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Romantisch gestimmt 2
Christian Thielemann Der Dirigent Christian Thielemann
»Ich greife gern in den Farbtopf«

„Mensch, ich kenne mich in meiner eigenen Stadt nicht aus“, sagt Christian Thielemann, als ich ihn schließlich per Handy ins Café Richter am Hindemithplatz in Charlottenburg gelotst habe. „Nur gut, dass ich mit Münchner Kenn-zeichen herumfahre.“ Während wir auf Kaffee und Kuchen warten, fragt er: „Sind Sie Berliner? Wo kommen Sie her?“ Und als ich auf die nächste Frage antworte, dass ich Kunstgeschichte studiert habe: „Ein tolles Fach – im Gegensatz zur Musikwissenschaft.“

Partituren Was fasziniert Sie an den großen Schinken der Romantik?

Thielemann Ich fühle mich da am wohlsten, wo man viele Farben mischen kann. Das kann man auch bei Beethoven und beim späten Mozart – auf andere Art. Es ist toll, wenn Sie in solch einen Farbtopf greifen können. Aber mich interessiert eigentlich alles, was gut klingt. Ich liebe Bach über alles. Im Moment überlege ich mir, wie ich Bach so machen kann, dass ich etwas hineinbringe vom Romantischen, ohne es zu sehr zu verdicken. Denn Bach weist auf die späte Romantik hin. Es gibt Stellen etwa in der Kunst der Fuge, die nehmen Schönberg vorweg. Mein Ohr hört das auch so. Und deswegen habe ich persönlich eine Abneigung gegen vibratoloses Spiel. Ich finde es sehr gut, dass man mit dem Vibrato spielt, weniger und in der Tat auch mal drei vier Akkorde non vibrato macht, aber dass das Vibrato erst im 20. Jahrhundert erfunden worden sei, ist Quatsch. Doch das ist auch eine Geschmacksfrage, das muss jeder für sich entscheiden.
Partituren Tonalität ist nicht das Kriterium, ob Sie die Musik mögen?

Thielemann Ich beurteile Musik danach, ob sie mich vom Harmonischen und Instrumentatorischen her interessiert. Starke Rhythmen sind schon etwas Aufregendes, besonders in der Pop-Musik, aber das ist nicht mein Naturell. Ich habe seit jeher einen Hang zu den Klangfarben. Und mit denen müssen Sie sehr vorsichtig umgehen. Bei allem romantischen Überschwang müssen Sie den kühlsten Kopf bewahren. Ich finde es GESTIMMTfaszinierend, dass es nach außen hin überbordend klingt, aber um es gut zu machen, muss man es – ich würde fast sagen: kalkulieren. Es ist toll, immer wieder zurückzuhalten, wieder zuzugeben, zurückzunehmen. Das ist auch der Grund, warum ich Richard Strauss so liebe.

Partituren Wird man nicht leicht fortgetrieben?

Thielemann Mit Freiheit muss man umgehen können. Wir können jetzt hier die ganze Kuchentheke leer essen, und hinterher werden wir uns übergeben und im Krankenhaus landen. Sie können auch mal im Übermaß genießen, aber Sie müssen die Konsequenzen kennen. Das finde ich schön. (lacht)

Partituren Wie weit hat auch die Nachfrage auf dem „Markt“ Ihr Repertoire bestimmt?

Thielemann Wenn man als junger Dirigent die Chance bekommt, Wagner zu dirigieren, na, da greifen Sie doch zu – und schwupps, sind Sie drin in der Schiene. Früher habe ich oft gedacht, mein Gott, du wirst darauf so festgelegt. Jetzt finde ich es schön, auch ein Markenzeichen etabliert zu haben. Warum soll ich leiden, dass man mich mit Beethoven, Strauss und Wagner assoziiert? Ich finde es sogar ganz toll, denn es macht ja kein anderer – in meinem Alter. Dazu kommen Sie letzten Endes wie die Jungfrau zum Kind – Sie haben Vorlieben und Sie werden eingeladen.

Partituren Aber jetzt sind Sie in der Position, dagegenhalten zu können.

Thielemann Das mache ich doch. Aber ich wiederhole auch gern Stücke. Künstler haben dann Erfolg, wenn sie wissen, was sie tun. Und es gibt Stücke, bei denen weiß ich sehr viel mehr, was ich tue, als bei Stücken, die ich noch nicht so oft dirigiert habe. Ein Orchester merkt sehr schnell, ob der Dirigent über den Dingen steht oder ob er „fummelt“. In München kann ich explizit sagen, das Stück mache ich zum ersten Mal, das findet man dann auch gut – wenn es nicht zu viel wird. Aber wenn ich zu den Philharmonikern nach Wien oder Berlin komme, nehme ich radikal Stücke, die ich sehr gut kenne.

Partituren In der Romantik gibt es eine Art Kanon wichtiger Werke. Sind die anderen wirklich zweitrangig?

Thielemann Manche ja, manche nein. Aber gucken Sie mal, wie oft die Schottische von Mendelssohn gespielt wird oder die Reformationssymphonie oder die Schumann-Symphonien außer der Vierten. Und das ist Kernrepertoire! Oder die Fünfte von Beethoven, die angeblich jeder kennt. Wann steht die denn mal auf dem Spielplan? Es ist eine Mär, dass gewisse Stücke immer wieder gespielt würden. Und in den Programmen meiner Alterskollegen kommt das klassische Repertoire gar nicht vor.

Partituren Weil die älteren Dirigenten diese Stücke dirigieren.

Thielemann Das ist ja auch richtig. Aber wann kommt denn mal Bruckner 8? Das haben die großen Alten gemacht, die mittlerweile tot sind oder nur noch selten dirigieren. Und da wächst kaum jemand nach. Sehen Sie, und in diese Rolle bin ich hinein-gekommen. Meine Alterskollegen setzen fast alle aufs Zeitgenössische. Ich mache es anders herum: Bruckner, Brahms, Strauss und auch mal etwas Zeitgenössisches.
Partituren Weil Sie auch eine Verpflichtung spüren?

Thielemann Nein, ich mache nur das, was mir gefällt. Da bin ich sehr undiplomatisch, aber was ich mache, möchte ich aus voller Überzeugung machen. Das heißt nicht, dass ich anderes gar nicht mag. Es ist auch eine Zeitfrage. Ich bin nicht einer von denen, die sich nur über ihren Beruf definieren. Ich kann auch sehr gut zwei, drei Wochen faul sein.

Partituren Und dann drängt es Sie doch wieder zum Pult zurück.

Thielemann Naja, ich bin nicht abhängig.

Partituren Macht Dirigieren nicht süchtig?

Thielemann Ganz im Gegenteil. Ich bin heilfroh, wenn ich nicht auftreten muss.

Partituren Warum tun Sie es dann immer wieder?

Thielemann Weil es leider der einzige Weg ist, die Musik zu Gehör zu bringen. Aber das Geschäft...

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