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Alte Musik
Alte Musik 06

Ins mittelalterliche England entführt uns die CD Melodious Melancholy mit meist anonymen geistlichen und weltlichen Liedern des 13. bis 15. Jahrhunderts. Sie zeigen, dass schon die damaligen Musiker und ihre Zuhörer die süßen Klänge der Vergänglichkeit und des Liebesschmerzes zu schätzen wussten.

Die drei Musikerinnen des ensembles belladonna schließen mit ihrem poesievollen Gesang und fantasievollem Instrumentalspiel die Lücke, die die Auflösung von Anonymous 4 hinterlassen hat, vollauf (1 I edition raumklang RK 2003).

Süchtig hören kann man sich auch an der CD Flour de Beaulté, auf der das ebenfalls aus der Schola Cantorum Basiliensis hervorgegangene Ensemble La Morra Chansons aus einer zypriotischen Handschrift des frühen 15. Jahrhunderts vorstellt.

Man begegnet hier einem ungewöhnlichen Repertoire, das hinter der mehrstimmigen Musik an den norditalienischen oder französischen Fürstenhöfen der Zeit nicht zurücksteht – eine Entdeckung, die umso erfreulicher ist, als die jungen Musiker die hochkomplexen Zahlen- und Wortspielereien in klingende Musik umzusetzen verstehen (2 I Ramée RAM 0602).

Claudio Monteverdis Sesto Libro de Madrigali mit dem berühmten Lamento d’Arianna und der Sestina ist eines der Schlüsselwerke vom Übergang der Renaissance zum Barock. Rinaldo Alessandrini und sein Vokalensemble Concerto Italiano feiern mit ihrer Wiedergabe des sechsten Madrigalbuchs einen neuen Triumph: Mitreißender und betörender hat Monteverdis affektive Kunst, Wort und Ton, Deklamation und Gesang miteinander zu versöhnen, nie geklungen (3 I naive OP 30423).

Wie sehr Monteverdi mit seiner Praxis des generalbassgestützten Gesangs nicht nur die weltliche, sondern auch die geistliche Musik seiner Zeit revolutioniert hat, demonstriert der Countertenor Philippe Jaroussky auf der CD Beata Vergine.

Begleitet vom Ensemble Artaserse singt er Marien-motetten meist wenig bekannter Komponisten des italienischen Frühbarock – allemal begeisternd vorgetragene Stücke, von denen ich das ganz in sich gekehrte Sanctissima Virgo von Girolamo Casati und das wie das venezianische Lamento auf einem absteigenden Tetrachord basierende Stabat Mater von Giovanni Felice Sances hervorheben möchte (4 I Virgin Classics 344711 2).

Nach den Opern tritt nun auch das geistliche Werk Antonio Vivaldis allmählich aus dem Schatten seines Instrumentalwerks. Die französische Sopranistin Sandrine Piau hat für die Vivaldi-Edition des Labels naive zwei Stücke ausgesucht, die gegensätzlicher nicht sein könnten: die Motette In furore RV 626, die fast theatralisch den Gegensatz von Glaubensfurcht und Ergebenheit durchspielt, und die Vertonung des 112.

Psalms Laudate pueri RV 601, ein mehrsätziges Konzert, in dem die Stimme mit den Instrumenten wetteifert. Sandrine Piau, begleitet von der Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone, erweckt die Stücke mit funkelnder Virtuosität und inniger Versenkung aus ihrem Dornröschenschlaf (5 I naive OP 30416).

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