Der Querdenker von der Giudecca
LUIGI NONO und der Klangraum Venedig
In mein Heim auf der Giudecca dringen fortwährend Klänge verschiedener
Glocken, sie vibrieren mit unterschiedlicher Resonanz,
unterschiedlichen Bedeutungen, Tag und Nacht, durch den Nebel und in
der Sonne“, notierte Luigi Nono 1976 zu seiner Komposition ... sofferte
onde serene ... für Klavier und Tonband.
Die Glocken Venedigs,
in düsteren Klängen vielfältig gebrochen, finden in diesem Stück ihren
geheimnisvollen Widerhall. Die unverwechselbare Akustik der Stadt in
der Lagune war für Nono eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.
„Man hört den Raum. Ich höre die roten und weißen Steine“, sagte er
1983 in einem Interview auf die Frage, warum er sich in Venedig so
heimisch fühle.
Das hörbare Venedig, das war für Nono das Hallen
der Schritte in den verwinkelten Gassen, das aus einem nahen Kanal
ertönende Schiffsignal, der Klang der Glocken, der „mit
unterschiedlicher Resonanz, unterschiedlichen Bedeutungen“ weit übers
Wasser getragen wird – ein labyrinthischer Klangraum, in dem Nähe und
Ferne seltsam verschwimmen und der ein genaues akustisches Abbild der
Stadtarchitektur darstellt. Die Glockenklänge „sind Lebenszeichen über
der Lagune, über dem Meer. Aufforderungen zur Arbeit, zum Nachdenken,
Warnungen. Und das Leben geht dabei weiter in der durchlittenen und
heiteren Notwendigkeit des ‚Gleichgewichts im tiefen Inneren’, wie
Kafka sagt.“
Das ist schon fast der ganze Nono – der Venezianer
mit dem Ohr an der Gegenwart und der wachen Erinnerung an die
Vergangenheit. Mit der präzisen Wahrnehmung der inneren und äußeren
Realität verbindet er zudem eine versteckte praktische Botschaft an den
Interpreten jenes Stücks, seinen Freund Maurizio Pollini. Dazu die
überraschende Seitenperspektive auf Kafka und damit auf „Mitteleuropa“:
Dieser Kulturraum, der in den 70er Jahren ins Blickfeld der
italienischen Intellektuellen geriet, wurde gerade in Venedig, einer
Stadt mit starken historischen Bindungen an das Habsburgerreich,
begierig wiederentdeckt.
Zumal vorurteilslose Weltoffenheit in
der alten Handels- und Seefahrerrepublik seit jeher gleichsam zum
Geschäftsprinzip gehört, und die Abwesenheit ideologischer Festlegungen
besitzt eine lange Tradition. Zwischen Kafka und den Kommunisten Nono
beteiligte sich an der Wiederentdeckung.
Er las Kafka, Walter
Benjamin und Franz Rosenzweig, vertiefte sich in die Lektüre von
Nietzsche, Musil und Freud und beschäftigte sich mit dem Chassidismus.
Anregungen erhielt er vor allem vom befreundeten Philosophen Massimo
Cacciari, der ihm die Texte für seinen abendfüllenden Prometeo
lieferte; Cacciari, selbstkritischer kommunistischer Intellektueller
und wie Nono unermüdlicher Kämpfer gegen linke und rechte Tabus, sollte
später Bürgermeister von Venedig werden.
Diese gedankliche
Neuorientierung Nonos um das Jahr 1980 kam für viele überraschend, denn
sie passte so gar nicht in das Bild eines Komponisten, der mit der
Resistenza groß geworden, Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens
(und eine Zeitlang sogar ihres Zentralkomitees gewesen) war und in
dessen Musik die Hoffnung auf eine revolutionäre Veränderung der Welt
über all die Jahre hinweg als Leitmotiv durchschien.
Noch
zwanzig Jahre zuvor hatte er mit der Uraufführung seines Bühnenwerks
Intolleranza 1960, eines Hohelieds auf Antifaschismus und Revolution,
im Teatro La Fenice für einen Skandal gesorgt, der weit über Venedig
hinaus die Gemüter erregt hatte.
Luigi Nono war durch und durch
Venezianer. Geboren 1924 an der Fondamenta delle Zattere, am Südufer
des Dorsoduro-Quartiers, studierte er nach der Schule zunächst Jura in
Padua. Dann kam er durch Vermittlung von Gian Francesco Malipiero, dem
Direktor des Konservatoriums in Venedig, mit dem nur wenige Jahre
älteren Bruno Maderna in Kontakt. Mit ihm gemeinsam studierte er die
Partituren von Komponisten wie Machaut, Desprez, den Gabrielis. Schon
damals bildeten das Leben und die Musik für Nono eine untrennbare
Einheit.
In Madernas Mansardenwohnung, so erzählte er 1987 dem
Turiner Musikkritiker Enzo Restagno, verbrachten sie viele Stunden mit
der Partiturlektüre. „Dann gingen wir zum Lido, um zusammen mit
Freundinnen zu baden, veranstalteten ausgelassene Trinkgelage und
ergaben uns völlig euphorisch dem Müßiggang.“
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