Nicolas Gombert war vielleicht der größte Kontrapunktiker des 16. Jahrhunderts. Wie die Fäden eines Gewebes fließen bei ihm die Stimmen im polyphonen Satz dahin. Nichts an dieser von Ruhe und Zeitlosigkeit erfüllten Musik lässt die politisch und weltanschaulich erregten Zeitumstände ihrer Entstehung ahnen. Dem gleichmäßigen Strömen seiner Missa Media vita in morte sumus wird das Hilliard Ensemble mit gewohnter Perfektion gerecht – eine CD für die Insel!
Vom seraphischen Kirchenklang ins karnevaleske Vergnügen stürzt uns Jordi Savall mit Improvisationen und Variationen über die Folia, jenen iberischen Bauerntanz, der sich schnell ganz Europa eroberte. Savall und seine Musiker kosten sowohl die tänzerische Verve wie die kammermusikalische Verfeinerung der Stücke aus, deren Auswahl von einfachen Umspielungen des Modells aus dem 16. Jahrhundert bis zur hochelaborierten Sonatenkunst eines Corelli und Vivaldi reicht.
Zwei Kantaten des jungen Georg Friedrich Händel, in denen es um Liebeswahn geht („Delirio“), hat Natalie Dessay aufgenommen. Mit bewundernswerter stimmlicher Eloquenz selbst in den höchsten Höhen stürzt die französische Sopranistin sich in die virtuosen Ekstasen des Liebesschmerzes. Händel stellt ihr in den endlosen, nie langweiligen Arien konzertierende Instrumente zur Seite, die, dank Emmanuelle Haïms Concert d’Astrée, an schmeichelnder Beredsamkeit mit der Solistin wetteifern.
Musik des französischen Barockkomponisten François Francoeurs (1698 –1787) begegnet man selten. Zu Unrecht, wie die wunderschöne CD des Ensembles Ausonia mit dem Titel „Amans, voulez-vous être heureux?“ (4 I Alpha 076) beweist. Mehr noch als die eleganten Violinsonaten nehmen die von Isabelle Desrochers engagiert vorgetragenen Opernszenen für den vergessenen Komponisten ein, von dem man gerne mehr hören möchte.
Zum Abschluss begegnen wir nochmals Jordi Savall – diesmal als Dirigent seines Orchesters Le Concert des Nations. Selten hat man Luigi Boccherinis vom Fandango inspiriertes Quintett für Streicher und Gitarre G. 448 so feinsinnig und zugleich tänzerisch in die Füße gehend, selten seine populäre nächtliche Madrider Straßenmusik G. 324 so geheimnisvoll flirrend gehört wie hier. Und die beiden Sinfonien, die Savall präsentiert – vor allem die späte in d-moll op. 37 Nr. 3 –, sind veritable Entdeckungen einer kompositorischen Potenz, die sich gleichberechtigt neben Haydn oder Mozart behaupten kann.
Uwe Schweikert