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Sangesfreude
Hillard Ensemble Die Kunst, im Ensemble zu singen
Das HILLIARD ENSEMBLE

Nach 32 Jahren und zahllosen Plattenaufnahmen sind die Hilliards noch immer neugierig auf neues Repertoire. Für ein Konzert im Xantener Dom studierten sie eigens ein Programm ein: Werke der niederrheinischen Renaissance-Komponisten Johannes de Cleve und Jean de Castro. Beim Gespräch am Nachmittag vor dem Konzert erwiesen sich die vier Herren als fröhliche Truppe ganz unterschiedlicher Charaktere, die aber doch in vielem einer Meinung zu sein scheinen. Viele Antworten wurden von den anderen zustimmend kommentiert und ergänzt.

Partituren Was ist so faszinierend daran, in einem kleinen Vokalensemble
zu singen?

David James Das ist das ultimative Musikmachen. Im Chor hat man einen Dirigenten, der einen führt. Das kann auch schön sein, aber es ist eben so: Du singst, aber er oder sie interpretiert die Musik und kontrolliert, was passiert. In einem kleinen Ensemble ist das anders. Wir sehen uns als eine Art vokales Streichquartett. Wir haben keinen künstlerischen Leiter, jeder von uns bringt in jeder Aufführung seinen individuellen Input ein, und weil wir vorher nicht viel festlegen, wird jede Aufführung anders: andere Tempi, andere Dynamik, andere Ausdrucksweisen. Das ist das Aufregende. Wir haben immer dieses Gefühl von Freiheit und wissen nie genau, was als nächstes passieren wird. Einer macht etwas Ungewöhnliches, und wir anderen müssen reagieren. Das macht unheimlich viel Spaß. Wir kennen uns inzwischen so gut, wir können miteinander spielen, die anderen überraschen.

Partituren Warum gibt es so wenige klein besetzte Vokalensembles? Liegt das am Repertoire oder an der Nachfrage vom Publikum?

Gordon Jones Sind das so wenige?
Es gibt unheimlich viel Repertoire für kleine Vokalensembles bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Für die Musik ab dem 17. Jahrhundert braucht man dann wirklich Instrumentalbegleitung. Das ist beim Streichquartett natürlich anders.

James Es stimmt, diese Musik ist nicht wirklich populär, vor allem nicht unter Sängern. Wenn du in einem Orchester Geige, Bratsche oder Cello spielst, sagst du dir, Mensch, Streichquartett zu spielen wäre eine schöne Sache. Aber wer in einem Chor singt, hat kaum als Ziel vor Augen, in einem Ensemble wie unserem zu singen. Dann willst du ein großer Solist werden.
(lautstarke Zustimmung von allen) Das ist eine andere Mentalität, und ich denke, die Schuld liegt bei den Hochschulen. Da ist man nur ein „richtiger“ Sänger, wenn man solo singt.

Steven Harrold Die Studenten werden sogar vom Ensemblesingen abgehalten, damit sie sich auf das solistische Singen konzentrieren können. Gesangslehrer wollen Star-Schüler haben.

Partituren Sollte jeder Solosänger auch in einem kleinen Ensemble singen?

Jones Oh ja, da lernt man wirkliches Musikantentum. (lacht)

James Wenn Sie in ein Orchesterkonzert mit Soloklavier gehen, dann ist der Solist heute oft ins Orchester eingebettet, er ist Teil des großen Ganzen und nicht mehr der einsame Solist, der da vorn sein Ding durchzieht.
So ist es aber, wenn ein Gesangssolist da ist. Die Sopranistin oder der Tenor kämen nie auf die Idee, sich als Teil des Orchesters zu fühlen.

Rogers Covey-Crump Da wird man schon sehr früh von der Hochschule geprägt.

James Wenn mich ein Sänger, der eine sehr gute Stimme hat, sehr musikalisch ist und sehr gern in einem Ensemble singen würde, weil er sich nicht danach fühlt, der große Solist zu werden, fragen würde, wo er studieren soll, dann könnte ich das nur schwer beantworten. Ich kenne kaum einen Gesangslehrer, der froh darüber wäre, seinen Schüler in einem Ensemble zu sehen.

Partituren Für Geiger oder Cellisten ist Solo- und Kammermusik etwas ganz anderes als das Orchesterspiel.

Jones Das gilt auch für Sänger. In einem kleinen Vokalensemble zu singen ist etwas völlig anderes, als im Chor zu singen. Das ist eine völlig andere Erfahrung.

Partituren Stimmt es wirklich, dass nur einer von Ihnen Musik studiert hat?

Covey-Crump Nur ich habe ein Musikdiplom, das stimmt. Steven hat Volkswirtschaft studiert, Gordon Philosophie und David Jura.

Partituren Es gibt wohl keinen bedeutenden Geiger oder Pianisten, der sein Instrument nicht an einer Hochschule studiert hätte.

