Der Tod in Venedig
Wie MAHLERS Adagietto zum Inbegriff der Dédadence wurde
Er hat keinen Blick für die Schönheiten der Lagunenstadt. Fad erscheint
die Welt vor seinen Augen, feindlich das grelle Treiben der Menschen.
Angewidert starrt er ins bleierne Wasser des Canal Grande. Der
Komponist Gustav von Aschenbach ist nach Venedig gereist, um sich von
einem Zusammenbruch zu erholen. Seine kleine Tochter ist gestorben,
seine Werke werden vom Publikum verhöhnt. Im prachtvollen Hotel des
Bains auf dem Lido soll er an Leib und Seele gesunden – und findet
stattdessen die Krankheit zum Tod. Das langsame, stete Sterben des
Künstlers setzt mit dem ersten Kräuseln des Lagunenwassers ein, noch
bevor die Kuppeln von San Marco ins Bild rücken, begleitet von den
Klängen des Adagietto aus Gustav Mahlers fünfter Symphonie.
Es wird in Wellen wiederkehren, in den Momenten des Schmerzes, in denen
Scham und Todessehnsucht im hypnotischen Fließen der Musik
verschmelzen. «Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode
schon anheim gegeben», schrieb August von Platen (1796 – 1835) in
seinem Gedicht Tristan. Aschenbach hat Tadzio gesehen, den engelhaften
polnischen Knaben. An dieser Faszination wird sein letzter Lebenswille
zugrunde gehen.
Luchino Visconti schuf mit seinem Filmepos Der Tod in Venedig 1971 nicht nur eine bedeutende Literaturadaption, er machte auch das Adagietto
weltberühmt und verklärte es zum musikalischen Inbegriff der Décadence.
Dabei wusste sich Visconti im Einvernehmen mit Thomas Mann. Der
Regisseur hatte den Schriftsteller 1951 persönlich kennen- und schätzen
gelernt. Bei seiner Bearbeitung von Manns Novelle ließ Visconti die
Figur des Gustav von Aschenbach noch stärker das Antlitz Gustav Mahlers
annehmen, als der Autor es selbst angelegt hatte. Während dieser den Tod in Venedig
zu Papier gebracht hatte, war in den Zeitungen täglich vom
Gesundheitszustand des schwer kranken Mahler berichtet worden. Der
berühmteste Dirigent seiner Zeit und heftig umkämpfte Komponist war in
Amerika zusammengebrochen und befand sich nun auf seiner letzten Fahrt,
der Heimreise nach Europa. Mann war fasziniert von diesem fast
dreimonatigen Abschied von der Welt, einem gewaltigen pomp funèbre
über den Atlantik. «Sein fürstliches Sterben in Paris und Wien
bestimmte mich, dem Helden meiner Erzählung die
leidenschaftlich-strengen Züge der mir vertrauten Künstlerfigur zu
geben.»
Auf der falschen Fährte
Während Thomas Mann
seinem Aschenbach nur die Physio-gnomie und den Vornamen Gustav Mahlers
gab, ging Visconti in seinem Drehbuch noch einen Schritt weiter:
Aschenbach wird vom Schriftsteller zum Komponisten, seine Musik ist die
Gustav Mahlers. Ein Musiker sei im Film leichter darzustellen als ein
Schriftsteller, erklärte der Regisseur. Es sei jederzeit möglich, seine
Musik erklingen zu lassen, während das Werk eines Schriftstellers
mühselig und wenig filmisch etwa per Off-Stimme seinen Weg ins Kino
finden müsse. Und so wird das Adagietto
zu Aschenbachs Schwanengesang über den Wassern Venedigs. Es wird Zeuge
einer halbherzigen Flucht aus der von der Cholera heimgesuchten Stadt,
untermalt den tieftraurigen Versuch, das eigene Altern zu
überschminken, und begleitet schließlich, wie ein sanftmütiger Charon,
Aschenbach aus dieser Welt. Und die Musik gewährt noch etwas, das
Thomas Mann seinem Aschenbach nicht gegönnt hat: Im Film werden die
Blicke des alternden Künstlers vom Knaben Tadzio erwidert. Sein
musikalisches Pendant findet dieser Einfall im Adagietto.
Dort zitiert Mahler das Blickmotiv aus Wagners Tristan. Eine Vision des
Absoluten, das vor der trüben Welt der Lebenden gerettet werden muss.
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