREN-CD stellen wir Ihnen das romantische
Universalgenie E. T. A. Hoffmann als Komponisten vor – mit seinem
Harfenquintett – und lauschen Liedern der Romantik: Goethes Mignon und
Höltys Mainacht in unterschied-
lichen Vertonungen – von Beethoven und Schubert bis Wolf und
Tschaikowsky.
Viel Vergnügen beim Lesen, Hören und Sehen wünscht Ihnen
Ihre PARTITUREN-Redaktion