Covey-Crump Es gibt in England eine lange Tradition, dass Menschen Profi-Sänger werden, vorher aber etwas anderes studiert haben.

Jones Wir haben wesentlich mehr professionelle Kirchenchöre, Kathedralchöre als das übrige Europa. Auch wenn drei von uns nicht Musik studiert haben, haben wir alle während des Studiums an der Universität in professionellen Chören gesungen. Und da wurde nicht nur einmal die Woche geprobt, sondern jeden Tag, manchmal zweimal am Tag. Da lernt man einfach sein Handwerk.

Partituren Sie waren von 1998 bis 2001 ein Quintett, seitdem singen Sie wieder zu viert. Ist das die Idealbesetzung?

Jones Dass wir zu fünft waren, war keine Absicht, sondern hatte sich so ergeben.

James Es war ein Experiment, und es war gut, dass wir es versucht haben. Es gibt phantastische Musik für fünf Stimmen, keine Frage, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Flexibilität im Quintett etwas eingeschränkt ist. Es gibt gute Gründe, dass die Literatur für Streichquintett viel kleiner ist als für Streichquartett.

Partituren Wie sind Sie zu Ihrer Besetzung Alt, Tenor, Tenor, Bariton gekommen?

Covey-Crump Das hat sich so ergeben, die Ursprungskonstellation war Alt, Tenor, Bariton und Bass. Unsere Besetzung passt einfach zu der frühen Musik, die wir singen.

Harrold Als Ihr angefangen habt, wart ihr vier Männer, die alle in Kathedralchören in London gesungen haben. Es war klar, dass es ein reines Männerensemble werden würde, oder?

James Ganz genau, wir waren miteinander befreundet und dachten, wir sollten es mal versuchen. Dann haben wir schnell gemerkt, dass es viel mehr Stücke gibt, als wir jemals singen könnten. Es gab keine Notwendigkeit, einen Sopran dazuzunehmen. Zwei Tenorstimmen zu haben, macht uns sehr flexibel.

Partituren Ist die Musik des Mittelalters und der Renaissance die Musik, die zu singen am meisten Spaß macht?

Jones Auf lange Sicht ist es am lohnendsten, die Musik zu machen, die auch zu deiner Stimme passt. Wir singen auch andere Musik, die zu unseren Stimmen nicht so perfekt passt. Das macht auch Spaß, aber es ist harte Arbeit und doch immer mit gewissen Kompromissen verbunden. Das gilt auch für neue Stücke, die für uns geschrieben werden. Das sind ganz verschiedene Sachen, aber immer wieder sind Werke dabei, bei denen man das Gefühl hat, der Komponist oder die Komponistin hat uns wirklich zugehört und weiß, wie unsere Stimmen funktionieren. Dann passt es perfekt. Andere Stücke passen nicht so gut, und dann muss man einen Weg finden, sie zu singen.

Partituren Ist es das Spannende an der Alten Musik, dass man nicht genau weiß, wie man sie zu singen hat, also einen eigenen Weg finden muss?

James Als wir anfingen, musste man viel mehr experimentieren. Heute gibt es so viele Ensembles und so viele Aufnahmen und Interpretationen.

Jones Man hört sich immer an, was andere Leute machen, und denkt sich: Oh, das ist interessant, das funktioniert, das funktioniert nicht. Aber wenn du dann singst, musst du es so tun, wie es für dich funktioniert. Natürlich gibt es Konventionen, mittlerweile auch in der Alten Musik, von denen wir einige aber auch bewusst ignorieren. Das bringt uns auch Ärger mit manchen Leuten ein. Aber wir sind das Hilliard Ensemble, und das ist eben unser Weg. (lacht)

Partituren Muss man Alte Musik anders singen? Es gibt die historische Aufführungspraxis mit „period instruments“ – gibt es auch eine Art „period singing“?

Covey-Crump In einem kleinen Ensemble mit vier oder fünf Einzelstimmen wird es kritisch mit der Intonation, aber man kann immer noch viel präziser sein als jeder Chor – und das ist auch Teil der Befriedigung. In einem Chor muss man enorm viele Kompromisse eingehen. Bei uns funktioniert es vor allem gut, wenn wir mit alten Musikinstrumenten oder einer alten, mitteltönigen Orgel zusammenarbeiten. Das ist eine tolle Sache.

Partituren Wie weit reicht Ihr Repertoire zurück in der Zeit?

James Unsere ältesten Stücke stammen aus dem 11./12. Jahrhundert, und dann reicht es bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts. Das sind fünf, sechs Jahrhunderte, da gibt es eine enorme Menge an Musik.

Partituren Gehen Sie selbst auf Repertoiresuche oder werden Ihnen Stücke vorgeschlagen?

Jones Beides. Und es ist natürlich phantastisch, wenn man etwas wirklich Tolles findet.

Partituren Wie wichtig sind Ihnen die Texte?

Jones Ohne die Worte wären 95 Prozent der Stücke nicht geschrieben worden. Renaissance-Madrigale etwa hätten keine Existenzberechtigung ohne die Worte.

