Interview Philippe Herreweghe
PHILIPPE HERREWEGHE, geboren 1947 in
Gent, studierte zunächst Klavier, dann Medizin und Psychiatrie in seiner Heimatstadt. 1970
gründete er das Collegium Vocale Gent, mit dem er sich gleich an der Gesamtaufnahme
der Bach-Kantaten unter Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt beteiligte.
Seitdem zählt Heereweghe zu den führenden Bach-Dirigenten.
Neben der Arbeit mit seinen eigenen Ensembles, zu denen das Orchestre de la
Chapelle Royale, das Orchestre des Champs-Elysées und das Collegium Vocale Européenne
zählen, tritt Herreweghe mittlerweile auch als Gastdirigent der großen Symphonieorchester
wie der Wiener oder der Berliner Philharmoniker in Erscheinung.
Der Ehrendoktor der Universität Löwen und Ritter der französischen Ehrenlegion wurde im Oktober 2003 vom belgischen
König in den Adelsstand erhoben.
Der Dirigent und Chorleiter PHILIPPE HERREWEGHE
Selbst ein bekannter Künstler hat es manchmal schwer. Da springt man aus
dem Bus direkt in die Generalprobe in der Basilika von Ottobeuren und muss
anschließend während des Mittagessens noch neugierigen Journalisten ein
Interview geben. Dann geht es eiligst zurück – gleich ist das Konzert, und
umziehen muss man sich auch noch ... Doch der Flame Philippe Herreweghe
meistert den Stress ebenso souverän wie gelassen – in perfektem, charmant
gefärbtem Deutsch.
Partituren: „Singen ist das Fundament
zur Musik in allen Dingen“, hat Georg Philipp Telemann gesagt. Sehen Sie das auch so, Herr Herreweghe?
Herreweghe: Absolut. Alle Komponisten
bis hin zu Brahms waren auch Sänger. Brahms war Chorleiter, Bach,
Haydn, Mozart – ein Musiker, der nicht singen konnte, war bis zum
Beginn des 20. Jahrhunderts undenkbar. Heute gibt es viele Musiker, die
nicht singen können. Dass sie nicht solo singen können, ist ja in
Ordnung,
aber oft singen sie auch nicht auf ihrem Instrument. Und das ist nur
bei einem sehr kleinen Ausschnitt des Repertoires
nicht erforderlich, vielleicht bei Strawinsky. Mit dem Orchestre des
Champs-Elysées versuchen wir uns immer auf den Gesang und den
Text einzustellen. Auch für ein Orchester sind die Gesangslinien
zentral in der Musik.
Partituren: Singen Sie auch selbst?
Herreweghe: Ich bin zwar kein Sänger,
sondern habe Klavier studiert und Orgel und Cembalo, ein bisschen
Fagott und ein bisschen Gesang. Aber ich arbeitete ja schon sehr lange mit
verschiedenen Chören. Als Kind war ich auf einer Jesuitenschule. Da gab
es jeden Tag eine Messe mit Musik: Gregorianik, Schütz und Bach – unser
Chor hatte ein gutes Niveau. Ungefähr mit 14 habe ich angefangen,
Chöre zu dirigieren.
Partituren: Warum kommen so wenige
Dirigenten vom Gesang?
Herreweghe: Es gibt mehr und mehr
gute! Und es ist kein Zufall, dass Leute, die heute etwas Neues einbringen,
eben vom Gesang kommen. Nehmen Sie John Eliot Gardiner. Man
merkt, dass er sehr gut mit Stimmen arbeiten kann. Oder mein Freund
René Jacobs: Wenn er Mozart macht, hört man nicht nur, dass er ein sehr
guter Musiker ist und viel von Mozart versteht, sondern auch weiß, was
Singen bedeutet. Wenn man dagegen hört, wie die großen, charismatischen
Dirigenten der Vergangenheit Vokalwerke dirigiert haben – oft ist das
Orchester sehr gut, die Solisten sind gut, aber der Chor ist schrecklich. Das
ist schade.
Partituren: Was ist denn der Unterschied
zwischen Chor- und Orchesterdirigat?
Herreweghe: Da ist kein Unterschied.
Gut, das ist jetzt etwas provozierend gesagt. Aber man muss durch Arbeit
die Noten untereinander bekommen, sehen, dass es sauber klingt und so
weiter. Und herauszuarbeiten, was die Musik bedeutet – das ist das eigentlich
Wichtige. Das gilt für Chöre wie für Orchester. Nur die Technik ist
anders.
Partituren: Und von dieser Technik
muss man etwas verstehen.
Herreweghe: Natürlich. Der ideale Dirigent
kann alles: Er ist ein Komponist, kennt die ganze Vergangenheit, singt
und spielt Klavier, Geige und Blasinstrumente. Aber das gibt es kaum.
