Exzentrischer hat Renaissancepolyphonie nie geklungen als in der Aufführung von Johannes Ockeghems Missa Caput durch das belgische Ensemble graindelavoix. Die Anregung zum spontanen, freizügigen Umgang mit dem überlieferten Notentext bezog Ensemble-Leiter Björn Schmelzer aus der „Machicotage“, der in Frankreich geläufigen Verzierungspraxis der Gregorianik. Für die Rauheit des Klangs, die den Ton gleichsam erdet, stand die sardische Folklore Pate. Selbst wenn man vom historischen Ansatz nicht überzeugt ist, kann man sich der Faszination durch die Intensität des Ausdrucks kaum entziehen (1 I Glossa GCD P32101).
Gängigen stimmlichen Kategorien entzieht sich auch die Sopranistin Anna Caterina Antonacci, die – an so gegensätzliche Sängerinnen wie Maria Callas oder Milva erinnernd – ein weitgefächertes Repertoire von Monteverdis Poppea bis Bizets Carmen bewältigt. Auf ihrer ersten Solo-CD stürzt sie sich mit großer Emphase in die heftigen Stimmungsumschwünge frühbarocker Lamenti von Monteverdi, Barbara Strozzi und Pietro Antonio Giramo – eine emotionale Tour de force, die keinen Zuhörer unbeteiligt lässt (2 I era la notte, naive V 5050).
Dem Ideal stimmlicher Homogenität huldigen drei andere herausragende Vokaleinspielungen, die zugleich Stationen der Passionsmusik beleuchten. Philippe Herreweghe hat mit seinem Collegium Vocale Gent die 1584 gedruckten Bußpsalmen von Roland de Lassus eingespielt – ein zyklisch angelegtes Gesamtkunstwerk, in dem sich höchst eindrucksvoll abstrakte Vergeistigung und expressive Gefühlswelt miteinander verbinden (3 I harmonia mundi HMC 901831.32).
Diese Verschmelzung von Intellekt und Emotion gilt auch für Dietrich Buxtehudes hundert Jahre später entstandenen Kantatenzyklus Membra Jesu Nostri, das wohl bedeutendste deutsche Vokalwerk zwischen Schütz und Bach. Die Sängerinnen und Sänger des Cantus Cölln kosten die Inbrunst dieser zwischen protestantischem Pietismus und katholischer Mystik oszillierenden Musik mit höchster stimmlicher Delikatesse und klanglicher Raffinesse aus (harmonia mundi HMC 901912).
Francois Couperins drei Leçons de Ténèbres erschienen 1714 im Druck. Der Hofkomponist Ludwigs XIV. hat die Klagelieder des Propheten Jeremias mit einfachsten Mitteln für ein bis zwei Gesangsstimmen und Basso continuo gesetzt – Musik, bei der die französische Eleganz ganz im Dienst der Innerlichkeit steht. Die Aufnahme des Ensembles La Sfera Armoniosa mit den beiden vorzüglichen Sopranistinnen Anne Grimm und Johanette Zomer besitzt die nötige Leichtigkeit, aber auch den nötigen Tiefgang (4 I Channel Classics CCS SA 20306).
Den krönenden Schlusspunkt setzt Michelle Makarski, die auf To Be Sung on the Water drei Violinsonaten des Teufelsgeigers Giuseppe Tartini mit zwei ihr gewidmeten Werken des zeitgenössischen US-Komponisten Donald Crockett konfrontiert: Streicherreligion, in der Virtuosität, Meditation und Stille vollkommen zusammenklingen – für mich in ihrer absichtslosen Absicht eine der beglückendsten Aufnahmen der letzten Zeit! (5 I ECM New Series 1871)
Uwe Schweikert