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Europareise
London

„Wer bey diesen zeiten etwas in der Music zu praestiren vermeinet, der begibt sich nach Engelland. In Italien und Frankreich ist was zu hören und zu lernen; in Engelland was zu verdienen; im Vaterlande aber am besten zu verzehren.“ So schreibt Johann Mattheson 1713 in seinem „Neu-Eröffneten Orchestre“. Und tatsächlich:
Dieser Empfehlung sind damals viele Komponisten und Instrumentalisten aus Europa gefolgt, schließlich wendete England damals „große Spesen auff tüchtige Virtuosen“.

Diese ausländischen Musiker waren es, die die Zeit in London um 1720 so interessant machten.
Der Bedeutendste unter ihnen war Georg Friedrich Händel, der 1710 erstmals „Engelland“ besuchte und sich zwei Jahre später für immer hier niederließ. Er kam allerdings nicht als reisender Virtuose, sondern als Kapellmeister des Kurfürsten von Hannover, der 1714 auch die britische Königswürde erbte.
Händel trug entscheidend zur Popularität der italienischen Oper bei – sie hatte vor ihm an der Themse keinen rechten Erfolg gehabt, man bevorzugte Werke in englischer Sprache. Es war zwar nur eine kurze Blütezeit, die die Oper mit Händel erlebte – dennoch wurden die Auseinandersetzungen unter den Primadonnen
und unter deren Anhängern legendär. Der Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Opernunternehmen wurde mit harten Bandagen ausgefochten. 1733 zum Beispiel warb der Hauskomponist der neugegründeten „Opera of Nobility“, der berühmte Gesangslehrer Nicola Porpora, Händels „Royal Academy of Music“ sämtliche Sänger ab.

Dass Musiker im England dieser Zeit so gute Chancen hatten, lag aber nicht nur an der Oper, sondern auch am Konzertwesen, dessen Entstehung gemeinhin mit London in Verbindung gebracht wird. Als Erster hatte 1664 Ben Wallington im Londoner Mitre Inn ein öffentliches Konzert gegeben, 1672 begann John Banister mit Konzerten in seinem Privathaus. Sechs Jahre später gab es dann bereits einen speziellen Konzertsaal.
Auf dieser Tradition bauten nach der Mitte des 18. Jahrhunderts die berühmten Konzertreihen von Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel (seit 1765) oder Johann Peter Solomon und Joseph Haydn (seit 1791) auf. Einer der vielen Solisten, die es nach England zog, war der italienische Geigenvirtuose Francesco Geminiani,
der 1716 mit Händel am Hofe konzertierte und später zahlreiche, zum Teil wöchentliche Subskriptionskonzerte gab.

Geminiani war freilich auch Komponist – und da war das Geldverdienen nicht so leicht. Denn Produktpiraterie war unter den europäischen Verlegern durchaus verbreitet, ohne Skrupel druckte man fremde Werke nach. So auch der Londoner Verleger John Walsh, der Händels „Rinaldo“ herausgab und dessen Sohn später Händels Werke verlegte. Walsh brachte Geminianis Werke, die bei Etienne Roger in Amsterdam erschienen, auf den englischen Markt. Nicht, dass sich Roger wirklich darüber hätte beschweren können – er war bekannt dafür, Gleiches mit Werken anderer Komponisten zu tun.
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