Die Pianistin Hélène Grimaud
»Man muss bereit sein, alles zu verlieren.«
Hélène Grimaud hat einen langen Tag hinter sich, als wir uns am späten
Nachmittag in einem kahlen, eher ungemütlichen
Sitzungsraum in der Berliner Zentrale der Firma Universal
zusammensetzen. Doch die Französin, die seit kurzem dunkle Haare trägt
– ihre Originalfarbe –, wirkt hellwach und konzentriert. Sie spricht
schnell und präzise in hervorragendem Englisch – schließlich wohnt sie
seit Jahren nördlich von New York, auf einer Farm mitten im Wald.
Partituren Frau Grimaud, sind Sie eine Romantikerin?
Grimaud Viele Menschen haben falsche
Vorstellungen davon, was Romantik bedeutet. Die deutsche Romantik war
visionär. Den Romantikern ging es darum, die Verbindung zwischen allen
Dingen zu finden, da liegt ja auch die etymologische Wurzel des Wortes
„Intelligenz“. Auf diese Weise, im eigentlichen Sinne, bin ich
romantisch.
Partituren Die romantische Literatur mit ihrer blauen Blume und der Mühle am rauschenden
Bach ist uns heute fremd, die Musik aber geht uns nahe.
Grimaud Das ist gerade die Essenz der
Romantik, dass sie versucht, Gegensätze zu vereinen.
Der Diskurs über diese Suche nach dem Absoluten ist sehr abstrakt, aber
er spiegelt sich in dem Bestreben, die Menschen durch verschiedene
Formen romantischer Kunst zu verbinden; den Menschen zu helfen, mit
ihrer Seele in Kontakt
zu treten. Nur dadurch kann sich die abstrakte Vision verwirklichen.
Ich glaube, dieser
Gedanke ist noch aktuell.
Partituren Warum fühlen Sie sich Brahms am meisten verbunden?
Grimaud Das ist sehr schwer zu rationalisieren.
Es geht um die Chemie zwischen zwei inneren Welten. Es hat mit Resonanz zu tun, und einem inneren
Pulsschlag.
Partituren Brahms war als Person sehr eigenwillig und rau, aber seine Musik wird oft als konservativ gesehen.
Grimaud Es ist in Wirklichkeit das, was die Leute über Brahms zu wissen glauben, das sie seine Musik so wahrnehmen
lässt. Denn wenn man seine Musik unvoreingenommen anschaut, ist sie nicht akademisch oder schulmeisterlich,
ganz im Gegenteil... Nur weil es klassizistische Züge gibt, nur aufgrund der Reinheit und der harmonischen
Tonfülle ist Brahms noch lange nicht konservativ.
Partituren Warum haben Sie auf Ihrer neuen CD Werke von Brahms, Robert und Clara Schumann gekoppelt?
Grimaud Dieses Projekt lag mir sehr am Herzen.
Ich werde mich mein Leben
lang mit Schumann und Brahms beschäftigen, aber in diesem Kontext
erscheinen die Komponisten und ihre Werke in ganz neuem Licht. Wichtig
war mir außerdem die Idee der Partnerschaft.
Man konnte dieses Konzept nicht nur mit Solowerken umsetzen. Es geht um
gemeinsame Freiheit und Austausch und emotionale Kommunikation,
es musste in diesem Programm verschiedene Partnerschaften geben. Das
hat mir sehr viel Freude gemacht.
Partituren Sie schreiben in Ihrer
Autobiografie, dass Sie bei einigen Werken, darunter Schumanns
Klavierkonzert, das Gefühl haben, diese Werke entgleiten Ihnen, je
öfter Sie sie spielen.
Grimaud Ja, je mehr man versucht, diese Stücke
zu durchdringen, desto mysteriöser werden sie. Aber das ist ein
wunderbarer Prozess, das hat etwas sehr Spirituelles. Das ist eines der
Wunder der Musik.
Partituren Bei Brahms geht es Ihnen nicht so?
Grimaud Aber das heißt nicht, dass das
Material nicht so ergiebig wäre. Ich habe eine so intime Beziehung
dazu, dass es nichts hat von diesem immer eine Stufe entfernten
Betrachten
eines fremden Wesens, zu dem man nur manchmal eine Verbindung aufbauen
kann. Es ist völlig anderer Natur. Es ist gänzlich in mir. Das ist kein
Werturteil. Es ist einfach so.
Partituren Gibt es über die biografischen Beziehungen hinaus in der Musik von Brahms, Robert und Clara Schumann eine engere Verbindung?
Grimaud O ja, da ist eine Verbindung, die
tiefer ist als Form, als Sprache. Es geht vielmehr um den Geist, die
philosophischen Überzeugungen, die Grundhaltung gegenüber dem Leben und
der Schöpfung.
Partituren Von diesen drei Komponisten ist Clara Schumann die am wenigsten bekannte. Ist sie als Komponistin die schwächste?
Grimaud In der Gesamtheit ihres Werkes
zweifellos. Aber sie war eine Muse für die beiden anderen und sah es
als ihren Auftrag an, deren Stücke bekannt zu machen. Sie hatte selbst
Talent als Komponistin, aber nicht diese visionäre Tiefe der Tonsprache.
