»Vivaldi lebt von der Leichtigkeit«
Der Dirigent, Cembalist und Organist Andrea Marcon Er
pflegt wie kaum ein anderer das musikalische Erbe Venedigs: Mit seinem
Venice Baroque Orchestra hat Andrea Marcon zahlreiche Werke vor allem
des Barock wiederbelebt. Denn dass man die Opern von Monteverdi,
Galuppi oder Cavalli nicht einmal in ihrer Heimat kennt, nennt er «eine
Schande Italiens».
Es ist brütend heiß in Weimar. Andrea
Marcon und das Venice Baroque Orchestra haben einen langen Reisetag im
Bus hinter sich. Nun ist die Probe in der Herderkirche beendet, in
anderthalb Stunden beginnt das Konzert. Sie seien zwar alle müde, aber
es sei kein Problem für ihn, jetzt noch ein Interview zu geben, sagt
er. Und beim Gespräch im Hof seines Hotels ist er tatsächlich die Ruhe
selbst und nimmt sich Zeit für ausführliche Antworten. Der Italiener,
der in Basel studiert hat und unterrichtet, spricht ein sehr charmantes
Deutsch.
Partituren » Herr Marcon, ist Vivaldi einer der ganz Großen der Musik-geschichte?
Marcon »
Im Bereich des Instrumentalkonzerts ganz sicher. Vivaldi war ein
Pionier. Um 1705 / 06 hat er die ersten Konzerte mit richtig großen
Kadenzen geschrieben. Und sogar Konzerte mit zwei Kadenzen – am Ende
des ersten und des dritten Satzes. Ich denke vor allem an das
Concerto Grosso Mogul, das Bach für die Orgel transkribiert hat. Oder an das
Concerto Solennità della S. lingua di S. Antonio
– «für die Zunge von San Antonio», das ist eine Reliquie in Padua. Da
hat er eine riesige Kadenz an den Schluss des ersten Satzes gesetzt.
Viele haben dann Vivaldis Ideen aufgegriffen und weiterentwickelt. Ich weiß nicht, ob Bach das
5. Brandenburgische Konzert
geschrieben hätte mit dieser langen Kadenz, wenn er nicht die
Vivaldi-Konzerte gekannt hätte. Man sagt immer: „Ah, Bach, was für ein
Genie, solch eine große Kadenz, fast schon wie bei Beethoven.“ Bei
Vivaldi gibt es das schon 20 Jahre früher. Und welcher Komponist hätte
Konzerte geschrieben für Fagott, Traversflöte, Blockflöte, Mandoline,
Viola d‘Amore, Orgel usw. usw.? Und natürlich die über 200 Konzerte für
die Geige, er war ja einer der größten Geiger seiner Zeit. Wenn wir die
Substanz dieser Musik beurteilen, dann verstehe ich die Kritik, die
auch von vielen meiner verehrten Kollegen kommt, überhaupt nicht. Ich
finde es fast einen Skandal, dass man noch nicht alle seine Werke
kennt. Ich fühle mich gerade als Italiener und als Venezianer
verantwortlich, etwas zu tun. Deswegen haben wir jetzt gut 20 Konzerte
aufgenommen, die vorher noch nie aufgenommen wurden. Das sind
fantastische Violinkonzerte.
Und nun komme ich auf einen zweiten
Punkt: die Interpretation. Die Musik Vivaldis sieht in der Partitur
nicht so interessant aus. Aber wenn man sie zu interpretieren versteht,
dann glänzt diese Musik. Der Interpret ist bei Vivaldi viel wichtiger
als bei Bach. Bei Bach ist er eine Art Mittler, er muss nur die Musik
weitergeben. Auch wenn man Bach schlecht spielt, bleibt die Musik groß,
weil sie so unglaublich viel Substanz hat. Vivaldi dagegen ist
zerbrechlich. Genau wie Venedig. Sie haben immer den Eindruck: Mein
Gott, wie kann diese Stadt auf den Beinen stehen? Mit der Musik ist es
genauso. Und auch mit der veneziani-schen Malerei. Das ist fast
transparent, so fragil, fast aus dem Nichts gemacht. Darin liegt die
Kunst, aus einem Nichts ein Konzert zu machen.
Partituren » Was braucht man, um aus diesem Nichts etwas zu machen?
Marcon »
Wir wissen, Vivaldi war voller Spontanität, er hat schneller
komponiert, als ein Kopist die Noten abschreiben konnte. Seine Oper Tito Manlio dauert über drei Stunden.
Und an den Schluss der Partitur schreibt Vivaldi voller Stolz: Ich habe
diese Oper in fünf Tagen komponiert. Das zeigt natürlich auch, dass die
Musik nicht so eine unglaubliche Substanz besitzt. Sie lebt von einem
anderen Aspekt: dem Gestus beim Schreiben, dieser Leichtigkeit, Mozart
war auch ein bisschen so, nicht? Und mit diesem Gestus muss man sie
auch spielen, mit einer solchen Kreativität.
Partituren » Fällt das Italienern leichter?
Marcon » Ich denke, Italiener haben noch viel von dieser Spontanität...
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