Luxemburg - da gibt’s Beamte und Banken. Aber Kultur?
Der reiche Miniaturstaat im Herzen Westeuropas ist merkwürdig
unsichtbar von Deutschland aus – sofern man nicht nahe der Grenze
wohnt. Diesseits von Saarland und Moseltal wissen viele nicht einmal,
wo das Land genau liegt und dass man sich mit den Einheimischen
problemlos auf Deutsch unterhalten kann – die Nationalsprache
Luxemburgisch (Lëtzebuergesch) ist schließlich ein moselfränkischer
Dialekt (weshalb man luxemburgische Nachnamen trotz französischer
Vornamen deutsch ausspricht). Wie das Großherzogspaar heißt, dürfte
nicht einmal der Durchschnittsleser der blaublutbegierigen
Klatschblätter wissen. Und dass in dem Zwergstaat, der um einiges
kleiner ist als der Landkreis Uckermark und weniger Einwohner als der
Kreis Wesel zählt, kulturell etwas los sein soll, mag man sich erst
recht kaum vorstellen.
Doch Luxemburg ist für den Musikfreund eine Reise wert! Der
Zwergstaat hat sich ein Konzerthaus geleistet, das jeder großen
Metropole zur Ehre gereichen würde. Es hat ein erstklassiges groß
besetztes Symphonieorchester. Und es hat Leute mit Ideen, die die
Potenziale zu nutzen wissen.
Wie den Wiener Matthias Naske. Der studierte Jurist und
erfahrene Kulturmanager ist stolzer Hausherr jenes „Etablissement
public“, das offiziell – Französisch dominiert als Amtssprache im Staat
– den sperrigen Namen „Salle de Concerts Grande-Duchesse
Joséphine-Charlotte” trägt. „Es ist eine wunderbare Herausforderung,
ein solches Haus zu leiten.“
Heimelig monumental
Das Gebäude, das Naske mit seinem 30-köpfigen Team bespielen
darf, ist eine Wucht! Christian de Portzamparc, der Star-Architekt aus
Paris, hat Luxemburg einen schillernden Bau beschert, in den man viel
hineinlesen kann. Wobei die Assoziation zu einem Kunsttempel wohl am
nächsten liegt. Auf einer großen Freifläche erhebt sich ein luftiger
heller Bau auf elliptischem Grundriss, dessen hohes, weit vorkra
vorkragendes Dach ringsum von 823 schlanken, dicht stehenden
Stahlsäulen getragen wird. Sie schirmen zugleich die umlaufende,
gebäudehohe Glaswand. Hinter dem dichten und doch lichten Säulenwald
öffnet sich ein atemberaubend dynamisches Foyer, das monumental, aber
nicht einschüchternd, den zerklüfteten Kernbau mit dem großen
Konzertsaal umfängt. Innen und Außen fließen ineinander, Rampen auf
schlanken Stützen führen am Kernbau vorbei hinauf zum „Himmelsfoyer“.
Und immer wieder führen Brücken und Stege hinüber in die Logen des
Konzertsaals. Eine ideale Kulisse fürs Sehen und Gesehen-Werden, zart
gefärbt durch indirektes, pastellfarbenes Licht, das aus den Schluchten
und Kerbungen des Kernbaus aufscheint.
Der Zug ins Monumentale findet sich auch im großen Saal: Er ist
groß und sieht auch so aus. Und wirkt doch erstaunlich heimelig. Ein
Schuhkarton mit aufsteigendem Parkett, flexibel herabzufaltender Decke
und einer Schuke-Orgel als Blickfang über der Bühne. Der Clou aber ist
die Gruppierung der seitlichen Logen in „Türmen“, die an die Häuser und
Balkons einer mediterranen Piazza erinnern sollen. So hat das Auge
etwas zu gucken, ohne dass der Saal unruhig wirkt. Und was für einen
Konzertsaal noch viel wichtiger ist: Auch klanglich ist er, vom
renommierten Akustiker Albert Xu berechnet, hervorragend geraten,
geeignet sowohl für Orchester- als auch für Jazz- und Rockkonzerte,
denn durch eingebaute Samtvorhänge an der Stirn- und den Längswänden
lässt sich die Nachhallzeit um beträchtliche 0,8 Sekunden vermindern –
und damit der gesamte Klangcharakter verändern.
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