Partituren Viele Texte sind religiös, viele Zuhörer sind nicht religiös.

Jones Natürlich. Aber die meisten Menschen leben auch nicht so, wie die Schriftsteller der Madrigale gelebt haben, und doch verstehen sie deren Texte, die Emotionen. Auch ein heutiger Zuhörer versteht, worum es in den religiösen Stücken geht.

Harrold Wir sind alle in Kirchenchören groß geworden, wir kennen die Texte, die wir singen, sehr gut. Partituren Es ist doch ein sehr intimes Arbeiten mit vier Stimmen. Wie ist es, wenn andere Sänger oder Instrumentalisten hinzukommen? James Das ist extrem schwierig für sie, nicht für uns. Wir haben unsere eigene Art, zu arbeiten, die können wir auch nicht ablegen. Wir singen neue Stücke immer wieder durch, und nach und nach entwickeln sie sich, nehmen Gestalt an. Wir sprechen sehr wenig dabei. Wir singen und experimentieren, und dann merkt man schnell, wo es in die richtige Richtung geht und wo nicht. Aber wir legen uns keinerlei Fesseln an durch Vorgaben. Und je häufiger man ein Stück singt, desto freier wird man.

Jones Irgendwann ist es so, als ob man durch eine vertraute Landschaft fährt. Wenn man die Musik und die Mitmusiker gut genug kennt, kann man auch mal einen anderen Weg nach Hause einschlagen, und man wird niemanden unterwegs verlieren. Wenn einer von uns mitten im Konzert eine Phrase anders singt, ist das kein Problem.

Covey-Crump Wir sind dann am besten, wenn wir die größtmögliche Freiheit haben. Keine Dynamik-, keine Tempo-Angaben, nichts. Deshalb mögen wir Arvo Pärt so, in seinen Noten stehen so gut wie keine Vorgaben.

Partituren Warum arbeiten Sie mit anderen Musikern zusammen? Ist das auch ein Mittel gegen die Routine?

Jones Es macht einfach Spaß, und es gibt Musik, die danach verlangt. In den letzten Jahren haben wir es sehr genossen, mit Orchestern zu arbeiten, was ein völlig anderes Arbeiten bedeutet.

Partituren Sie haben doch eigentlich ein wunderbares Leben als Sänger: Kein Instrument zu schleppen ...

James Besonders jetzt bei diesen ganzen Kontrollen ist das unglaublich praktisch.

Partituren …Sie müssen nicht üben wie ein Pianist oder Geiger ...

Harrold Das ist wahr. Aber es gibt andere Dinge, mit denen man sich beschäftigen muss.

Partituren Müssen Sie als Sänger ein Leben in Watte führen?

Jones Nein, aber sich fit zu halten, hilft.

Covey-Crump Wir haben sehr viel Glück gehabt. Wir haben überlebt.

Harrold Wir führen ein normales Leben, was Essen und Trinken betrifft. Man kann das Leben nicht genießen, wenn man dauernd darauf achtet.

Covey-Crump Um fair zu sein: Wenn du als Solist auf der Opernbühne stehst, bist du allein, du bekommst keine Unterstützung, wenn du dich nicht wohl fühlst. Wenn sich einer von uns mal nicht ganz gut fühlt, können das die anderen auffangen.

James Ganz wichtig ist, glaube ich, dass wir in der Lage sind, uns zu entspannen und jeden Tag zu nehmen, wie er kommt. Wir gehen nicht abends auf die Bühne und haben im Hinterkopf, was wir morgen und übermorgen machen müssen. Wir haben eine gewisse Entspanntheit. Als Opernsänger musst du deine Stimme viel mehr einteilen, da musst du planen. Partituren I Mediziner und Psychologen haben herausgefunden, dass Singen glücklich macht, besonders in Gemeinschaft. (großes Gelächter)

Covey-Crump Richtig atmen ist gesund, und wir wissen, wie man richtig atmet.

Jones Schwer für uns zu sagen, ob Singen glücklich macht – wir tun es ja dauernd. Und man kann nicht dauernd glücklich sein.

James Aber es stimmt schon, ich fühle mich am glücklichsten, wenn ich singe – aber erzählt das nicht meiner Frau. (allgemeines Gelächter)

Jones Schauspieler machen dieselbe Erfahrung. Selbst wenn sie sich krank fühlen – sobald sie auf die Bühne gehen, geht es ihnen gut. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass man aus sich herausgeht. Schauspieler schlüpfen in andere Charaktere. Wir bewegen uns in einer Welt voller Musik, die wir ja nicht selbst erschaffen haben. Das treibt deine Gedanken von dir fort. Wenn es dir stimmlich schlecht geht, ist es harte Arbeit, aber wenn du Probleme zu Hause hast, dann hast du beim Singen keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Singen hilft.

Das Gespräch führte ARNT COBBERS.

Ausgabe 7
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