Der Flötist Maurice Steger
Maurice Steger genießt es, ein Virtuose zu sein
Partituren Herr Steger, warum findet sich kaum ein Musiker, der als Virtuose
bezeichnet werden möchte?
Steger Weil dieser Begriff so eindimensional
verwendet wird! Unter Virtuosität versteht die durchschnittliche
Konzertbesucherin schnelle Skalen rauf und runter zu spielen, das
Allegro noch ein bisschen schneller zu nehmen, als es gedacht ist.
Deswegen habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Begriff. Für
mich bedeutet Virtuosität den facettenreichen Umgang mit einer
musikalischen Materie, die voller Möglichkeiten steckt. Je mehr man
darüber nachdenkt, desto sympathischer wird dieser der Begriff.
Partituren Gehört zum Virtuosen die Freude an der technischen Herausforderung?
Steger Das habe ich so nie gesehen. Bei mir
selbst habe ich festgestellt, dass die rein technische Herausforderung,
ein Stück zu spielen, nicht das größte Problem darstellt. Das ist
vielleicht auch naturgegeben.
Ich muss nicht um virtuos schnelle Sätze kämpfen. Deshalb wurde ich
etwas in diese Ecke gedrängt – da wurde gesagt: Herr Steger, kommen Sie
und spielen Sie ein Vivaldi- oder Telemannkonzert – Repertoirewerke,
die eine sehr gesunde Technik voraussetzen. Aber Freude daran, mich in
einen Technikparcour zu begeben, habe ich eigentlich nicht.
Partituren Dann sind Sie ein Virtuose wider Willen?
Steger Das war anfangs ein bisschen so. Ich
habe es geliebt, Matthew Locke zu spielen, Henry Purcell und frühe
italienische Musik, von Veranstaltern und Agenten angefragt wurde ich
aber meist für ein anderes Repertoire: die großen Orchesterkonzerte.
Und natürlich möchte sich der Dirigent, jedes Orchester nur die
supervirtuosen Rosinen herauspicken, Spektakuläres mit kleinen Flötchen
und schnellen Noten. Ich habe daneben aber immer versucht, und das tue
ich heute im besonderen Maße, dem Publikum auch andere Dinge
vorzustellen, die mir am Herzen liegen. Meist mit sehr viel geringerem
Erfolg, damit muss ich leben.
Partituren Was liebt denn das Publikum am Virtuosen?
Steger Ich glaube, das Publikum reagiert
darauf, dass bei einem Virtuosen auch in schwierigen Passagen die
Freude am Musizieren spürbar wird. Wahrscheinlich denken die Leute, der
Musiker habe Freude am Schnell-Spielen. Aber vielleicht hat er einfach
Freude an der Musik und eben nur keine Probleme damit, diese technisch
schwierigen Werke zu meistern. Was das Publikum wahrnimmt, ist, wie
jemand mit dem Instrument und der Partitur umgeht. Ich stelle mir einen
Virtuosen nicht verbissen und nicht stocksteif auf der Bühne vor, total
konzentriert auf jedes kleine Detail.
Sondern als jemanden, der etwas mit der Virtuosität aussagt. Jemand,
der verschiedene, schöne Klangfarben und Ausdruck auch in kniffligen
Passagen und hohem Tempo erzeugt.
Partituren Spielfreude ist der Schlüssel zur Virtuosität?
Steger Ich glaube ja. Nehmen Sie einen der
ganz großen Virtuosen: Arcangelo Corelli. Wenn ich mir seine
Geigensonaten anschaue, die 1700 in Rom erschienen sind, dann erkenne
ich trotz der strengen sonata-da-chiesa-Form einen Hang zum
Spielerischen, auch zum Virtuosen. Diese Werke brauchen viele Farben,
und auch einen geradezu artistischen Zugang für das instrumental
virtuose Figurenwerk.
Partituren Ist das Virtuose auch eine sportliche Heraus-forderung?
Steger Wenn ich einen Geiger Paganini-Capricen
spielen höre, muss ich schon sagen: Man braucht einen sportlichen,
körperlich aktiven Zugang, um das überhaupt bewältigen zu können. Seien
wir ehrlich: Diese Musik ähnelt in punkto Virtuosität einem
Blockflöten- oder Violinkonzert von Vivaldi. Auch da braucht man – das
muss ich zugeben – die Freude an technisch gedachten Figuren in der
Musik.
Partituren Das Feuilleton hat ja oft ein Problem mit den Virtuosen.
Steger (lacht) Schon ein bisschen,
oder? Das merke ich auch bei meinen Kritiken. Meistens sind sie
euphorisch und sehr gut, bei manchen kommt aber so etwas hinzu wie
"muss denn das so schnell sein?"...
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