Die meisten haben nur einen Teil der Qualitäten. Ich habe zum Beispiel
leider nie Geige gelernt, so dass ich beim Dirigieren sehr abhängig bin
von meinem Konzertmeister. Er muss meine Ideen umsetzen. Aber ich kenne
auch Dirigenten, die nichts davon können und trotzdem fantastisch sind.
Das einzige, was zählt, wenn man zum Beispiel Des Knaben Wunderhorn
dirigiert, ist, dass man weiß, was es bedeutet hat und was es heute bedeuten
soll. Was uns die Texte sagen in Mahlers Geisteswelt und was sie
uns heute bedeuten können.
Partituren: Woran liegt es dann, dass
viele Dirigenten nur Orchester oder
nur Chöre dirigieren?
Herreweghe: Das hat sich aufgrund
der Ausbildung in den Musikschulen
getrennt. Manche Leute arbeiten nur
mit Sängern, andere nur mit Instrumentalisten.
Zu Brahms’ Zeiten gab
es diesen Unterschied nicht. Musik ist
Musik – ob man eine Bach-Motette
nimmt oder die Psalmensymphonie.
Heute ist die einzige Frage die der
Affinität zwischen einem Dirigenten
und seinem Repertoire. Früher musste
man alles dirigieren, heute muss ein
Dirigent seine Musik mitbringen. Es
ist wie bei einem Museumsdirektor,
der sagen muss: Ich habe 3000 Stücke
in meinem Keller, von denen ich nicht
alles zeigen kann, und deshalb zeige
ich das Wichtigste.
Partituren: Wie ist es mit der Arbeit
am Text? Gibt es da einen Unterschied
zwischen Orchestern und
Chören?
Herreweghe: Die Bedeutung des Textes
und die richtige Aussprache sind natürlich
wichtig. Aber ich habe gerade
Des Knaben Wunderhorn aufgenommen
– da ist die Frage nicht nur:
Was bedeuten die Wörter, wie muss
man sie aussprechen? Die eigentliche
Frage ist: In welchem Grad muss
es ironisch oder doppeldeutig sein?
Und das ist nicht nur so, wenn man es
mit den Sängern einstudiert, sondern
auch beim Orchester. Dafür nehmen
wir uns viel Zeit.
Partituren: Sie arbeiten sowohl mit
modernen Orchestern als auch mit
Alte-Musik-Ensembles. Gibt es einen
ähnlichen Unterschied bei Chören?
Herreweghe: In meiner Jugend haben alle professionellen Sänger nur veristische
Oper gelernt. Wenn die mit so einem Vokalapparat Bach, Monteverdi
oder Haydn gesungen haben – das fand ich schrecklich.
In den späten
60er Jahren habe ich dann Schallplatten entdeckt von Gustav Leonhardt
und habe gesagt: So wie der spielt, müssten wir eigentlich singen. Wir
haben deshalb unsere eigene Vokalschule gegründet, weil wir intuitiv
gespürt haben, das kann so nicht richtig sein. Aber wie es stattdessen sein
müsste, wussten wir auch nicht. Das haben wir uns erst erarbeitet. Und das
betrifft nicht nur das Collegium Vocale, sondern alle Gruppen, die in dieser
Zeit entstanden sind. Inzwischen differenzieren auch die Sänger: Manche
können keinen Bach singen, weil ihre Stimme und Bach nicht zusammenpassen.
Andere können Bach singen
und auch Brahms. Einige wenige können
Bach und auch Verdi singen, was
eigentlich kontradiktorisch ist. In unserem
Chor arbeiten wir deshalb produktionsbezogen:
Die Entscheidung,
wer mitsingt, hängt davon ab, was wir
singen. Wir sind kein Vollzeitchor, der
eine Woche Bach singt, nächste Verdi
und dann Ligeti. Wir haben einige
Allround-Talente, aber speziell in den
Sopranen singen andere Frauen – wer
gut Strauss und Brahms singen kann,
kann meist keinen Bach singen in
meinen Ohren. Das ist wie ein anderes
Instrument.
Partituren: Sie sind ausgebildeter Psychiater
– hilft das bei der Chorarbeit?
Herreweghe: Nein. Glücklicherweise nicht. Denn das würde bedeuten, dass
die Sänger krank wären. Das fragt man mich oft: ob ich die Leute besser
manipulieren kann. Nein, das kann ich nicht. Und das ist ja auch gar nicht
mein Ziel. Aber man macht Musik natürlich nicht nur mit seiner Musikalität,
sondern mit seinem ganzen Wesen. Und dazu gehört in meinem
Fall, dass ich zufällig auch Psychiatrie
studiert und Situationen erlebt habe, die ich sonst nicht erlebt hätte. Und in
diesem Sinne hilft es.
Partituren: Ihr Ensemble wirkt jedenfalls
wie eine glückliche Familie ...
