Paris im Jahr 1831„Paris ist alles, was Du willst“, schwärmte Frédéric Chopin
am 12. Dezember 1831 in einem Brief an seinen Jugendfreund Titus
Wojciechowski. „Du kannst Dich hier unterhalten, Dich langweilen,
lachen, weinen, ganz wie es Dir beliebt, und niemand schaut Dich an,
weil hier tausende Menschen das gleiche tun wie Du, jeder auf seine
Weise. Ich weiß wirklich nicht, ob es irgendwo mehr Pianisten gibt als
in Paris; und ich weiß auch nicht, ob es anderswo so viele Dummköpfe
und so viele Virtuosen gibt.“
Von den Warschauer Freiheitskämpfen aus seiner Heimat
vertrieben, war der 21-jährige Chopin im September 1831 von Wien
kommend in Paris eingetroffen: einer von zahllosen Musikern, die an der
Seine ihr Glück suchten. Und wo sonst als hier – in der „Hauptstadt des
19. Jahrhunderts“, wie Walter Benjamin sie genannt hat –, wo sonst als
in Paris hätte ein Virtuose in jenem Zeitalter der Romantik Karriere
machen können? Seit dem Sturz Charles’ X. im Juli 1830 hatte Paris
unter dem Bürgerkönig Louis-Philippe einen gewaltigen Aufschwung
genommen – trotz anhaltender Wirtschaftskrise – und sich zu der Kunst-
und Kultur-Metropole Europas entwickelt. „Paris ist nicht bloß die
Hauptstadt von Frankreich, sondern der ganzen zivilisierten Welt“,
beschrieb Heinrich Heine die Französischen Zustände jener Jahre.
„Versammelt ist hier alles, was groß ist durch Wissen oder Können,
durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergangenheit. Betrachtet
man den Verein von berühmten oder ausgezeichneten Männern, die hier
zusammentreffen, so hält man Paris für ein Pantheon der Lebenden. Eine
neue Kunst, eine neue Religion, ein neues Leben wird hier geschaffen,
und lustig tummeln sich hier die Schöpfer einer neuen Welt.“
Das heutige Paris ist geprägt von den radikalen Umbaumaßnahmen, die
Georges-Eugène Haussmann als Präfekt unter Napoléon III. zwischen 1853
und 1869 veranlasst hatte. Das Paris der Romantik freilich war noch ein
ganz anderes: „Als ich die Vorstadt Saint-Marceau betrat, sah ich nur
kleine, schmutzige und stinkende Straßen, hässliche schwarze Häuser,
Unsauberkeit, Armut, Bettler, Fuhrleute, Flickerinnen, Ausruferinnen
von Heiltränken.“ So wie sie Jean-Jacques Rousseau bei seinem ersten
Besuch in Paris erlebte, dürften die Pariser Vorstädte – die Faubourgs
– auch 1831 noch ausgesehen haben. Im Stadtzentrum war noch viel von
der mittelalterlichen Bausubstanz erhalten geblieben, während an den
Ufern der Seine „Prachtbauten vor uns aufragten“, wie sich der
russische Reisende Nikolai Karamsin erinnerte, „sechsstöckige Häuser
mit üppigen Geschäftsanlagen.