Partituren Oder konnte sie als Frau und siebenfache Mutter ihr Talent weniger entfalten?
Grimaud Das werden wir nie mit Sicherheit sagen können. Aber obwohl
sie sich für Robert fast gänzlich aufgegeben hat, hat er sie für seine Zeit sehr unterstützt und zum Komponieren
ermutigt. Es sind ihr nicht nur Steine in den Weg gelegt worden.
Partituren Warum haben Sie das Programm „Reflection“ genannt?
Grimaud Aus drei Gründen: Zunächst ist
Reflexion das Ergebnis eines aktiven Denkprozesses. Und genau wie das
Nachdenken macht Musik die Welt begreifbar, sie verleiht ihr einen
höheren Sinn. Dann ist da die etymologische
Wurzel des Wortes Reflexion – eine Flexion, eine Biegung, die zu ihrem
Ursprung zurückkehrt. Man geht aus von Roberts Liebe zu Clara, Claras
Liebe zu Robert, Claras Liebe für Johannes und Johannes’ Liebe für die
beiden Schumanns. Es gibt einen Kreis, der sich schließt und der auch
zeigt, dass am Ende trotz Wahnsinn, Tod und allen Hindernissen, die
sich ihnen in ihrem Leben als Menschen und Künstler in den Weg gestellt
haben,
die Liebe triumphiert hat. Weil die Liebe fruchtbar war, weil sie
kreativ
war, konnten sie alle Widrigkeiten des Lebens überwinden. Wegen ihrer
gegenseitigen Hingabe, ihrer Hingabe
an ein Ideal.
Und dann gibt es noch eine technische Ebene. Cocteau hat
einmal sinngemäß gesagt: „Spiegel sollten reflektieren, bevor sie mir
mein eigenes Bild zurückwerfen.“ Denn eigentlich geschieht die
Reflexion
ja im Spiegel. Ich finde es interessant,
dass jede dieser drei „Musiken“ die anderen beiden Künstler
reflektiert.
Und ich als Interpretin bin mitten
drin – als Medium, nur dazu da, die Reflexion des Komponisten und die
des Zuhörers aufzunehmen.
Partituren Ist es Ihnen wichtig, den
biografischen und historischen Kontext
eines Werkes zu kennen?
Grimaud Ich habe in meiner Jugend viel über
Komponisten und den historischen
und künstlerischen Kontext ihrer Werke gelesen. Ich kann gar nicht
sagen, wieweit mich das beeinflusst.
Aber ich denke, das ist nebensächlich.
Wenn das Stück selbst dir nicht erlaubt, den Schlüssel zu seinem
Geheimnis zu finden, dann helfen dir auch noch so viele biografische
Informationen
nicht weiter. Ein Kunstwerk ist sein eigener Kosmos, und es muss direkt
zur Seele sprechen.
Partituren Wie groß ist Ihr Spielraum als Interpretin?
Grimaud Sehr groß. Natürlich muss man dem Text
treu bleiben, ihn respektieren
und bereit sein, sich auf ihn einzulassen. Aber je mehr man das tut,
desto mehr Freiheit findet man. Wenn man unbegrenzte Möglichkeiten
hat, dann begrenzt man in Wirklichkeit die Kunst, die entstehen
kann, denn Kunst muss Grenzen überschreiten. Wenn alles möglich ist,
dann ist es für mich keine Kunst.
Partituren Und wie viel Freiheit bietet der Moment der Aufführung?
Grimaud Man muss offen sein für alles, was
passieren könnte. Indem du an einem Stück arbeitest, über es
reflektierst
und versuchst, es mit deinem Herzen zu verbinden, erhöhst du die
Chancen, dass das Unerwartete eintreten
wird. Das ist auch angsteinflößend. Beim Auftreten versucht man, alles
unter Kontrolle zu haben, auf Nummer sicher zu gehen, denn das ist
natürlich angenehmer. Aber es ist unkreativ. Man muss in der Lage sein,
Risiken einzugehen, und zwar so, dass man bereit ist, alles zu
verlieren, nur um das zu gewinnen, was man ohne dieses
Risiko nicht erreichen könnte.
Partituren Wenn Sie Brahms und Schumann begegnen würden, wären die beiden Ihnen durch ihre Musik auch als Menschen vertraut?
Grimaud Brahms wahrscheinlich, Schumann auf
jeden Fall; andere Komponisten wahrscheinlich nicht. Natürlich können
wir aus ihrer Korrespondenz
mehr über sie als Menschen
erfahren, und manchmal ist das, was man da liest, völlig verschieden
von dem, was aus der Musik selbst spricht. Und dann denkt man, es muss
eine Art Schizophrenie gegeben
haben zwischen der alltäglichen Person und dem Künstler. Aber das
spielt keine Rolle, denn Musik ist der Ausdruck von etwas sehr viel
Universellerem
und zugleich sehr viel Persönlicherem,
als ein Mensch jemals sein könnte.