»Und ringsum tobt das Leben«
Fredi Müller, Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker
Klassisches Schlagzeug ist technisch enorm
anspruchsvoll. Der Konzertalltag eines Orchesterschlagzeugers sieht
allerdings oft anders aus. Gefragt sind weniger rauschende Tonkaskaden
als vielmehr der „eine richtige Schlag“.
Fredi Müller, einer der vier Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker,
beherrscht die virtuose Kunst des perfekten Schlags.
Partituren Herr Müller, als Orchesterschlagzeuger
müssen Sie zahlreiche Instrumente virtuos beherrschen. Und im Konzert schlagen Sie zweimal die Trommel, und das war‘s dann.
Müller Das ist schon ein merkwürdiges
Leben. Es schwankt zwischen Unterforderung und Überforderung. Zwischen totaler Langeweile und totalem
Stress. Man muss lernen, damit umzugehen. Und das ist nicht
immer einfach. Die Herausforderung
liegt in der Vielfalt.
Partituren Wieviele Instrumente spielen Sie?
Müller Das klassische Schlagwerk umfasst große
Trommel, Becken, Triangel und kleine Trommel, wobei die kleine Trommel
das anspruchsvollste Instrument ist. Von da aus hat sich das
Instrumentarium immer weiterentwickelt. Wir haben es mit drei
Grundformen zu tun: den Fellinstrumenten, den Instrumenten aus Metall –
Triangel, Becken und Gongs, Tam Tams, alle Arten von Glocken,
Glockenspiel, Vibraphon – und den Instrumenten aus Holz: Xylophon,
Marimbaphon. Hinzu kommen die Effektinstrumente. Und damit bewegen wir
uns – physikalisch gesehen – in zwei Welten: Wir produzieren Töne und
Geräusche. Eine Sonderstellung hat der Solo-Pauker. Die Pauke ist
musikalisch viel tiefer verankert, viel mehr an der Musik beteiligt.
Das Schlagwerk ist eigentlich nur eine Zugabe – wie in der Küche das
Gewürz. Wir geben ein bisschen Pfeffer und Salz hinzu. Wenn es gut
gemacht ist, merkt das Publikum es vielleicht gar nicht. Aber wenn man
es schlecht macht, kann man ganz schnell auffallen.
Partituren Sie sind vier Schlagzeuger im Orchester. Wechseln Sie sich an allen Instrumenten ab?
Müller Ja, wir besprechen die Aufteilung
gemeinsam, und dann erarbeitet jeder für sich einen logistischen Plan.
Wir brauchen viele Instrumente in immer wieder neuen
Zusammenstellungen. Und da heißt es, den Aufbau so zu optimieren, dass
wir alle Instrumente und Schlägel schnell erreichen und die Noten gut
sehen. Wir müssen immer wieder große Wege bewältigen,
und da geht oft der Blickkontakt zum Dirigenten verloren. Das ist etwas
ganz anderes, als mit einem Instrument
in fester Sichtachse zum Dirigenten zu sitzen. Hinzu kommt, dass die
Komponisten die Schlagzeugstimme häufig kompliziert notieren. Der
Teufel steckt auch da im Detail.
Partituren Freuen Sie sich auf moderne Stücke,
wo das Schlagwerk oft besonders gefordert ist und auch immer wieder
neue Instrumente hinzukommen?
Müller Ja, zeitgenössische Musik ist für uns
wie eine besondere sportliche Herausforderung. Da paart sich ein
technisch hoher Anspruch – oft über das Machbare hinaus – mit einer
großen Anzahl von Instrumenten. Leider fehlt es oft an Probenzeit. Dann
kommt statt Spielfreude ganz schnell Stress auf. Und damit geht etwas
verloren, was in diesem Beruf lebensnotwendig
ist: Man muss das Gefühl haben, ich kann’s. Wenn man mit Angst in ein
Konzert geht, kann man als Musiker nicht lange überleben. Dann geht es
aufs Nervenkostüm.
Partituren Ist es denn befriedigend, meist nur das „Gewürz“ beizusteuern?
Müller Es gibt Stücke, die lassen einen
musikalisch sehr klein erscheinen. Die Vierte von Brahms zum Beispiel:
Ringsum tobt das Leben, und Sie sitzen da, haben drei Sätze Pause, und
im vierten klingeln Sie ein bisschen mit der Triangel. Da kommt schon
das Gefühl auf: Mein Gott, was hab‘ ich da für ein Instrument erlernt!
Da kommt man sich ein bisschen komisch vor. Aber damit muss man am
Schlagzeug fertig werden. Mit Würde und einem gewissen Selbstwertgefühl
muss man sagen, gut, es ist eben so geschrieben. Das ist halt mein Job,
dafür werde ich bezahlt.
(lacht)
Partituren Andererseits kann ein einziger Trommelschlag musikalisch sehr wichtig sein.
Müller Selbst die Triangel kann spannend sein.
Es gibt viele Stellen, wo man sagt, ah, das ist ja pfiffig vom
Komponisten. Mit dem Anteil, den das Instrumentarium an der Musik hat,
wächst auch das Wertgefühl.
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