Welch eine Menschenmenge! Welch eine Vielfalt! Welch ein
Trubel!“ Nach gut vierzig Jahren der Revolutionen und Kriege (und
freilich schon im Schatten der verheerenden Cholera-Epidemie, die Ende
März 1832 Paris heimsuchte und 18.402 Menschenleben forderte) sehnten
sich die 800.000 Einwohner nicht nur nach Frieden, sondern ebenso sehr
nach Zerstreuung und Unterhaltung – auch und vor allem musikalischer
Natur. Man ging à la mode; wer heute gefeiert wurde, konnte morgen
schon vergessen sein. Die Suche nach dem Neuen, dem
Noch-nie-Dagewesenen bestimmte den Geschmack des Publikums und das
Glück der Künstler. Weh dem, der es wagte, das Pariser Publikum zu
langweilen! Im Spannungsfeld zwischen Oper und Virtuosentum waren es
vor allem die Salons des Adels und der Bourgeoisie, die den Ton angaben
und nach einem immer wieder neuen Gefühls- und Nervenkitzel verlangten,
um bloß nicht jenem Lebensgefühl des ennui und des spleen
anheimzufallen, das Charles Baudelaire in den Gedichten seiner Fleurs
du mal so eindringlich beschrieben hat: „Nichts gleicht der Länge jener
sich dahinschleppenden Tage, wenn unter den schweren Flocken
schneeverhangener Jahre der ennui, Frucht einer dumpfen
Teilnahmslosigkeit, das Ausmaß der Unsterblichkeit gewinnt.“
Weh dem, der langweilt
Neben den achtzehn Theatern von Paris, die Abend für Abend mit
Opern, Vaudevilles, Balletten und anderen Formen
des Musiktheaters ihr Publikum suchten und fanden (und in denen immer
wieder auch Instrumentalkonzerte stattfanden), wetteiferten nicht
weniger als sechs Orchester-Konzertgesellschaften um die Gunst ihrer
Hörer, von denen lediglich eine bereits seit dem 18. Jahrhundert
existierte:
die 1741 gegründete Société Académique des Enfants d’Apollon, deren 100
Mitglieder einmal im Monat in ihrem Konzertsaal in der Rue
Traversière-St. Honoré auftraten. Die übrigen Associations de Concerts
waren erst in den letzten Jahren gegründet worden: 1829 die Société
académique et philharmonique Athénée Musical, deren 69 Kopf starkes
Orchester einmal im Monat in der Salle St. Jean im Hôtel de Ville
konzertierte; hier hatte auch das Orchester der Société du Gymnase
Musical seinen Sitz, die sich ausdrücklich um die Verbreitung des
„ernsten und klassischen Repertoires“ bemühte, „de toute musique sévère
et classique“. Vor allem die Werke Beethovens und Webers tauchten immer
wieder auf ihren Programmen auf.
„Dem Studium und der Aufführung der mit großem Orchester besetzten
Symphonien von Mozart, Haydn und Beethoven sowie den musikalischen
Versuchen der Mitglieder der Gesellschaft“ widmete sich die 1830
gegründete Société Musicale des Amateurs, deren Konzerte im Haus Nr.
114 der Rue St. Martin abgehalten wurden. Einmal im Jahr veranstaltete
auch die Société Libre des Beaux-Arts ein Konzert, für dessen
Organisation Jacques-Marie Beauvarlet-Charpentier zuständig war. Und
schließlich die größte und wichtigste Konzertgesellschaft, die Société
des Concerts du Conservatoire, die 1828 vom Geiger und Dirigenten
François-Antoine Habeneck gegründet wurde und zwei Jahre später bereits
79 Sängerinnen und Sänger und 85 Instrumentalisten als aktive
Mitglieder umfasste. Ihre Konzerte fanden im großen, 1.078 Plätze
fassenden Saal der École Royale de Musique statt.
Ein typisches Programm ist etwa das vom 24. April 1831: die siebte
Symphonie von Beethoven, die Furien-Szene aus Glucks Orpheus, ein Satz
aus einem Violinkonzert von Pierre Rode, eine Arie von Giovanni Pacini,
Beethovens Fünfte und zum Abschluss die Cavatine aus Rossinis Tancredi.
Im Bann des Virtuosen
Außer den regelmäßigen Konzerten dieser Gesellschaften fanden
immer wieder Sonderkonzerte statt, bei denen sich die großen Virtuosen
hören, sehen und feiern ließen. So konnte das Publikum, das an jenem
24. April 1831 nachmittags
um halb drei das Konzert der Société des Concerts du Conservatoire
besucht hatte, abends um acht in der Académie
Royale de Musique dem Abschiedskonzert Niccolò Paganinis die Ehre
geben, zu dem auch die Königin und ihre Töchter erschienen...
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