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Zwischen den Zeiten, zwischen den Stühlen Der Pianist, Komponist und Bach-Bearbeiter Ferruccio Busoni
Viele Konzertgänger kennen ihn nur als Bearbeiter von Werken Johann Sebastian Bachs. Mancher wird nicht einmal wissen, dass die zweite Hälfte des Kürzels Bach-Busoni mit Vornamen Ferruccio hieß. Dabei war der Deutsch-Italiener eine der interessantesten Musikerpersönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts: als Pianist und Komponist, als Denker und Lehrer.
Fast möchte man meinen, der Ort wirke wie ein Symbol. Geht man in Berlins Bayerischem Viertel, nicht unweit vom Wittenbergplatz mit seinem KaDeWe, auf die Suche nach dem Haus, in dem Ferruccio Busoni von 1909 bis 1924 – mit der Kriegsunterbrechung 1915-20 – gelebt und mächtig gewirkt hat, macht man eine ernüchternde Entdeckung. Umgeben von herrschaftlichen Häusern aus der Jugendstilzeit erinnert am Haus Viktoria-Luise-Platz 11 nur eine Gedenkplakette an den prominenten Bewohner: „Hier wohnte bis zu seinem Tode / Ferruccio Busoni / Musiker – Denker – Lehrer / 1866 – 1924 / Die Società Dante Alighieri Comitato di Berlino anlässlich des 100. Geburtstages des Künstlers“. Das Gebäude selbst ist nüchternster 50er-Jahre-Stil – ohne jede Spur von der geistvollen Präsenz seines Bewohners im geliebten Berlin der Vor- und Nachkriegszeit, jener Periode des Auf- und Umbruchs, in der er in den Jahren vor 1914 ebenso markante Akzente setzte wie in den unruhigen 20er Jahren.
Musiker – Denker – Lehrer: Wer war dieser Ferruccio Busoni? Nach übereinstimmender Meinung der Zeitgenossen eine faszinierende Persönlichkeit, ein gut aussehender Mann, in dem sich romanisches Stilgefühl mit deutscher Gedanklichkeit paarte. Ein homme de lettres, der Tausende von wohl formulierten Briefen verfasste – davon allein 800 an seine Frau Gerda. Ein umfassend gebildeter Gesprächspartner, der persönliche Bekanntschaft zu Stefan Zweig und Franz Werfel, George Bernard Shaw und dem Futuristen Marinetti, zu Gabriele d’Annunzio wie zu Else Lasker-Schüler pfl egte.
„Als ich Busoni zum erstenmal begegnete“, erinnerte sich 1925 der Freund und Dichterkollege Jakob Wassermann, „stand er im Alter von achtunddreißig Jahren: ein Mann von erstaunlicher Schönheit, sehr gepfl egt, sehr verwöhnt, emporgehoben durch den Beifall der Welt ... Voller Kraft, voller Nerv, voller Intensität, voll geistiger Leidenschaft.“
Und Arthur Lourié, der russische Futurist, der als 21-Jähriger den berühmten Pianisten erstmals hörte und ihm keck seine Kompositionen präsentierte, schrieb rückblickend: „Die Schönheit Busonis war eine männliche Schönheit, begabt mit einem einmaligen Charme in der Haltung und in den Bewegungen. So wie Lear, ein König bis in die Fingerspitzen war, war Busoni ein wirklicher Künstler ...“
Fürst der Pianisten
Gisella Selden-Goth, eine von schwärmerischer Verehrung geleitete Schülerin des Meisters, schilderte seine Wirkung in geradezu expressionistischer Manier: „Die Menschenwellen schlugen über dem Podium zusammen, auf dem er, einem hohen schmalen, schwarzen Strich gleich, sich mühsam den Weg nach vorne bahnte. Und als er dem tausendköpfi gen starren Wall der vor Erregung aufgewühlten Masse entgegentrat, auf dem immer wieder ein Orkan von Jubel emporbrandete, fühlte er vielleicht selbst, dass er hierher gehört.
Hierher zu uns.“ Keine Frage, Busoni versetzte das Publikum – ob in Berlin, London, Paris oder New York – in staunende Bewunderung. Und man fragt sich unweigerlich, was passiert wäre, wenn Thomas Mann diesem charismatischen Mann einmal begegnet wäre ... Ein Gegenbild zu Mijnheer Peeperkorn, dem Abbild Gerhart Hauptmanns?
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