Herreweghe: Ja, das ist vielleicht unser Stil. Die Zeit der Dirigentendiktatoren
ist vorbei. Die Schönheit muss von den Musikern selbst kommen,
vor allem in der Alten Musik. Bei einer Mahler-Symphonie kann man
sich vielleicht noch vorstellen, dass die Musik Illustration einer sicheren
gesellschaftlichen Ordnung ist mit einem Chef. Aber in der Alten Musik
geht das nicht. Da muss der Dirigent den stilistischen Rahmen vorgeben,
aber den Musikern in ihrer Praxis vollkommene Freiheit lassen. Das
funktioniert natürlich nur, wenn das Ensemble nicht zu groß ist.
Partituren: Sie sind einer der bekanntesten
Bach-Interpreten, widmen sich aber in letzter Zeit verstärkt Bruckner.
Was hat Sie denn von Bach zu Bruckner geführt?
Herreweghe: Erstens liebe ich Bruckner, Mahler und Schumann schon mein ganzes Leben lang. Aber man kann
nicht alles machen, man hat einen Fokus, und der lag bei mir eben für einige
Jahre auf der Alten Musik. Und zweitens bin ich kein Barockspezialist – ich
habe nie Händel oder Vivaldi aufgenommen, weil diese Musik nicht meine
Welt ist. Für mich sind Bach, Schütz und Bruckner eine Welt. Mit anderen
Harmonien natürlich, aber eigentlich sind das Variationen über ein Thema.
Partituren: Drei sehr religiöse Komponisten
...
Herreweghe: Sicher. Und Händels Opern sind überhaupt nicht religiös.
Vielleicht bin ich ein bisschen religiös, obwohl ich ganz antiklerikal bin. Ich
würde sagen: Ich liebe metaphysische Musik.
Partituren: Trotzdem konnte man zuletzt lesen, Sie seien Bach-müde.
Herreweghe: Das ist zu viel gesagt. Bach bleibt fantastische Musik, aber
ich vermeide es, Konzertserien zu geben. Ich habe meine Schwierigkeiten
damit, wie Bach im Konzert gespielt werden muss. Als wir anfingen mit
Bach, war das alles ganz neu, und wir haben in Kirchen in Holland gespielt.
Wir waren begeistert, und das Publikum auch – die Leute kannten Bach,
sie waren vorgebildet. Als dann der Erfolg kam, musste ich Bach sehr oft
in großen Sälen spielen, wo er nicht klingt, und vor einem Publikum, das
sonst zu Tschaikowsky kommt. Das hasse ich. Wenn man eine Bach-Kantate
im falschen Raum spielt, wo sich das Mysterium seines Klangs nicht
entfalten kann, und wenn das Publikum nicht weiß, was die Kantate
bedeutet, dann empfinde ich das als Prostitution. Und das mache ich lieber
nicht. Am liebsten nehme ich Bachs Musik auf: Da ist die Besetzung ideal,
die Akustik auch, und bei einer CD man kann hoffen, dass die richtigen
Leute sie kaufen, mit denen man wirklich kommunizieren kann.
Partituren: Viele Orchester pflegen über Jahrzehnte eine bestimmte
Klangkultur. Ist das bei Chören auch so?
Herreweghe: Ich glaube, dass man das Collegium Vocale unmittelbar am
Klang erkennen kann. Das ist der Effekt der Textarbeit auf die Stimme.
Wenn ich mit einem deutschen Rundfunkchor arbeiten würde, glaube ich,
dass man auch da nach einigen Proben hören könnte, wonach ich strebe.
Das ist weniger ein bestimmter Klang der Stimmen als vielmehr die Art, wie
die Musik dargebracht werden muss.
Partituren: Sie haben das Collegium Vocale 1970 gegründet, aber heute
sieht man dort sehr viele junge Sänger. Wie schaffen Sie den Generationswechsel
im Chor?
Herreweghe: Der kommt bei uns automatisch, weil wir nur projektbezogen
arbeiten, wir sind kein Vollzeitchor. Und unser ewiges Tourneeleben ist so
schwer, dass die Sänger, wenn sie ein bisschen älter sind und heiraten und
Kinder bekommen, weggehen. Dadurch haben wir immer neue frische
Sänger. Ich mag diese Vollzeitchöre nicht mit Leuten, die immer älter werden
und eigentlich Solisten werden wollten – nach einer Zeit würden sie
am liebsten bezahlt werden, ohne zu singen. Das ist in Orchestern auch oft
so, und das ist schrecklich. Nur in den allerbesten Profichören finden Sie diese
Mentalität nicht.
Partituren: Singen macht glücklich, heißt es oft. Stimmt das nach Ihrer
Erfahrung?
Herreweghe: Ja, ich glaube schon.
Genauso wie Sport und alle Aktivitäten
des Homo ludens. Wenn man
etwas macht, was zur Ekstase führt im
eigentlichen Sinne des Wortes – dem
Aus-sich-heraus-Treten. Aber wenn
ich in einem Lokal bin und die Leute
spielen Karten, sind sie auch sehr
glücklich. (lacht)
Das Gespräch führte KLEMENS HIPPEL.