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Auf zu neuen Ufern
Auf zu neuen Ufern
Der große Umbruch in der europäischen Musik um 1730


Große Umbrüche in der Musikgeschichte werden gemeinhin verknüpft mit großen Namen. Einen dieser Umbrüche erlebte die Musik zwischen 1730 und 1750 in ganz Europa: das Ende des „Generalbasszeitalters“. Es war geprägt von einer musikalischen Satzweise, in der über einem durchlaufenden Bass ein Geflecht von Stimmen oder auch eine Solostimme fortgesponnen wird (instrumental oder vokal). Die zentralen Gattungen, die dieser Typus geprägt hatte, waren die Triosonate, das Concerto grosso, das Solokonzert, die Kantate und natürlich die Opera seria. Doch wer hat diesen Umbruch betrieben? Die heute bekannten Komponisten der Zeit, an erster Stelle Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel, waren es nicht. Wenn man die neue Musik dieser Zeit verstehen will, muss man den Blick richten auf die weniger großen oder vielleicht sogar kleinen Namen.

Eine neue ästhetische Luft

Wer kennt schon Francesco Conti (1681/82 – 1732), Nicola Porpora (1686 – 1768) oder Leonardo Vinci (ca. 1690 – 1730)? Gerade mit diesen Komponisten aber ist der Weg umrissen, auf dem sich der Umbruch in einer der zentralen Gattungen vollzogen hat: der Sinfonie. Sie kam auf die Welt, indem sie sich aus der Oper, die sie bis dahin instrumental einleitete, herauslöste. Schon seit etwa 1700 war für die Opernsinfonia eine zyklische Dreiteiligkeit üblich geworden. Jetzt, um 1720, kam eine andere Bauweise hinzu: der kadenz- und taktmetrische Satz. Die Sinfonia verlor (zunächst) ihre strömende, harmonisch durch Benutzung vieler Durchgangsakkorde geschmeidige Beweglichkeit. Sie wurde neu gegliedert durch den Zusammenschluss metrisch klar markierter, kurzer und im Kern gleichartig gebauter Glieder bzw. Taktgruppierungen. Diese Kleingliedrigkeit ging einher mit einer Beschränkung auf die gerüstbildenden Harmonien. Der Fortgang wurde also geprägt durch eine Reihung kurzer Kadenzierungsvorgänge, was erhebliche Folgen für die Bassbewegung hatte: Da diese nur wenig Stufen zu tragen hatte, verlor sie ihre melodische Eigenständigkeit. In dieser neuen, oberstimmenbetonten Homophonie grundierte sie das Geschehen anfangs vor allem durch einzelne Akzente oder durch Tonwiederholungen (Trommelbässe).

Parallel zur Veränderung der Opernsinfonia ereignete sich ein operngeschichtliches Ereignis ersten Ranges, das ähnliche satztechnische Folgen hatte. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts war die Opera seria durchsetzt mit Intermezzi, volkstümlich-komischen Pausenfüllern zwischen den Akten, die in keinem Bezug zum Hauptgeschehen standen. Um 1730 machten diese sich selbständig und bildeten einen großen Teil des Repertoires wandernder Operntruppen. Als Prototyp der Gattung gilt mittlerweile Giovanni Battista Pergolesis La serva Padrona (1733). Auch wenn sie selbst noch eingebunden war in eine Opera seria (Il Prigoniero superbo), so hat sie doch den neuen Geist der Opera buffa schon charakteristisch ausgeprägt. Die schnelle dramatische Aktion und der flinkzüngige Wechsel der Faktur in der neuen homophonen Kurzgliedrigkeit sind bereits vollkommen miteinander verschmolzen. Dass Pergolesi (1710 – 33) keine weiteren Spuren in der Operngeschichte hinterlassen hat, lag an seinem frühen Tod. Den Schritt zur eigentlichen Buffa hat kurze Zeit später Leonardo Leo (1694 – 1744) getan, der auch in der Entwicklung der Sinfonie eine Rolle gespielt hat.
Meist lösen sich radikale historische Umbrüche bei näherer Betrachtung in eine Vielzahl kleinerer Übergange auf. Das gilt auch hier. Bereits die beschriebenen Veränderungen stellen eine Phase noch vor der sogenannten Vorklassik dar. Und umgekehrt stehen auch zwischen diesen und dem Barock-Stil weitere Zwischenphasen – mit weiteren „kleinen“ Namen.

So konnte etwa Johann Adolf Hasse (1699 – 1783) der Opera seria neue Töne abgewinnen. Auf der Basis der vo-rangegangen Tendenzen zur Straffung der Gattung verlieh er ihr eine größere dramatische Beweglichkeit, etwa durch Komprimierung der da capo-Arie (der vokalen Hauptform von Oper und Kantate), durch Erweiterung des Orchesters zum lebendigen Partner der Singstimme, die ihrerseits...

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