Partituren
Das Magazin für klassische Musik
 Suche 
 
Oper in Venedig
Il Teatro alla Veneziana oder die Oper in Venedig
Primo atto: Claudio Monteverdi

Ich schreibe Euch am Abend des Christfestes anno domini 1642. Wir alle sind in gespannter Erwartung der Poppea, die nun in der nächsten Woche die Karnevalssaison eröffnen soll. Eigentlich müsste ich mich glücklich schätzen, denn das Teatro San Zanipolo ist drinnen – bei aller Bescheidenheit von außen – von einer solchen Pracht, dass man meinen möchte, die hiesigen Adelsfamilien wie die Grimani wollten den d‘Este und den Gonzaga Konkurrenz machen. Es ist schon wunderlich, dass plötzlich das ganze Volk in die Opernhäuser strömt – und dafür biglietti erwerben muss, als wollte es in die Commedia dell’Arte gehen. Jetzt heißt es also, den Geschmack dieses Publikums zu treffen, der sicherlich weniger kultiviert ist als bei meinen früheren fürstlichen Auftraggebern. Wenn ich daran denke, dass San Moisè noch hinzugekommen ist und auch das Teatro Novissimo, dann frage ich mich schon, ob dieser Wettbewerb gut gehen kann.

Und nun habe ich – ein Greis von 75 Jahren – auf meine alten Tage mit Eurer Hilfe noch etwas ganz Neues in Angriff genommen. Fort mit den mythologischen Figuren, wo mir doch der Orpheus und der Odysseus so ans Herz gewachsen waren! Erinnert Ihr Euch noch an die Premiere des Ulisse vor zwei Jahren in San Cassiano? Stattdessen nun Personen aus der Geschichte! Aber was für Personen! Herrscher von Rang ohne jede vornehme Gesinnung. Eigentlich schaudert es mich immer wieder vor dieser Poppea und ihrem Nero, vor Ottavia und Ottone. Nichts als Intrigen, Heuchelei und eitles Streben nach Macht und Einfluss. Sieht so die Welt aus? Und ist dies die Unterhaltung, die der Oper genügend Zuschauer bringt und den Besitzerfamilien genügend Einnahmen? Ich wage zu zweifeln ...

Ihr aber habt mir ein Libretto geschrieben, welches mich in besonderer Weise inspiriert hat. Schade, dass ich es wohl nicht mehr erleben werde, was meine Nachfolger davon in ihre eigenen Werke einfließen lassen werden. Vielleicht meine Idee, den Nero von einem Sopran-Kastraten singen zu lassen? Nun gut, er ist Liebhaber und König, aber was für einer! Ein uomo di cera in den Händen der Poppea. Und ein Tenor für die Rolle der Amme? Das wird den Leuten bestimmt gefallen, denn diese Typen kennen sie bestens aus der Commedia dell’Arte. Am meisten wird sicherlich das Schlussduett Effekt machen – das ist ganz neu, das hat einen Zauber, dem sich keiner verschließen kann. Wenn doch erst die Premiere vorbei wäre!

... mehr im Heft

Heft bestellen...

Ausgabe 6
Titel Ausgabe 6
Nächste Ausgabe
Bestellen
Bestellen Sie Einzelausgaben der Zeitschrift Partituren zum Preis von 9,00 ¤.
  © 2008 partituren.org Druckansicht